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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-06 · Heft 10 (6.3.1891) · p. Seite 112

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 10 (6.3.1891)
Date
1891-03-06
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
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Hoffnungen und Wünschen — leider nicht den Thatsachen. So muß freilich bei Kindern aus jüdischen Häusern für einen getrennten Religionsunterricht gesorgt werden. Aber er muß meines Erachtens sich erstens beschränken auf das Nothwendigste, zweitens beginnen mit der Sittenlehre und wesentlichen Ton auf dieselbe legen, auf das, was allen Menschen gleich Werth und wichtig ist. Er muß drittens schon dem Heranwachsenden Kinde, noch mehr dem reiferen Schüler Liebe, Verehrung und Begeisterung für die jüdische Geschichte, für die jüdischen Geistesschätze, sür das Judenthum einflößen. Alles das in eindringlicher und geschmackvoller, pädagogisch und psychologisch wirksamer Weise. Ich habe damit schon ausgesprochen, was ich vom Religionsunterricht, wenigstens dem allgemeinen, obligatorischen, ausgeschlossen wünsche: erstens die hebräische Sprache, zweitens die Betonung der Bräuche, drittens das Auswendiglernen biblischer Geschichten. Die hebräische Sprache! Sie gilt Vielen für die Hauptsache'. Wohl eignet ihr der Werth der Wiffenschaft, wohl halte ich es für Pflicht jedes ernsthaft nach Bildung strebenden Juden, sich mit der schönen, kraftvollen, schwungreichen Sprache, in der die Psalmen ertönten, in der ein Jesajas schrieb, vertraut zu machen — aber das ist Sache des Studiums, der Liebhaberei, Aufgabe des Jünglingsalters, nicht Forderung und Pflicht des zwangweisen Religionsunterrichts. Daß im Gotteshause noch immer hebräisch gebetet wird, macht diese Sprache ebensowenig zum Gegenstände des Religionsschulunterrichtszwangs, als es für Katholiken die lateinische, sür Reformirte die französische Sprache ist, trotzdem jene Bekenntnisse auch noch in diesen ausländischen Mundarten beten. Ueberdies weißt Du ja gleich mir aus Erfahrung, daß trotz der vielen Zeit, die wir in der Elementarschule auf Hebräisch verwenden mußten, trotz des Unterrichts guter Lehrer, uns für die hebräische Grammatik erst aus dem Gymnasium in reiferem Lebensalter, als Sekundanern und Primanern Verständniß aufging. Ebenso ist für den obligatorischen Religionsunterricht die so häufig wahrzunehmende Hervorhebung des Nebensächlichen, ja des Störenden, wie der Wunder, Träume, veralteter Gebräuche, vom Uebel. Für eine höhere Schulklasse mag es passend sein, jüdische Alterthümer als solche vorzutragen; aber Bräuche, die im Elternhause nicht geübt werden, den Kindern als Heiligthümer aufzureden, das widerstrebt dem ersten Gebot der Moral wie der Pädagogik: der Pietät. Von diesem Standpunkte aus sollten die Religionsschulen geleitet werden. Sie sollten das Herz der Kinder erfassen, sollten ihnen — trotz des Eingriffs in ihre schulfreie Zeit — zu wahren Labsalen, zu geistigen Hochgenüssen werden, und das um so mehr, je sinniger der Lehrer es versteht, den herrlichen Geist der jüdischen Religion, die edlen Grundsätze der Propheten, der „Sprüche der Väter", der späteren Lehrer ihnen darzulegen und zugleich — das wenigstens für das reifere Alter bestimmt und ausdrücklich, für das frühere unvermerkt — die Unterscheidungslehren zwischen Judenthuni und Christenthum, den Nachweis, daß dieses in allem Guten nur auf jenem beruht, so zu kennzeichnen, daß sie dem Schüler fürs Leben bleibend von Werth sind. Auch in die jüdische Geschichte ist der Schüler einzuführen. Aber von dem jetzt üblichen Beginn mit den Erzählungen der biblischen Geschichte, und zwar in der scheinbar treuherzigen Weise, als ob das Alles vom Lehrer sür wahr gehalten werde und wahr sei — mit Einschluß von Josephs Träumen und Bileam's redseliger Eselin — davon halte ich gerade so wenig, wie vom Märchenerzählen an Kinder. Wahrheit gießt Klarheit. In der beglaubigten Geschichte der Juden liegt tausendmal mehr religiöser Werth, als in den alten Sagen. Man führe das Kind nicht in Versuchung, zwischen naturgeschichtlichen und biblischen Lehrsätzen vergleichende Forschungen anzustellen. Und innerhalb der jüdischen Geschichte würde ich beim Unterricht für ältere Schüler der Kulturgeschichte den Vorzug vor der Leidensgeschichte; dem spanischen Mittelalter, dem vorigen, ja unserm Jahrhundert den Vorrang vor andern Zeiten geben. Nähert sich wenigstens Eure Religionsschule solchen Zielen — sie ganz zu erfüllen, das sehe ich ein, ist heute noch vielfach erschwert —, dann schicke Deine Kinder jedenfalls in die Religionsschule. Denn auch vom Unterricht gilt der Satz: trenne dich nicht von der Gemeinde. Hält sie sich aber von solchen Anschauungen grundsätzlich fern, ist ihr Auge rückwärts, nicht vorwärts gerichtet, dann suche eine gute Religionslehrerin — auch die gießt es — oder einen guten Privatlehrer zu gewinnen. U Gin Gedenkbiatt. Von Rabbiner Dr. S. Feßler in Halle a. S. II. Wie die Inden des Königreichs Sachsen im achtzehnten Jahrhundert behandelt wurden, geht aus Folgendem hervor: Der Vorstand der Judenschaft zu Dresden wollte dem König Friedrich August anläßlich einer Feier die allerunterthänigste Gratulation überbringen, allein da der König im Begriff war, seinen Spazierritt zu machen, nahm er den Glückwunsch der jüdischen Deputation anstatt im Empfangssaal — an der Thür des Gebäudes, i» welchem Sr. Majestät Rosse untergebracht waren, entgegen. Als dieser Fürst einst nach Berlin ging, wurde er beim Verlassen des Schauspielhauses beleidigt. Bei dieser Gelegenheit rief er schmerzlich aus: Ob ihm das etwa als Strafe widerfahren sei, weil er vielleicht unwissentlich eine günstige Gesinnung gegen die Juden gehegt habe! Daß aber nicht etwa die Juden selbst dem Widerwillen gegen sie durch ihr Betragen Nahrung boten, muß uns sofort einlenchten, wen» wir einen Blick auf die inzwischen zu einer Größe von 130 bis 140 Familien herangewachsene Gemeinde werfen. In derselben befanden sich einige kleine Familienbethäuser, ein Kranken- und Unterstützungs-Institut. Der Besuch öffentlicher Schulen war der jüdischen Jugend nicht gestattet, da die Regierung der Ansicht war, daß die herangewachsene jüdische Jugend sich nur vom Schacher und Trödel ernähren müsse, weshalb die Wohlhabenden unter den Juden ihre Kinder in Privatanstalten unterbringcn mußten, während mittellose Eltern darbten, um nur ihren Kindern im Hause einen angemessenen Unterricht crtheilen lassen zu können. Später wurde jedoch eine Schule ins Leben gerufen, in der Religionsunterricht ertheilt, deutsche Sprache, Geschichte und Geographie gelehrt wurden. Um die die Schule verlassende Jugend einer würdigen Zukunft entgegen zu führen, wurde ein Mendelsohn-Verein gegründet, der den Zweck hatte, Handwerk, Kunst und Wissenschaft unter der Jugend zu fördern. Doch die Juden mochten an sich Verbesserungen vornehmen so viel sie wollten, sie blieben — in den Augen ihrer Umgebung — schlecht, nach wie vor. Nun kam das Jahr 1830, welches die Gipftpflanzen der Vorurtheile auszujäten und den Samen der Duldung und der Toleranz in die Gemüther zu streuen begann. Auch in Sachsen wehte Frühlingsluft, und den Ständen wurde sogar ein Entwurf vorgelegt, in welchem es unter Anderem hieß: „Jedem Landeseinwohner wird völlige Geistesfreiheit und Schutz in der Gottesverehrung gewährt" — doch das überall verhänguißvolle „Aber" blieb auch hier nicht aus, und so heißt es weiter: „aber nur die Verschiedenheit der christlichen Bekenntnisse begründet keinen Unterschied in dem Genüsse der bürgerlichen und politischen Rechte", die Juden wurden ignorirt. Umsonst

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