Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1891)
- Date
- 1891-03-06
- Page
- Seite 117 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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—— 117- —- auf den Lippen schwebte, wird von Elia auf ihr Abkommen verwiesen. — Der nächste Abend führt sie in das Gehöft eines reichen Mannes, derben Gästen fast nichts zukommen läßt, überhaupt sich sehr ungastlich benimmt. Als Entgelt baut Elia eine schadhaft gewordene Mauer, die der Besitzer hatte umbauen laffen wollen, verinöge seiner Wunderkraft sofort wieder auf. Josua schweigt. Am folgenden Abend begeben sie sich (nach Art der Fremden) in die prachtvoll ausgerüstete Synagoge und hören, wie derjenige, dem die Aufnahme der Fremden für diesen Abend übertragen wurde, sich äußerte: „Für solche Leute ist Brod und Wasser genug!" Am andern Morgen beim Abschiede wünscht ihnen Elia, daß sie Alle Oberhäupter würden. Josua hört schweigend zu. Am nächsten Abend finden sie im Gegentheil eine sehr gastliche Aufnahme, die Elia damit vergilt, daß er nur Einem aus der Gemeinde wünscht, Oberhaupt zu werden. (Nach einer weiteren Ausführung der Legende habe Elia, nachdem sie eine gastfreundliche Aufnahme bei einem Ehepaar gefunden, den einzigen Sohn desselben, der mitgeschickt wurde, um ihnen den schwierigen Uebergang über eine Brücke zu zeigen, von dieser Brücke in den Abgrund gestürzt.) Nun war es mit Josua's Geduld zu Ende; auf alle Gefahr hin bat er Elia, ihm sein Verfahren zu erklären. Elia bewilligt ihm die Bitte, ehe er sich von ihm trennt, mit der Erklärung: Jene Kuh sei gestorben als Sühne für die Frau, die eigentlich sterben sollte; jener ungastliche, reiche Mann hätte unter der Mauer, wenn er sic niedergerissen, einen Schatz gefunden; eine Gemeinde, in welcher Jeder ein Oberhaupt sein wolle, sei Zwistigkeiten ausgesetzt, während in einer Gemeinde, die ein Oberhaupt habe, Ruhe und Friede herrsche (der Jüngling, den er in den Abgrund gestürzt, wäre ein lasterhafter Mensch geworden und hätte seinen Eltern vielen Gram verursacht) u. s. w.') (Schluß folgt.) U Di« Juden in Algerien. Soziologische Studie von Ludwig Jakobowski. Das letzte statistische Jahrbuch, das in Paris über Algier erschien^), spricht nur von Israelites indigenes, also von „ciugcbornen" Israeliten, und begeht dadurch einen historischen Fehler. Denn die in Algier ansässigen Juden sind keineswegs „Eingeboerne" in dem Sinne, wie es die muhammedanischcn Stämme der Araber, Berber rc. in Algerien sind. Zum ersten Mal erfahren wir im Jahre 1391 von einer großen Einwanderung von Juden, die durch den Fanatismus des Erzbischof von Niebla nach fast 25 jährigem segensreichen Wirken aus Spanien fliehen mußten, da dieser fanatische Priester in Sevilla, Cordova, Barcelona u. a. m. die Pöbelherrschaft gegen die Juden aufrief. Der zurückgebliebene Rest nahm das Christenthum an, aber diese Scheinchristen, die Anussim oder Marannen genannt wurden, hatten unter dem härtesten Mißtrauen zu leiden. Als 1492 'die Mauern aus Spanien flohen, durch das berüchtigte Edikt Ferdinands des Katholischen, geschah die zweite jüdische Einwanderung in Algerien. Die Inden trafen hier eine Mischbevölkerung an, Mischbevölkerung sowohl in religiöser, wie ethnologischer Beziehung. Der größte Theil der Bevölkerung bestand aus Arabern und arabisirten Berbern, die in der Ebene, und aus Kabylen, die in dem Gebirge wohnten. Diese Spaltung zwischen Muhammedanern des Landes und der Gebirge ') Außer dem Sagenbuch von Nissiin befindet sich die Legende auch bei Seder ha-dorot; englisch in Publications ofthe Society of Hebrew literature II, S. 142. Vgl. Koran (Sure 18, die Höhle). Steinschneider Cat. Bodl. S. 1558. ") Statistique generale en Algerie. Annees 1879/81. Paris, Iroprimerie nationale 1882. ist bis zur Gegenwart giltig, ja ein dritter Theil, die Muhammedaner der Städte, macht jetzt den Haupttheil der Bevölkerung aus (1882: ca. 2 Millionen unter 3'/a Millionen Gesammtbevölkerung). Bei Mischbevölkerungen ist Toleranz in religiösen Dingen immer anzutreffen, namentlich aber in muhammedanischen Ländern herrscht weitgehendste Toleranz. Auch die klimatologischen Bedingungen waren für die Juden in Algier außerordentlich günstig, wenn auch die Behandlung derselben unter der Herrschaft der Deys bis zur Okkupation des Landes durch die Franzosen oft nur aus Unterdrückungen und Mißhandlungen bestand. Unter den 37- Millionen Einwohner Algeriens befanden sich 1882 35,665 Juden, also 1,07 Proz. von der Gesammtbevölkerung und 14,2 Proz. von dem europäischen Theil der Bevölkerung. Während sich die übrige europäische Bevölkerung in den Jahren 1876/81 um 14,51 Proz. vermehrte, beträgt die Zunahme der jüdischen Bevölkerung nur 6,4 Proz. Leider ist das statistische Jahrbuch ungenau genug und giebt nicht an, ob die Zunahme durch Einwanderung oder durch Geburten im Lande erzielt wurde. Jedenfalls sind die klimatologischen Bedingungen für die Juden derart günstig, daß beispielsweise in den Jahren 1878/80 auf 100 Geburten 58 Todesfälle kamen.') Das stimmt auch mit der Beobachtung eines indischen Arztes überein, der die jüdische Rasse für die einzige erklärte, die kolonisatorische Begabung hätte, insofern als fie am besten von allen südliches Klima ertragen könne. Bis zuni Jahre 1870 waren die Juden nur geduldet, aber noch nicht gesetzlich als französische Staatsbürger zugelassen. Erst auf den Antrag Cremieux's verlieh 1870 die französische Republik den algerischen Juden das Bürgerrecht. Die sonst so duldsamen Muhammedaner opponirten, denn die Juden waren ja ihre Untergebenen, und diesen Duldsamkeit zu zeigen, war ja nur Gnade ihrer Herrenmoral. Es widerstrebte dieser aristokratischsten aller Religionen, nun die Juden auch staatlich als gleichberechtigt anzuerkennen, da sie ja nun Niemanden hatten, an dem sie ihre Machtinstinkte explodiren lassen konnten. Thiers war auch gegen den Antrag Cremieux's, da aber die französischen Republikaner Algiers, die Radikalismus und Toleranz vereinigten, dafür stimmten, lveil sie durch die Juden eine Verstärkung des nichtmuhammedanischen Elements in Algier erhofften, so wurde das diesbezügliche Dekret am 24. Oktober 1870 erlassen, das alle cingebornen Juden Algeriens zu französischen Bürgern erklärte. Vor diesem Tage hatten sich schon 200Juden naturalisiren lassen. Sehr wenig glaubhaft erscheint mir, was Fröbel-Arniansperg in einer soeben erschienenen ausgezeichneten Broschüre -) berichtet: „Der alte Thiers, der wohl sah, welchen schlechten Eindruck die Maßregel bei den Muhainmedanern machte, wollte sie durch die Nationalversammlung wieder aufhcben lassen, und er wäre auch damit durchgedrungen; aber eine Abordnung hervorragender israelitischer Finanzleute crösfnetc dem Oberhauptc der Republik, daß, sollte er bei seiner Absicht beharren, ihren Stammesgenossen das einmal verliehene Bürgerrecht wieder zu entziehen, sie ihn in der Abzahlung der fünf Milliarden an Deutschland nicht mehr zu unterstützen vermöchte». Natürlich zog Thiers das kleinere Hebel vor, und die lex Cremieux blieb im Bestand des französischen Staatsrechtes." Gegenwärtig sind gerade jene radikalen Republikaner, welche die Aufnahme der Juden in den französischen Staatsverband so eifrig befürworteten, die eifrigsten Antisemiten. Die große judenfeindlichc Bewegung Europas hat auch dorthin ihre Wellen geworfen. Und das ist begreiflich, da auch hier ein großer Theil des Handels in ') Bei den übrigen Europäern 106 Geburten auf 89 Todesfälle! -) Europa und die Anschauungen muhammedanischer Völker. Leipzig, Wiegand. 1890. S. 36.