Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1891)
- Date
- 1891-03-06
- Page
- Seite 116 (sequence 8)
- Language
- German
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falschen Propheten, und das Land wird von einem starken Regen erfrischt. Die Einzelheiten dieser meisterhaft dargestellten Erzählung dürfen als bekannt vorausgesetzt werden. Wie hat nun die Hagada') in ihrer Anschauung von Elia diese beiden Begebenheiten in einander zu verarbeiten gewußt? Gott hat dem Elia auf drei Jahre den Schlüssel über Regen und Thau überliefert, sich also allen Einfluffes auf diese Naturerscheinungen begeben. Furchtbar sind die Leiden, die über das sündige Land kommen; kaum für den Marstall des Königs ist etwas dürftiges Gras zu beschaffen; Elia ist verschwunden. Gott, der da ist ein pj|-p) DllTl Sn ein erbarmungsvoller und gnädiger, will dem hart geprüfte» Lande zu Hilfe kommen, den Sündern die Hand zur Buße entgegenreichen/ Aber Elia weigert sich, den Schlüffe! zum Regen zurückzuliefern; „mögen sie in ihrer Sünde untergehen" eifert der Strenge. Da im dritten Jahre des Leidens stirbt der Sohn der Wittwe, und Elia bittet Gott um den „Schlüssel zur Wiederbelebung der Todten." Da muß er sich eine ähnliche Zurechtweisung, wie Jona (am Ende des nach ihm genannten Buches) gefallen lassen. „Dich rührt der Jammer der Mutter, die doch nur ein Kind verloren hat, und ich sollte mich nicht der Tausende Leidender erbarmen, die doch auch meine Kinder sind." — Schließlich bekommt das Kind sein Leben wieder, und das Land wird mit Regen begnadigt. Mit der Vorstellung von dem über das irdische Dasein fortgesetzten Leben und Wirken des Elia muß es übrigens die Zeit nach ihm ernster gemeint haben, als in dem Begriff der Auferstehung der Todten oder der Unsterblichkeit der menschlichen Seele liegt. Nicht blos, daß nach dem Bericht des zweiten Buches der Chronik (21, 12—15) an den König Jeoram von Juda (892—884) ein mahnendes und drohendes Schreiben von Seiten des Elia erging, lvährend die irdische Wirksamkeit des Elia kaum an den Tod des Vorgängers des genannten Königs heranreicht; sondern der jüngste aller Propheten, Maleachi, schließt sein Buch (etwa 400 Jahre nach Elia) mit den Worten: „Siehe, ich schicke euch den Propheten Elia, bevor der Tag des Herrn anbricht, der große und furchtbare, daß er das Herz der Väter den Kindern, das Herz der Kinder den Vätern zuwende," und ihn versteht derselbe Prophet, wenn er am Eingänge seiner im 8. Kapital enthaltenen Rede von dem „Gottesboten, den Israel verlangt" und „dem Brudersengel", den es erwartet, spricht. Also soll Elia der Vorläufer des großen Gerichtstages sein, von welchem die Propheten häufig sprechen, oder auch der Ankündiger des Messias. Denn in der Person eines solchen verdichtet sich bekanntlich in der nachprophetischen, namentlich in der unglücklichen römischen Zeit, das ideale Ziel der dankbar größten menschlichen Vervollkommnung, gemeinsamer Anbetung eines Gottes, da alles Böse wie Rauch vergeht, alles Unrecht seinen Mund verschließt und ein ewiger Frieden herrscht. Daher in den neutestamentlichen Schriften die Jdentifizirung des Täufers, ja auch des Christus selber mit Elia -), ein Gegenstand, auf den einzugehen nicht dieses Ortes ist. Die talmudischen Lehrer, die ungefähr um die Zeit lebten, da die neutestamentlichen Schriften ihre heutige Gestalt annahmen, suchen sich") über die Stellung, die Elia einnehmen, und über die Sendung, zu der er bestimmt ist, klar zu machen. Es scheint ihnen indeß nicht recht gelungen zu sein; die Zustände, aus denen heraus der Prophet von einem „Zurückführen des Herzens der Väter zu den Kindern" u. s. w. spricht, und die möglicherweise auf Konflikte in den Anschauungen auf einander folgender Generationen schließen lassen, hatten sich im Laufe eines halben >) I. Berachot c. 5. Sanhedrin 113a. Jalkut II. Nr. 207. Kalir im Tal-Gebet. 9 Matth. 16,13.17, 10. Markus 6, 15.9, 11. Lukas 1,17. Joh. 1, 21. 25. 3) Edujot Ende. Jahrtausends vollständig verändert, und schließlich begnügt man sich mit der Erwartung, daß Elia allgemeinen Frieden über die Welt bringen werde. Mit der Erwartung einer solchen idealen Zukunft, deren Vorläufer Elia sein sollte, also mit dem großen Gerichtstage oder der Ankunft des Messias, den Elia änzukündigen habe, ließ es die ältere Hagada sich genug sein; ins. Einzelne gehende Ausmahlungen einer solchen Zeit finden sich in jüngeren haggadischen zum Theil schon mit kabbalistischen Ideen verknüpften Bildungen. Daher bleiben prozessualische Entscheidungen, welche der jüdische Richter einst treffen kann, zurückgelegt, „bis Elia kommt", d. h. aufgeschoben ad calendas graecas, ohne daß ihm die Berechtigung, auch nur einen bestehenden Brauch zu ändern, geschweige denn ein Gesetz zu abrogiren zugeschrieben wird; denn auch, daß er auf dem Berge Karmel (also nicht im Jerusalemer Tempel) geopfert habe, war nur eine für den Augenblick nothwendige, aber nicht dauernde Abweichung der gesetzlichen Vorschrift. Aber auch außer dem Vorläufer des Messias braucht die Legende einen plötzlich eintretenden Boten aus dem himmlischen Reiche, und dazu konnte nur — wie schon oben angedeutet — ein Elia dienen. Wenn man das, was am Sabbat Morgen in Sura gesagt, schon am Abend in Pumbedita weiß, so kann nur Elia solches mitgetheilt haben. Seine Schnelligkeit ist zwar nur der vierte Theil derjenigen des Engels Michael, er erscheint aber doch zwischen dem Ausziehen des einen Schuhes und des anderen, was an ähnliche Geschichten im Koran erinnert. Er erscheint als Araber, um einen Urtheilsspruch zu vollziehen'), als ein feindlicher Reiter, der den Schime b. Asche jagt und in Schweiß bringt, so daß die von ihm verschluckte Schlange unschädlich wird;') als ein Römer zum Schutze des Nachuin Gimso?) als ei» Armer, der um ein wenig Stroh bittet4), als ein Eideshelfer für R. Schela/) ja in der Gestalt eines Weibsbildes, um R. Meir zu retten"). Nicht minder läßt er sich von verschiedenen Gelehrten sehen oder treffen, giebt ihnen Rathschläge und Weisungen, erzählt ihnen, was im Himmel vorgeht u. dergl; seiner Anwesenheit im Lehrhause verdankt man die Lösung schwieriger Fälle, was man auch von Späteren sagte oder — glaubte. Ein inniges Verhältniß auf Erden verband Elia mit dein Mystiker und Wundermann Josua b. Lewi (a 3. nachchristl. Jahrhundert). Unter Anderm beschäftigte diesen die Frage, an welche schon Propheten und Dichter') .ihre Kraft angewendet, und welche der Talmud") auch dem Moses, der zu Gott betet: „Lehre mich doch deine Wege"'), in den Mund legt, nämlich die Frage, warum es im Leben den Guten oft schlecht emd den Bösen oft gut gehe. In dem (nachtalmudischen) Sagenbuch wird uns erzählt"), Josua b. Lewi habe gefastet und sich kasteiet, auf daß er des Glückes gewürdigt werde, Elia zu sehen. Dieser erschien ihm auch, ging auch auf die Bitte Josua's ein, ihn begleiten jii dürfen, damit er sehe, wie die Welt verwaltet wird, aber unter der Bedingung, daß Josua sich nie eine Frage gestatten dürfe; wenn er das thue, so wären sie sofort geschieden. Gut, Josua geht auf die Bedingung ein, und sie machen sich gemeinschaftlich auf den Weg. Am ersten Abend kommen sie nach einem ärmlichen Hause, dessen Bewohner, ein altes, bedürftiges Ehepaar, die Gäste ausnehmend freundlich aufnehmen und beherbergen. Am Morgen, bei dem Abschiede, veranlaßt Elia, daß die Kuh, das einzige Besitzthlim des Ehepaares stirbt. Josua, dem schon die Frage 9 Berachot 6d. -j Sabb. 109 a. 3) Taanit 21a. 4) Nedarim 50a. 5) Berachot 58a. °) Aboda sara 18d. ’) Irrem. 12, 1. Ps. 73. Hiob. ») Berachot 7a. ») 2. Mos. 33, 13. >°) Ausführlich im Seder hadorot; englisch in kudlications of the Society etc. II, 142; u sonst; zum Theil auch im Koran (Sure: die Höhle). wmm