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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-06 · Heft 10 (6.3.1891) · p. Seite 119

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 10 (6.3.1891)
Date
1891-03-06
Page
Seite 119 (sequence 11)
Language
German
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119 unter einer niedrigen Stirn sind gerade keine Kennzeichen männlicher Schönheit. Wenn man nun noch zu dem unvortheilhaften Eindruck seiner äußeren Erscheinung das Borurtheil gegen seinen Erwerb und seinen jüdischen Glauben hinzurechnet, nun, dann darf man sich nicht über die Abneigung der biedern und damals noch sehr beschränkten Landbewohner wundern. — Onkel Jakob zeigte stets ein ängstliches, verschüchtertes Wesen, eine natürliche Folge der geringen Liebe, die er unter seinen Mitmenschen fand. Aber die Bauern meinten, cs tönte vom „bösen Gewissen". So schrieben sie ihm bald alles Mögliche und Unmögliche zu. Er galt bei ihnen als Zauberer, der das Vieh behexte und das Wetter machte, der Feuer anfachen und besprechen könnte. Der Grund dieser Gerüchte mag wohl die strenge Ausübung der religiösen Pflichten und Ceremonien gewesen sein, denn Onkel Jakob war ein strenggläubiger Jude. Etwas Gutes hatte aber diese abergläubische Furcht für ihn; man kaufte ihm ab, selbst wenn inan nichts nöthig hatte, und war froh, wenn er den Rücken wandte, ohne daß ein, ihin natürlich zugeschriebener, Schabernack passirte. Besonders auf den größeren Gütern warf inan dein Onkel Jakob noch andere Schandthaten vor. Hatte man ihm aus Mitleid oder Furcht über Nacht einmal Obdach gewährt, so fehlten sicher nach der Abreise des Juden verschiedene Dinge: Geld, Leinen und dergleichen. Natürlich klagte das „unschuldige" Gesinde den Jakob au. Er galt auch für einen unverbesserlichen Trunkenbold; denn mehr als einmal hatte man ihn auf der Chaussee zwischen den Rädern seines Wagens liegend besinnungslos aufgefunden. Das thut in den meisten Fällen der Branntwein; aber die Ermüdung, die winterliche Kälte und die unzureichende Nahrung — man denke mit an die Religiosität des Mannes — thun es auch. Was nur immer Böses während seines Aufenthalts geschehen mochte, immer mußte Onkel Jakob der Urheber gewesen sein. Gar oft war er von der Polizei dem strengsten Verhör unterworfen, sein Waarenbündel, sein Wagen und seine Taschen auf's Peinlichste untersucht worden — niemals fand sich das geringste Belastende; dennoch blieb der Verdacht bestehen, und die Bauern schüttelten klug die Köpfe: kein Wunder, daß man nichts fand bei dem Hexenmeister. Es ist doch ganz begreiflich, daß in Folge all der angeblich von ihm begangenen Frevelthaten die süße Jugend ihn ingrimmig befehdete. Die Kleinen versteckten sich bang vor ihm, die Großen verfolgten ihn mit Schmähworten und Steinwürfen, und er, der Hexenmeister mit dem bösen Gewissen, er trieb sein mageres Gäulchen, das den Kopf eben so demnthig senkte wie sein Herr, zu rascherem Gange an, um aus dem Bereich der jugendlichen Heldcnthaten zu gelangen. Kurz, Onkel Jakob wandelte nicht auf Rosen hinieden. Ich dagegen liebte den Onkel Jakob. Kannte ich ihn doch schon seit meiner frühesten Jugend und noch heute, da ich fast ein Greis bin, habe ich ihm ein dankbares Gedächtniß bewahrt. So weit ich znrückdcnke, war er von den herannahenden großen Festen unzerrennlich. Welche Aufregung, wenn das Glöckchen seines Gäulchens vor dem Thor des Gutes ertönte. Dann trat er mit seinem dicken Waarenbündel auf die große Diele; erstarrt vom Frost oder durchnäßt vom Regen, entkräftet von den Strapazen einer beschwerlichen Reise. Welche Schätze kamen da zum Vorschein! Das ganze Hans versammelte sich. Die Mägde umdrängten ihn mit leuchtenden Augen und versorgten sich mit bunten Tüchern, grellen Schinucksachen und seidenen Bändern. Ich wartete ungeduldig auf den mir wohlbekannten Kasten zu unterst des Biindels, welcher Spielsachen enthielt. Wenn nun in meiner Tasche kein rother Heller Geld mehr klimperte, wie gut verstand dann Onkel Jakob meine verzweifelte Miene. Er sandte mir einen tröstenden Blick zu und gab mir die schönen Sachen, wie Taschenmesser, Bilderbücher und Baukasten, auf Borg. Er war es auch, der mich später mit Büchern, Zündhütchen und Pulver versah. Unterdeß runzelte mein Vater die Stirn und gab unserm alten Verwalter ein Zeichen, welches dieser ans Erfahrung wohl verstand. Sobald die Einkäufe beendet waren, durfte der Hausirer nicht unuöthig verweilen. Er packte seine Waaren wieder säuberlich ein, man öffnete ihm die Thür und bewachte ihn scharf im Hofe. Natürlich half ihm Keiner sein schweres Bündel auf den Wagen heben. Oft ergriff mich tiefes Mitleid, und ich wollte meinem alten Freunde beispringen aber, — mir fehlte der Muth. Auch sagte mir mein Verstand, daß es ein undankbares Bemühen ist, diejenigen allein zu vertheidigen, welche die ganze Welt angreift. Onkel Jakob war das letzte Mal in den Fasten, kurz vor Ostern bei uns. Die Wege waren grundlos, und der Frühlingssturin brauste über die weiten Ebenen. Bevor der Greis ging, sah er zum Himmel empor und fragte dann schüchtern, ob er bei seinem Pferde im Stalle schlafen dürfe. Bei dieser Zumuthung erstarrte meine Mutter fast vor Entsetzen, und der Vater schlug es ihm rundweg ad. Der Greis entfernte sich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Ich aber lief ihm nach und flüsterte heimlich zu: „Unten bei der Windmühle ist eine offene Scheuer, da kannst Du ja Unterkommen." „Großen Dank, junger Herr," erwiederte ec, „aber ich kann die Stadt wohl noch erreichen." „Wenn aber das Unwetter noch heftiger wird, wenn ein Schnecsturm losbricht?" Onkel Jakob sah zum Himmel. „Das thut nichts, junger Herr, wer kümmert sich um den armen Juden? Keiner in Gottes Welt! Wenn ihm ein Unglück zustößt, wird Keiner darüber weinen." Ich stand erstaunt, denn noch niemals hatte mein armer Freund so viel mit mir gesprochen. Im innersten Herzen war ich aber noch fester, als bisher davon überzeugt, daß Onkel Jakob kein schlechter Mensch sei. (Schluß folgt.) U Aas Jubiläum des Kilfsverrrns für jüdische Stndirende irr Berlin. Von Georg Minden. Der goldig schimmernde Festsaal der Gesellschaft der Freunde, in welchem vor zwei Monaten die Lewandowski-Feier stattgefunden hatte, sah am vorigen Donnerstag wieder ein Jubiläumsfestmahl. War es damals die Kunst gewesen, welche der Versammlung ihre Weihe gab; so war es diesmal ihre ernstere, wenn auch nicht minder ideale Schwester — die Wissenschaft: der Hilfsverein für jüdische Studirende feierte die fünfzigste Wiederkehr seines Stiftungstages. Freilich hatte das ersterwähnte Fest einen großen Vorzug, indem auch das schöne Geschlecht damals zahlreiche Vertreterinnen entsandte. Am letzten Donnerstag dagegen waren nach althergebrachter Sitte nur Herren versammelt. Dennoch fehlte es auch hier nicht an ungetrübter Heiterkeit. Die wichtigsten Thatsachen aus dem Bericht des Vorstandes über die Geschichte des Vereins sind bereits in einer der früheren Nummer» dieses Blattes wiedergegeben worden. In der dem Festmahl unmittelbar vorhergehenden Generalversammlung wurden die statutenmäßig ausscheidenden Vorstandsmitglieder wiedergewählt, die Decharge

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