Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1891)
- Date
- 1891-03-06
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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65. Ächrgang. Nr. lö. Lertin, 6. Mär; 1891. 'WeiLcrge zur „Atkgerneinen Zeitung öes IuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. X. Berlin, 2. März. Die Tagesordnung der gestrigen Sitzung der Reprü se nt a n te n-Versa mmlung war eine ziemlich reichhaltige. Mit llebergehung mehrerer minder wichtiger Gegenstände heben wir hauptsächlich zwei Punkte wegen ihres allgemeineren Interesses hervor. Der eine betraf einen Antrag auf Einrichtung einer gynäkologischen Station im jüdischen Krankenhause, der zweite die Aenderung des Tarifs für das Beerdigungswesen. Der Antragsteller für beu ersten Gegenstand war Herr Sanitätsrath Dr. Blumenthal. Derselbe führte aus, daß eine solche Station eine dringende Nothwendigkeit sei Sie müßte unter einem besonderen dirigirenden Arzte stehen; mit ihr könnte auch eine Poliklinik für Frauenkrankheiten verbunden werden; es lasse sich leicht durch Einschränkung der Zahl der aufzunehmenden an anderen Krankheiten leidenden Personen fürs Erste ein Saal mit einigen Betten Herstellen. In der null folgenden Debatte bekämpfte besonders Herr Jsaac den Antrag mit Nachdruck. Der Antrag sei nicht mehr neu; von einem wohlthätigen Privatmann wären bereits vor längerer Zeit zu diesem Zwecke 100000 Mk. angeboten worden. Allein im Krankenhause selbst sei kein Platz; über hundert Kranke hätten erst vor Kurzem abgewiesen werden müssen; nicht einmal für das Personal der Anstalt sei genügender Raum. Außerdem dürfe nicht außer Acht gelassen werden, daß der Op erati 0 u ssaal für diesen Zweck nicht zu gebrauchen sei, da die Gefahr der Ansteckung nicht vermieden werden könne, trotz aller Vorsicht, die man anwenden möchtewenn man nicht etwa einen Neu- resp. Umbau des Krankenhauses beschließen wolle, sei der Plan einer gynäkologischen Station für jetzt unausführbar. Den vom Antragsteller zurückgezogenen Antrag nimmt alsdann Herr Prof. Lazarus wieder in der Form auf: den Vorstand der jüdischen Gemeinde 311 ersuchen, die Einrichtung einer gynäkologischen Station in Erwägung zu ziehen. Derselbe wird angenommen. Ueber den anderen Gegenstand, dessen Erledigung fast eine Stunde in Anspruch nahm, und im Verlaufe dessen es zu einer lebhaften Auseinandersetzung zwischen dem Vorsitzenden der Repräsentanten-Versammlung und einem Kommissar des Gemeindevorstandes hinsichtlich der Geschäftsordnung kam, referirte Herr Heilmann. Der im alten Tarif bestehende Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Verstorbenen ist im neuen aufgehoben. Eine wesentliche Ermäßigung der Beerdigungskosten ist in der zweiten und dritten Klasse eingetreten; dagegen soll bei Erbbegräbnissen ein besonderer, über den derer st en Klasse hinausgehender Tarif in Anwendung kommen. Vorläufig noch nicht festgestellt ist ein besonderer Tarif für Fremde. Die Ansicht der verschiedenen Redner ging vielfach auseinander, allein darin waren diese einig, daß der Tarif noch mehr zu vereinfachen sei. Die von einem Redner gemachte Bemerkung, daß in Berlin noch so viele Gemeindemitglieder sich der Einschätzung entzögen, erklärte der Kommissar vom Vorstandstische aus als eine alte Mythefür die schon oft gemachte Beschuldigung wisse man niemals Beweise durch Nennung von Namen anzuführen.. Nachdem der Antrag des Geheimen Sanitätsraths Dr. Marcuse, daß die Angelegenheit an eine gemischte Kommission zur nochmaligen Berathuug überwiesen werde, abgelehnt worden war, wurde der Tarif mit Vorbehalt einer späteren Aenderung angenommen. — Angenommen wurden ferner zwei bou einander getrennt zur Abstimmung gelangte Anträge, den Vorstand zu ersuchen : 1. einen besonderen Tarif für verstorbene Fremde, 2. einen solchen für nichtzahlende Ehrenmitglieder in Erwägung zu-ziehen. - Hierauf trat man in die geheime Sitzung ein. CD Berlin, 4. März. Die erste Lesung des Volksschulgesetzentwurfes ist von der Kommission beendet worden. Unmittelbar nach Ostern sott die zweite Lesung stattfinden, in welcher auch die vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde und dem Rabbinerverbande eiugereichten Petitionen zur Vorlage kommen werden. * Berlin, 2. März. Den russischen Inden wird die Auswanderung durch die Maßnahmen der anderen Staaten nicht minder erschwert, als durch die Gewaltthätigkeit der eigenen Regierung. Daß England schon wiederholt Schritte zur Verhütung einer Immigration russischer Inden gethan hat, haben wir an dieser stelle schon früher berichtet. Nunmehr trifft auch Amerika Prohibitivmaßregeln. Die Einwanderungsbill der Vereinigten Staaten von Nordamerika wird in der vom Repräsentantenhause beschlossenen Fassung Gesetzeskraft erlangen, nachdem sie so der Senat angenommen hat. Das Gesetz verbietet die Einwanderung von Personen, die zur Reise Unterstützung erhielten und von denen anzunehmen sei, daß sie die öffentliche Mildthätigkeit in Anspruch nehmen würden. Zum Ueberfluß wird noch gemeldet, daß auch die preußischen Behörden an der Grenze eigenthnmliche Maßregeln bezüglich der russischen Auswanderer befolgen. So schreibt man der „Volks-Zeitung" aus Strasburg in Westpreußen: „In Folge Verordnung der höheren Behörde wird in den Grenzbezirken über die russischen Auswanderer eine scharfe polizeiliche Kritik geübt. So mußte sich gestern eine reisende Gesellschaft von mehr als 40 Personen vom Bahnhofe nach dem Polizeibureau begeben, wo sich herausgestellt hat, daß dem größten Theit der Auswanderer entweder das erforderliche Reisegeld oder ordnungsmäßig ausgestellte Legitimationspapiere fehlten! Die Auswanderer wurden in Folge dessen nach der Grenze zurückgebracht." O Berlin, 4. März. Daß die so übertrieben zur Schau getragene Königsirene und Vaterlandsliebe der Antisemiten nicht weit reichen würde, haben wir stets vorhergesagt. Es war eine Maske, welche die Herren vorgebunden hatten, so lange sie auf die Gunst der Behörden rechneil 311 dürfen glaubten. Nunmehr, da nach einem neuen Kurs gesteuert wird, zeigen die ehemals „Deutsch- Nationalen" sich in ihrem wahreil Lichte. An Liebäilgeleien mehr oder iveniger offener Natur mit der Sozialdemokratie hat es ja während der ganzen Dauer der Beweguiig nie gefehlt. Jetzt erklärt Dr. Bocket, der antisemitische Neichstagsabgeordnete, in der Tivoli-Versannnlung vom 19. Februar unter st ür m ische m B e if a l l seiner Parteigenossen: „Wenn das so weiter geht, dann gehen wir in die Opposition!" Nun, Glück auf beu Weg. Wie um zu beweisell, daß die Partei es sehr schnell gelernt hat, die Worte ihres Führers in Thaten umzusetzen, wird heute gemeldet: Das letzte Heft der antisemitischen Monatsschrift „Das 20. Jahrhundert" wurde in Jena wegen einer darin enthaltenen Majestätsbeleid igung beschlagnahmt; dasselbe war der Fall mit dem Manuskript des betreffenden Artikels bei dem dortigen Herausgeber der Schrift. Die Beschlagnahme erfolgte angeblich auf Requisition der Berliner Staatsanwaltschaft. Hh Schlawe i. Pom., im Februar. Am 18. d. Mts. feierte der hiesige israelitische Frauen - Wo hlth ätigteils-Verein sein 25jähr. Jubiläum, und faub am genannten Tage zunächst Gottesdienst in der Synagoge statt, welche bis auf beu letzteil Platz gefüllt war. Die Festrede wurde voll Herrn Rabbiller Dr. Mannheimer aus Lauenburg gehalten. An die Synagogenfeier schloß sich etwas später ein Souper an. Bei demselben ergriff der Beirath des gefeierten Vereins und Vorsteher der hiesigen Synagogengemeinde, Herr Kaufmanil H. Guter, das Wort zu einem begeisterten Hoch auf den deutschen Kaiser, in das die Anwesenden mit Enthusiasmus einstimmten. Sodann toastirte Herr Dr. Mannheimer auf den Verein, nächstdem Herr N. Roberg auf den Vorstand. Herr I. Abraham, Vorsitzender der hies. Repräsentanten, brachte den Toast auf die Verwaltung des Vereins aus, und schließlich Herr Kaufmann I. Groß in schwungvoller Rede auf das Wohl des Herrn Rabbiners Dr. Mannheimer. — Nach aufgehobener Tafel fand ein Tanzkränzchen statt, bei welchem während der eintreteuben Pausen unterhaltende Vortrüge komischer und ernster Art die Gäste bis früh morgens munter erhielten. 6. Frankfurt a. M., 4. März. Ein interessanter Fall auf dem Gebiete des israelitischen Schulwesens ereignete sich jüngst in Kurhesseil. Bekanntlich hat dieser Theil der preußischen Monarchie die ältefteu und besten jüdischen Schulen. Durch das kurhessische Gesetz von