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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-06 · Heft 10 (6.3.1891) · p. Seite 115

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 10 (6.3.1891)
Date
1891-03-06
Page
Seite 115 (sequence 7)
Language
German
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115 ist, an dieser Stelle reproduziren, mit dem Wunsche, daß er nicht nur bei unseren Glaubensgenosien, sondern auch bei allen edlen Menschenbrüdern Beachtung finden möge. Aufruf an die Gemeinden Israels! Die Lage der russischen Juden wird mit jedem Tage unerträglicher, jede neue Nachricht bringt die erschütterndste Kunde von der gegen sie ausgeübten Bedrückung. Ob sie in einer religiösen oder politischen Maßregel ihren Grund habe, die Menschheit seufzt, wenn die heiligsten und göttlichsten Gefühle in solcher Weise niedergedrückt und keine Mittel gescheut werden, um die Konfession systematisch zu vernichten, wenn unter den langsamen, grausamen Qualen das Schlachtopfer zu Tode gemartert, der Wehrlose entweder unter dem grenzenlosesten Elend das Leben verhaucht oder zu dem letzten Schritte der Verzweiflung getrieben wird. Wir lesen die Zeitungsnachrichten, sind gerührt und bedauern die Armen. Ist hiermit genug gethan? Wir hören noch mehr, als wir lesen, und sind betrübt, daß das neunzehnte Jahrhundert solche Erlebnisie aufzuweisen hat. Genügt es aber, daß wir still seufzen und die trübe Aufregung bald wieder zu dämpfen suchen? Es ist ein Angriff auf den Glauben. — Er soll unterdrückt werden, und wem liegt da zuerst ein Hervortreten, eine kräftige Manifestation ob? Den Glaubensgenossen! Es ist eine Beinträchtigung des göttlichen Rechtes im Menschen; es ertönt der Schmerzens- und Leidensruf an jedes Ohr, das Gehör für die Stimme des Leides hat; jedes Herz, in welchem ein lebendiges Gefühl für den Unterdrückten schlägt, für Eltern, denen ihre Kinder entrissen werden; für Menschen, die das Gesetz dem Hungertode preisgiebt. Liegt da nicht das Hervortreten Jedem ob, in dem eine menschliche Regung lebendig ist? Der Jude hat auf Erden keinen Schutzherrn für seinen Glauben, keine Macht wahrt seine religiösen Jnterrcssen, kein politischer Einfluß beugt den mit Herrschaft und Kraft ausgerüsteten ihm feindlichen Willen, nur Einer ist's, — der oberste Schirmherr und Wächter, der nicht schläft und nicht schlummert. Aber das Vertrauen auf Ihn soll nicht in Unthätigkeit, sondern in dem eifrigen Muthe zuni Unternehmen sich bewähren. Unsere Zeit ist so reich an Verbindungen. So ist es denn auch für die Glaubensgenossen eine heilige Pflicht, daß sie zusammentreteu und ihre Theilnahme au den Tag legen. Eine religiöse Gesammtheit, die weiter nirgends Vertretung findet, muß durch ihre religiöse Kraft sich erheben und in sich selbst eine reichhaltige Quelle finden. Den russischen Juden ist der Boden, den sie bewohnen, kein heimathlicher, sie können in ihm nimmer ein Vaterland erblicken, für sie ist nur ein Heil: Auswanderung, Niederlasiung unter einem fremden Himmelsstriche, wo das Gesetz das Recht der Menschen ehrt. Brüder! Es ist heiligste Pflicht, daß eine Gesammttheilnahme sich kundgebe, sich überall Komiteen bilden, die ihre Thätigkeit in Aufforderung zu Kollekten oder zu wöchentlichen oder monatlichen Beiträgen, und in deren Annahme, an den Tag legen. Aus diesen Koiniteen, deren Jnslebentreten durch die jüdischen Organe veröffentlicht werden soll, wird ein Central-Komitee hervorgehen, an besten Spitze sich Männer von Einfluß und Ansehen stellen und die Verwirklichung der von den Gesammtkräften ausgehenden Abhilfe herbeiführen werden. Möge auf diesen Vorschlag gehört werden, mögen Rabbiner und Prediger ihn durch Wort und Theilnahme fördern, Männer von Gewicht ihren Einfluß in ihren Gemeinden zu diesem Zwecke geltend machen und er allgemeinen Anklang finden. Nicht von wem der Vorschlag ausgegangen, sondern, daß er ausgegangen, soll erwogen werden, und nicht soll die Differenz der religiösen Ansicht störend einwirken. Wird doch von jeder Seite behauptet, daß man nur nach dem Höheren strebe, und welche höhere Pflicht könnte es für uns geben, als Abhilfe zu bringen denen, die um willen der Religion verfolgt werden? Lastet uns denn beginnen; der Gott, der Israel in seinen Nöthen stets beigestanden, wird mit uns sein. Dr. Zacharias Frankel, Oberrabbiner. Wir haben weder diesem Aufrufe, noch auch diesem Gedenkblatte etwas Anderes hinzuzufügen als den Wunsch, daß der Geist dieses unvergeßlichen Lehrers sich in seinen Schülern verjünge! U Elia in der Legende. Von Dr. David Cassel. (Fortsetzung.) Die Bedeutsamkeit Elia's ist Veranlassung geworden, daß sich besondere Schriften mit der angeblichen Wirksamkeit Elia's beschäftigten, wie das schon im Talmud erwähnte, jetzt nicht mehr vorhandene Seder Eliahu und ein jüngeres oft gedrucktes Buch Tana de-be-Eliahu; über beide Bücher verweisen wir aufZunz Gottesdienstliche Vortrüge S. 89 und 112. Eigenthümlich klingt es, wenn inan die Hochachtung, deren sich der Name Elia erfreut, auch darin findet, das; seine Schwächen hervorgehoben werde». Solches thut man überhaupt nur an großen Männern; es wäre ein ertragloses Geschäft, an unbedeutenden Menschen darzuthun, warum sie unbedeutend waren. Aber es kommt darauf an, cinzuprägcn, daß kein Mensch unfehlbar ist, also auch keiner sich für unfehlbar halten darf. Das Wort des Moses') 'S'lpS ,,an dein ihm Nahestehenden ivill Gott geheiligt sein", ist an ihm selbst in Erfüllung gegangen, und die ganze heilige Geschichte bestätigt das Wort des Weisen"): „Es giebt keinen so frommen Menschen auf der Erde, daß er nur Gutes thüte rmd nie fehlginge", und wo unsere Augen nicht sehen, müssen sie durch das Wort der Belehrung geschärft werden. Elia heißt bekanntlich der Eifrige, nach dem Vorbilde des Pinchas, dem er oft zur Seite gestellt wird; er hat in seinem Eifer Alles daran gesetzt, für das Gute zu wirken, und ist mit Undank belohnt worden. Aber auch die beste Intention für die beste Sache kann zu Aeußerungen veranlaffeu, für die man nicht die Veranwortung übernehmen möchte. Vor und nach der Vision, die ihn belehrte, daß nicht im verheerenden Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer, sondern in milder Regung der Geist Gottes sei, sagte Elia: „die Kinder Israel haben deinen Bund verlassen". — Das war nicht recht, sagen die alten Lehrer. Wenn ein Theil der Israeliten sich dem Götzendienst ergab, so soll man es nicht „den Kindern Israel" zur Last legen; was Einzelne sündigen, soll man nicht die Gesanimtheit büßen lassen. Elia war straffällig; aber worin bestand seine Strafe? So oft ein Vater seinen achttägigen Sohn in den Bund anfnehmen laßt, und mit dem Blute des Kindes die Anhänglichkeit an den Glauben besiegelt, soll Elia unsichtbar zugegen sein und sich überzeugen, wie unrecht er die Israeliten beschuldigt habe, den Bund verlassen zu haben. Im ersten Buche der Könige (e. 17 und 18) werden mit Beziehung auf Elia zwei Erzählungen mitgetheilt, die scheinbar mit einander nicht im Zusammenhang stehen. Elia verkündet im Namen Gottes dem sündigen Lande eine Dürre von drei Jahren. — Bei einer armen Wittwe in Zarfat (Sarepta), die nur ein Kind hat, findet er ein Unterkomnien; sie theilt ihren letzten Rest mit ihm, der freilich vermöge seiner Wunderkraft nie zu Ende geht. Aber nun stirbt ihr einziges Kind; Elia bittet Gott, dem Kinde das Leben wieder zu geben und diese Bitte wird erfüllt. Dann folgt das Strafgericht über die fl Levit. 10, 3. ») Kohelet 7, 20.

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