Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1891)
- Date
- 1891-03-06
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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s 1823, das Verordnungen über die Einrichtung der jüdischen Gemeinden, die Behörden derselben, die Verwaltung und den Kultus enthält, wurden überall jüdische Volksschulen eingerichtet, die vollständig den Charakter der öffentlichen Volksschulen bekamen und den christlichen Volksschulen in allen Punkten gleichstanden. (Siehe Schmid, Pädag. Encyklopädie, Artikel „Hessen".) Die Lehrer rekrntirten sich zum größten Theil aus dem 1824 gegründeten Kasseler Seminar, zum kleineren aus autodidaktisch Gebildeten, die aber eine ordnungsmäßige Prüfung vor einer der in den vier Provinzialhauptstädten (Kassel, Fulda, Marburg und Hanau) bestehenden Prüfungskommissionen für israelitische Lehrer abzulegen batten. Seit 1866 wurden diejenigen in Fulda, Marburg und Hanau aufgehoben und nur die mit dem Seminar in Kassel verbundene blieb bestehen. Da überall, selbst auf den kleinsten Plätzen Kurhessens, jüdische Gemeinden bestanden, waren und sind größtenteils noch auch fast überall jüdische Elementarschulen. Die Lehrer an denselben waren und sind ebenfo wie ihre christlichen Kollegen pensiousberechtigt, stehen seit 1876 Dank der eifrigen Bemühungen der Konferenz israelitischer Lehrer Hessens, und namentlich ihres verdienstvollen Begründers und Leiters, des Seminardirektors Dr. Stein in Kassel, auch im Gehalt beu christlicheil Lehrern völlig gleich, beziehen wie diese die staatlichen Alterszulagen u. s. u>. Infolge der Freizügigkeit und des allgemeinen Drangs nach den großen Städten nahmen nun die kleinen Gemeinden Kur- Hessens immer mehr ab. Darunter hatten auch die Schulen an vielen Plätzen zu leiden, die Schülerzahl schrumpfte in vielen auf eine geringfügige Zahl ein, und es kam vor, daß in eiliigen Schulen nur zwei, vier, sechs oder sieben Schüler waren. Manche Stellen wurden daher bei Vakanzen überhaupt nicht wieder beseht. In anderen dagegen wllrde selbst bei der geringell Schülerzahl die Schule forterhalten. So in Naumburg. Dort waren zuletzt nur-noch zwei Schüler. Infolge einer Differenz zwischen Lehrer und Gemeinde beantragte nun vor Kurzem die letztere bei der Regierung die Aufhebung, die von dieser auch allsgesprochen wurde. Es wurde daher dem Lehrer Schön von der Negierung per 1. April gekündigt. Da er indessen definitiv angestellt ist und nach einer Ministeriälverfügung einem solchen solange das Gehalt weiter zu zahlen ist, bis er eine mindestens gleichdotirte andere Stelle gesullden hat, wurde ihm gleichzeitig aufgegeben, sich bis zll gedachtem Termin llm eine andere Stelle zu bewerben. Zum Glück wurde gerade mne andere Stelle, Helmarshallsen, durch den Tod des seitherigen Inhabers erledigt, und so wllrde der Lehrer Schön von Naumburg nach Helmarshausen versetzt. Hannover, 13. Februar. In Gegenwart des Vorstandes und zahlreicher Mitglieder der hiesigen israelitischell Gemeillde wllrde heute Vormittag das dem Andenken des Oberkantors H. Berggrün gewidmete Grabdenkmal auf dem neuen Friedhof all der Strangriede enthüllt. Die ernste Feier wurde dllrch ein Tranerlied, das von dem Verstorbenen zu einem ähnlichen Alllaß komponirt war, eilrgeleitet. Alsdann gedachte Herr Landrabbiner Dr. Gronemann in einer herzlichen Ansprache des Verstorbenen. Mit einem Gesang des Hrn. Oberkantors Lazarus und des Synagogenchors schloß die erhebende Feier. Das etwa 2 Meter hohe Grabmal zeigt folgende Widmung: „Dem Oberkantor Heinrich Berggrün, geb. 19. Elull 5598 (9. September 1838), gest. 30. Kislew 5560 (23. Dezember 1889), in Dankbarkeit errichtet von der Synagogengemeinde Hannover". &ßr Münster, 2. Marz. In Nr. 5 dieser Zeitschrift vom 29. Januar dieses Jahres wird als Beleg für die hier betriebene antisemitische Hetze unter Anderem mitgetheilt, daß fast alle Fenster der Synagoge nächtlicher Weile zertrümmert mld viele Denksteine auf dem israelitischen Friedhofe zerstört worden seien. Diese Vorkommnisse sind weniger erheblich und finden hier auch allgemein nicht die Deutung, welche jene Mittheilung zllläßt. Freilich sind eine Anzahl Scheiben in der Front der Synagoge eingeworfen worden, aber es ist dies schon im Frühjahr und Sommer vorigen Jahres geschehen, und zwar durch verwahrloste Knaben, welche um dieselbe Zeit außer beu Fenstern an der Straßenseite der Synagoge and) noch die einer nahebei gelegenen christlichen Schule sich als Zielscheibe für ihre Handfchleuder ausersehen haben. Derartige Straßenjungenstreiche auf Antisemitismus " zurückzuführen, dürfte doch als zu gewagt erscheinen. Ebenso wenig kann ein Zusammenhang mit solchem daraus festgestellt werden, daß um Mitte Oktober vorigen Jahres sieben Denksteine auf dem israelitischen Friedhofe von ruchloser Hand umgeworfen wurden. Gleicher Frevel ist nämlich kurz zuvor anch^auf verschiedenen christlichen Friedhöfen hier mehrfach verübt und war aus dem israelitischen gelegentlich zu verüben um so leichter, als dieser wegen vorgenommener Erweiterung zur Zeit offen lag. G Dülmen, 20. Februar. Heute fand vor der Strafkammer des Landgerichts zu Münster die Verhandlung gegen den „wegen Störung des Gottesdienstes" angeklagten Znnmermann Jandrich statt. Der Anklage lag folgender Thatbestand zu Grunde: Am 23. F bruar 1890 fand in Dülmen die Beerdigung einer jüdischen Dame statt. Während des Gebetes erhob der Angeklagte aus einem in unmittelbarer Nähe des Friedhofes gelegenen Hanse ein solches Geschrei, daß alle Anwesenden sich darob entrüsteten. Heute erhielt nun der Angeklagte 2 Monate Gefängnitz, und betonte der Präsident des Gerichtshofes, daß eine exemplarische Strafe für die bewiesene Rohheit am Platze gewesen sei. L2 Augsburg, 2. März. Auf Anregung eines Theiles der Verwaltung der hiesigen Gemeinde werden hier in nächster Zeit drei Vorlesungen zur Förderung der Kenntniß jüdischer Geschichte und Litteratur stattfinden. Bei einem großen Theil der Gemeinde fand diese Idee lebhafte Zustimmung. Vor recht zahlreichem und aufmerksamem Publikum hielt heute Herr Rabbiner Dr. Groß den ersten dieser Vorträge über das Thema „Herodes der Große". In klarer, wohlgefügter Form, in wissenschaftlicher und zugleich populär-interessanter Weise zeichnete der gelehrte Redner den Charakter und die Thaten des Fürsten und schloß mit einer sehr wirkungsvollen Schilderung der Zeitverhältnisse. Zum Thema seines zweiten Vortrages wählte Herr Dr. Groß: „Olymp und Sinai". * Leipzig, 2. Mürz. Es mehren sich die Fälle, daß ehemalige Führer der Antisemiten sich von ihrer früheren Meinung lossagen. So gab jüngst die Gattin des vor Kurzem in Paraguay verstorbenen Berliner Gymnasiallehrers Dr. Bernhard Förster die Erklärung ab, „daß Förster, der früher ein heftiger Antisemit war, später durch allerhand persönliche Erfahrungen und fern von Parteikümpfen seine antisemitische Meinung als eine vollständig irrthümliche erkannte." Försters Anschauungen über Religions- und Rassengegensätze hatten auf Gruud gemachter Erfahrungen und in Folge des Ausreifens seiner Gedankenwelt erhebliche Modifikationen erfahren, die ihn der antisemitischen Partei entfremden mußten. b. Leipzig, 1. März. Unsere Stadt, welche durch den Anschluß der Vororte und durch den Geist ihrer Einwohner den zweiten Rang unter den Großstädten im Deutschen Reich erhalten hat, bemüht sich, wie im wissenschaftlichen und künstlerischen Streben, auch in patriotischer Beziehung dem Vorbild der ersten Reichsstadt Berlin nachzueifern. Und wie der städtische Geist seit den frühesten Zeiten belebend und anregend wirkte und die Einwohner allezeit der geschichtlichen Epoche in Deutschland würdig gestaltet hat, so haben auch unter denselben die jüdischen Glaubensgenossen seit Moses Mendelssohn dem Fluge der Zeit ltiib der kulturellen Einwirkung Folge geleistet. — Das zeitweilige Auftauchen des Antisem itismus, welcher, jedem Fortschritt entgegen, den unberechtigten Platz im Staate beansprucht und durch Haß nnb Verleumdung eine große Anzahl deutscher Bürger, die bind) Opfer von Gut und Blut sich in Deutschland das Heimathsrecht erworben haben, nun trotz alledem zu verdrängen sucht — ist die Ausgeburt der Phantasie Einzelner, welche die friedliche Stimmung in unserer Stadt zu stören verstanden haben. Vorübergehend sind die mißlick)en Gegenströmungen, wenn mit einheitlick)er Kraft dagegen gekämpft wird, wenn edles Wollen und Können des bewährten jüdischen Herzens, wenn die jüdische Wohlthätigkeit in die Schranken treten und die Humanität unseres Glaubens den Kampf zum Segen Aller aufnehmen. Es dürfte wohl von allgemeinem Interesse sein, zu erfahren, in welcher Weise die Betätigung unserer jüdischen Gemeinde nach dieser Richtung sich bewährt. Im Geiste der in unserer Stadt im Jahre 1869 abgehaltenen jüdischen Synode sind die Berathungen, welck)e das Wohl und Wehe unserer Glaubensgenossen zu behandeln hatten, und die Beschlüsse, welche daraus hervorgegangen, seitdem bestimmt worden. Fast alle wohltätigen Stiftungen reiä)en möglichst die Hilfe — ohne Unterschied der Konfession — und die Bruderhand, die der Jude in Leipzig seinen notleidenden d)ristlick)en Mitbürgern entgegenhält, kennt keine Animosität. Die persönlid)en Angriffe, welche hier und da der Einzelne von antisemitischer Gehässigkeit in der Presse oder in der Oeffentlichkeit zu erdulden hat, werden auf gesetzlichem Wege durch Klage und richterliches Urtheil zum Austrag gebracht — und die Entscheidungen, welche mit steigenden Strafbeträgen den Richtersprüch besiegeln, zeigen wohl,