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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-06 · Heft 10 (6.3.1891) · p. Seite 118

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 10 (6.3.1891)
Date
1891-03-06
Page
Seite 118 (sequence 10)
Language
German
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118 jüdischen Händen ist. Die eigentlichen antisemitischen Demonstrationen, die Algier in den letzten sechs Jahren gesehen, gingen stets von Europäern aus, nie von Muhammedanern?) Dieselben waren stets von tolerantester Gesinnung, so sehr, daß noch heute die algerischen Juden den Jahrestag des Sieges der Türken über Karl V. festlich feiern. Wohl mußten sie früher auch viele Schmähungen ertragen, jedem Moslim aus dem Wege gehen, oder wenn sie auf einem Maulthier sitzend bei einer Moschee vorbeikamen, demüthig absitzen. Ost wurden die reichsten von ihnen unter den naivsten Begründungen gefangen gesetzt und dann ihres Vermögens beraubt. Wenn sie zum Islam übertraten, mußten sie erst Christ werden. Es kam auch vor, daß zu den Zeiten der Deys die Janitscharen manchmal die ganze jüdische Bevölkerung ausplündern durften. Dagegen genossen sie den völligen Schutz ihrer Geistesfreiheit und ihrer Religionsübung. Nie bekehrte man jüdische Kinder wider den Willen der Eltern zum Islam, immer achtete man ihre Synagogen, Friedhöfe, Heiligengräber, Wallfahrtsorte. Auch Schulen durften sie sich halte». Aber inerkwürdig ist der Zug von Geringschätzung, den der Muhammedaner trotz seiner Toleranz dem algerischen Juden gegenüber an den Tag legi. Sie haben die Juden lange Jahrhunderte hindurch als unkriegerisches Volk gekannt, llnd da ihnen nur das kriegerische als das echt männliche Element erschien, so waren die Inden bei ihnen eine durchaus unmännliche Rasse. Dazu kommt noch die soziale Verachtung, die sie jedem unterdrückten und handeltreibenden Volk gegenüber stets bezeigten. So kam es, daß bei Einnahme feindlicher Städte durch die Muhammedaner während der Medermetzelung der Einwohnerschaft neben Frauen und Kindern auch die Juden verschont blieben. Fröbel-Armansperg erzählt darüber noch (S. 37): „Ein Beduine versicherte mir einmal ernsthaft, cs wäre eine ebenso große Schande, bei Ueberfall einer Karawane einen Juden zu tödten, als Frauen uttb Kinder. . . . Mehrere alte Moslims in Algier versicherten mir ernsthaft, daß vor der Ankunft der Franzosen die Inden, wie die Eunuchen, freien Zutritt zu den Frauengemächern gehabt hatten." Merkwürdig und aufklärend für die Auffaffung der Muhammedaner ist auch folgende Sage: Muhammeds Neffe hatte alle jüdischen Männer im Kampf getödtet. Da klagten die jüdischen Frauen dem Propheten ihr Leid, daß nun das auserwählte Volk aussterben nrüsse. Da bat Muhammed Allah um Rath. Dieser offenbarte ihm durch den Erzengel Gabriel, daß die Frauen durch ihre tobten Männer das Geschlecht weiterpflanzen würden! Somit seien die jetzigen Juden Nachkommen von Tobten! So wenig diese naive Sage noch heute Glauben finden mag, so erhellt sie doch klar die Auffassung der Muhammedaner. Heber den Charakter des algerischen Juden berichtet uns ein deutscher Afrikareisender, Dr. Bernhard Schwarz"), er besitze „zäheste Energie, außerordentliche Opferfähigkeit beim Streben nach einem Ziele, Nüchternheit, Enthaltsamkeit, glühende Phantasie, schwärmerischen Hang mit Neigung zu Fanatismus und Intoleranz, hochpoetische Anlage neben der Fähigkeit, die lebhafteste Empfindung hinter der Maske der Gleichgiltigkeit zu verstecken" u. a. m. Ihre Kleidung ist im Allgemeinen die der Mauren, wenn sie nicht schon von dem modischen Pariserthum verdrängt ist. Auch rühmt Dr. Bernhard Schwarz sehr ihre hohe, stattliche Figur und ihre Schönheit, namentlich bei den Frauen. Leioer scheint die Durchschnittsbildung der algerischen Juden nicht sehr hoch zu sein. Unter den im Jahre 1880 in den Aushebungs-Militärlisten Eingeschriebenen') befanden sich jüdische Analphabetiker (die weder schreiben noch lesen können): 1877 : 38,41 Prozent 1879: 36,78 Prozent 1878: 47,11 „ 1880: 41,45 „ Allffällig erscheint diese große Anzahl der jüdischen Analphabetiker im Vergleich mit den Zahlen der französischen: 1877: 11,83 Prozent 1879 : 8,18 Prozent 1878: 12,05 „ 1880: 11,95 „ Auch zeigen die höheren Schulen und Akademien Algiers geringe Betheiligung von Seiten der Juden. Im Jahre 1881 befanden sich unter den 46 Schülern, welche die medizinische und pharmazeutische Präparandencn (Eeole preparatoire niedeeine et de pharniacie) besuchen, nur 2 Juden; in der Rechtsschule (Eeole de droit) unter 97 nur 2; in der Eeole des letties unter 170 keiner jüdischer Konfession, in der Eeole des seienees unter 41 nur 1! Somit machen die Juden Algeriens eine unrühmliche Ausnahme von den übrigen, deren eine Haupteigenschast es immer war: Durst nach Wissen, nach Intelligenz! FEUILLETON Onkel Iakok. Erzählung von Friedrich Saphrn. Es ist gar schön in meiner ostfriesischen Heinrath. So weit das Auge blickt, überall reichgesegnete Felder lind Wiesen von geradlinigen Kanülen durchzogen, auf Ivelchen die Lastschiffe im dunklen Waffer langsam dahinziehcn. Die weiten Flußlünfe und der Meeresstrand sind vor: einer oft doppelten oder dreifachen Kette von Deichen eingefaßt — ein Riesenrverk — welches die gesegneten Gefilde vor lleberschwemmungen und den austürmendeu Meereswogen schützt. Die ungeheure Ebene, welche dem Meere, dem sie entstammt, so ähnlich ist, dient zahlreichen Menschen zur Wohnstätte. Schmrrckc Städte und viele, von Obsthainen umgebene, reinliche Dörfer legen Zeugniß ab von dem Fleiß und der Wohlhabenheit der Bewohner, deren Haupterrverbsguellen Ackerbau, Viehzucht, Fischfang und Schifffahrt sind. Die Begebenheit, die ich erzähle, spielt vor etwa vierzig Jahren! In ineiner Jugend gab es in unserm Lande einen alten jüdischen Hausirer, welchen ich Onkel Jakob nannte. Keiner kannte seinen andern Namen; ebenso wenig wußte Jemand, auf welche Weise er aus seiner ferngelegenen polnischen Heimath in unsere, damals noch so weltentrückte Gegend gekommen war; welcher Strirm des Schicksals ihn bis hierher gewirbelt hatte, welche Leiden ihn schon vor der Zeit grau gemacht, seine Stirn gefurcht und seinen Rücken gebeugt hatten. Armer, verirrter Zugvogel! Onkel Jakob besuchte die Dörfer. Drei- oder viermal im Jahre sah man ihn mit seinem Wägelchen, seinein kleinen magern Gäulchen und seinem dicken Waarenbündel dort erscheinen. Man liebte ihn nicht, und zwar aus mehrfachen Grüirdeu. Seine äußere Erscheinung war iricht bestechend. Seinen Oberkörper bedeckte der bekannte lange Rock, welcher fast bis zu den mit hohen Schaftstiefeln bekleideten Füßen herab reichte. Den Kopf bedeckte eine alte Pelzmütze aus Fuchsfell. Und das Gesicht darunter, eingerahmt von einein zerzausten, grauen Barte, nun, es war wohl nie schön gewesen; — denn eine stark gekrümmte Nase, ein breiter Mund und kleine Augen 9 S. Fröbel-Ariiiansperg S. 39. -) Algerien, Leipzig, 1881. S. 344. ') Statistique generale. S. 17.

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