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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-06 · Heft 10 (6.3.1891) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 10 (6.3.1891)
Date
1891-03-06
Page
Seite 120 (sequence 12)
Language
German
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der Rechnung crtheilt und die drei noch am Leben befindlichen Stiftungs- Mitglieder des Vereins, die Herren Geheimer Sanitätsrath Hr. Kristeller und Sanitätsrath Dt. S. Neumann zu Berlin, sowie Sauitätsrath Dr. Samuel Meyer zu Breslau, zu Ehrenmitgliedern ernannt. ' Die alljährlich wiederkehrenden, mit den Generalversammlungen dc-s Bereins verbundenen Herrensoupers gehörten in den siebziger Jahren zu den interessantesten Berlins. Gefeierte Festredner, wie Gneist, Berthold Auerbach und der langjährige Vorsitzende, Professor Lazarus, verschönten dieselben durch ihre Trinksprüche. Dann hatten sie aber dasselbe Schicksal, wie so viele andere gewohnheitsmäßige Feste der Reichshauptstadt. Mit der immer höher steigenden und luxuriöser werdenden Geselligkeit in den Privathäusern erlosch das Jirteresse an den öffentlichen Gastmählern, und in den letzten Jahren fiel deshalb das Festmahl des Vereins ganz aus. Diesmal schienen nun die alten Zeiten noch glänzender wiederzukehren. Etwa 200 Festtheilnehmer saßen im festlichen Gewände an den langen Tafeln und erquickten sich an guten Speisen und Getränken nicht minder wie an vorzüglichen Trinksprüchen. Den Reigen eröffnete der derzeitige Vorsitzende, Geheimrath Professor Dr. Levin Goldschmidt, mit dem Toast auf den Kaiser. Seine Rede gestaltete sich zu einer inhaltsvollen und gediegenen Rechtsgeschichte der Emanzipation der Juden in Preußen. Er zeigte, wie aus der Duldung die Rechtsgleichheit entsprossen; kein bedeutendes Moment der ganzen geschichtlichen Entwickelung blieb unberührt. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte die Versammlung seinen Worten und stimmte jubelnd in das Hoch ein, nachdem der Redner zum Schluß darauf hingewiesen, wie unser jugendlicher Kaiser erst vor Kurzem denjenigen seiner Ahnen, der zuerst das Prinzip der religiösen Freiheit anerkannte, den Großen Kurfürsten, als sein Ideal bezeichnet hatte. Es folgte Herr Rechtsanwalt Dr. H. Veit Simon mit dem Trinkspruch auf den Verein. Er knüpfte an jene alte Legende an, nach welcher während der Belagerung Jerusalems durch Vespasian Jochanan ben Saccai sich in einem Sarge ins römische Lager tragen ließ und dort vom Kaiser die Genehmigung zur Errichtung einer hohen Schule zu Jabne erhielt. So sei auch die Wissenschaft bei den Inden nie todt gewesen, sondern habe nur zeitweise todt geschienen. Unser Verein habe aber nicht ausschließlich die jüdische Theologie gepflegt, sondern habe in viel höherem Maße die jüdische Jugend den Profanwissenschaftcu zugeführt und dadurch nicht etwa einseitig jüdischen Interessen, sondern den allgemeinen Kulturzwecken gedient. Es ist nicht möglich, alle noch folgenden Reden auch nur ihrem wesentlichen Inhalt nach wiederzugeben. Wenn ein Wolfs die Ehrengäste begrüßte und ein Hirsch in deren Namen dankte, so klingt dies beinahe wie ein Kapitel aus Reineke Fuchs. Man muß daher zur Erläuterung beifügen, daß der „Knochen-Wolff" und der „Pest-Hirsch" gemeint sind.') Dann erklärte Julius Stettenheim mit seinem bekannten, nie versagenden Humor die von Liebermann (aber, wie der vorsichtige Redner betheuerte, nicht von Sonnenberg) gezeichnete Tischkarte. Stettenheim bewies stellenweise, daß er auch warm von Herzen zu Herzen sprechen kann. Es folgten noch Professor Mendel, Justizrath Makower, Sauitätsrath Neuinan» — doch verschlang der immer höher steigende Festtrubcl den größten Theil ihrer Rede». ') Für diejenige», welche mit den Verhältnissen der Berliner Universität nicht vertraut sind, diene zur Nachricht, daß dies nicht etwa injuriöse Bezeichnungen sind, sondern von der wissenschaftlichen Thätigkeit hergenommene Ehrennamen. Beide sind Professoren der Medizin in Berlin, Herr Professor Hirsch Dekan der Fakultät. Als die Festtheilnehmer — wenn wir darauf verzichten, Einzelne zu nennen, so ist es sicherlich nicht etwa, weil nicht genug „Sterne" darunter gewesen wären; denn auch an diesen fehlte es nicht—', sich trennten, war cs recht spät geworden. Trotzdem soll, wenn die Fama richtig berichtet, ein nicht unerheblicher Bruchtheil derselben (sogar bis in die Jubiläumssemester hinauf) sich noch beim Glase Bier im Cafö zusammengefuuden haben. Hoffentlich ist ihnen Allen am nächsten Morgen jenes Hausthier, welches nach den neuesten Forschungen aus Mizrajim stammt, fern geblieben! Fitterarische Mitthellungen. — Am 14. Februar hielt Herr Dr. Isidor Hirsch aus Hamburg, Sohn des dortigen Oberrabbiners, einen Vortrag im Afike-Jehuda-Verein zu Prag über „Das alexandrinische Judenthum". Das alexandrinische Judenthum ist ein viel durchforschter, bekannter Abschnitt der jüdischen Geschichte, und es ist nicht leicht, hier auch nur betreffs geringfügiger Einzelheiten Neues zu bringen, und doch hat der Vortragende nicht wenig scharfsinnige Bemerkungen im Vornbergehen eingestrent, so z. B. die prägnante Beweisführung über die Falschheit der alexandrinischen Dokumente bezüglich der Entstehung der Septuaginta, die treffenden Bemerkungen über den historischen Werth der talmudischen Notizen für jene Epoche, die Beweisführung über die bisher noch nicht erwiesene Annahme der Transskription des Bibeltextes mit griechischen Schriftcharakteren. Doch worauf es dem Vortragenden zumeist ankam, war eine solche Gruppirung der Thatsachen, daß der Hörer ein klares Gesammtbild der besprochenen Geschichtsperiode empfange, ferner die Betrachtung der Thatsachen von einem Standpunkt, der die Ursachen und die nicht zu verhindernden Folgen jener Ursachen begreifen lehrt. Diese Aufgaben wurden glücklich gelöst. Dr. Hirsch betrachtet das nlexandrinische Judenthum als propagandistische Periode, die, weil sie dem Judenthum Expansion verleihen will, ihm die Konsistenz raubt. Das alexandrinische Jlldenthum soll den ästhetisirenden Hellenismus durchtränken mit dem gemüthstiefen Judaismus. Und darum wird die griechische Bibelübersetzung als erster Apostel iu die Welt gesandt. Denselben Zweck verfolgt der Aristeasbrief, die jüdischen Sibyllen, der Pseudo-Phokilides. In Wahrheit jedoch wird der gemüthstiefe Judaismus vom ästhetisirenden Hellenismus aufgelöst, und während sich Philo für einen treuen Schüler Mosis hält, bewirkt er durch seine Schriften, daß die Lehre Mosis den Alexandrinern nichts Anderes bedeuten kann, als eine verherrlichende Allegorie des Platonismus. Es ist nun selbstverständlich, daß ein solches Judenthum, welches nur die Form, aber nicht mehr den Geist des Judaismus festhielt, dem Hellenismus keinen eigentlichen Widerstand entgegenzusetzen vermochte. Es mutzte in Alexandrien zu Grunde gehen. Versprengte Reste desselben kamen nach Palästina und arbeiteten hier dem Christenthum vor. In Palästina war allerdings der Hellenismus schwach, dafür aber wurde das Ziel des Alexandrinismus, die Verschmelzung des Hellenismus und des Judaismus, auch im Christenthum nicht erreicht. Diese Aufgabe lösten selbst die späteren Jahrhunderte uicht, erst unsere Zeit strebt die Lösung auf richtigem Wege an. iubem sie biblische Humanität der Kunst und Wissenschaft nicht mehr unterordnet, sondern alle drei für gleichberechtigte Faktoren der Kultur hält. — Die schöne Vortragsweise Dr. Hirschs wird durch ein klangvolles Organ unterstützt, und mit Spannung lauschten die Zuhörer dem jungen, aber gelehrten Gast, der ihnen aus der Fülle feines Wissens ein anschauliches Bild aller Bestrebungen des alexandrinischen Judenthums hervorholte. Der reiche Applaus war wohlverdient, denn ist auch die alexandrinische Epoche tragisch, die Darstellung derselben gleichsam eine Tragödie, so verstand es Dr. Hirsch, der aristotelischen Lehre, daß die Tragödie den Hörer erschüttern und reinigen müsse, gerecht zu werden, indem gezeigt wurde, wie nicht Willkür und blinder Zufall, sondern das ewige Gesetz von Grund und Folge das Schicksal der Völker leite. A—z. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Mar Bauch Witz in Berlin.

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