Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1891)
- Date
- 1891-02-26
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227887--47759-3270240- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
schloß die Kammer, die Regierung zu ersuchen, auch an die deutschkatholischen und die israelitischen Religionsgemeinschaften Zuschüsse vorzüsehen. Bei dieser Gelegenheit erhob sich der Abgeordnete Schröder und beklagte, daß im Lande seit einiger Zeit die Juden als solche verfolgt werden und für diese Bewegung sogar evangelische Geistliche eingetreten seien und noch eintreten, was ihnen als Dienern des Friedens nicht zukomme. In der Bevölkerung herrsche eine gewisse Verwirrung, darum möge die Regierung Alles thun, damit dies unterbleibe nötigenfalls unter Anwendung disziplinarischer Mittel. Der Ministerpräsident Finger versicherte hierauf, daß die hessische Regierung dieser Bewegung, welche als eine Krankheit zu betrachten sei, aufmerksam verfolge. Die Beamten erhielten bereits die Weisung, aufklärend zu wirken und vorkommenden Ausschreitungen entgegenzutreten. Er hoffe von dem gesunden und christlichen Sinne des Volkes, daß es bald diesen Krankheitsstoff abstoßen werde. Die neueren aus Oberhessen eingelaufenen Berichte ließen erkennen, daß die Leidenschaft dort bereits abnehme. Rackö (ultramontan) bezeichnete es als ein Verbrechen, Jemand um seiner Religion willen zu verfolgen. Dies solle man nie vergessen. Es sei noch nicht so lange Zeit her, daß eine andere große Religionsgesellschaft im Reich verfolgt wurde; noch seien Angehörige derselben expatriirt. Abgeordneter Wolfskehl ist der Ansicht, daß man zur Bekämpfung des Antisemitismus sich rücksichtsloser Mittel bebieuen müsse. Eine andere Organisation der Verwaltung der jüdischen Gemeinden sei nothwendig. Minister Finger bezeichnete schließlich eine solche Reform als erste und dringendste Aufgabe. L. Stuttgart, 21. Februar. Die Mitgliederliste des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" brachte auch die Namen sehr angesehener Männer aus Württemberg, besonders sehr reicher Fabrikanten, denen man nicht sagen kann, daß sie sich durch jüdisches Geld kaufen lassen. Von großem Werth ist der Beitritt des Präsidenten Dr. von Steinbeis in Leipzig, der mehrere Jahrzehnte Vorstand der Centralstelle für Gewerbe und Handel in Württemberg war und die gewerblichen Verhältnisse der Israeliten Württembergs genau kennt. Seit der ersten Veröffentlichung der Vereinsmitglieder sind zahlreiche neue angesehene Persönlichkeiten aus Württemberg beigetreten, darunter auch Oberstudienrath Dr. v. Dillmann. Oberdorf - Bopfiirgeu, 22. Februar. Zwei seltene Feste feierte unsere Gemeinde dieser Tage, bei denen das friedliche Einvernehmen zwischen den beiderseitigen Konfessionen so recht an den Tag gelegt wurde. Zunächst wäre die Hochzeit des Herrn Sallh Pappenheimer im nahen Städtchen Bopfingen zu erwähnen, wo erst seit ca. 40 Jahren sich überhaupt Juden aufhalten und Häuser erwerben dürfen. Welcher Beliebtheit Herr Pappenheimer sich erfreut, davon zeugt die Anwesenheit zahlreicher Nichtjuden sowohl bei der Synagogenfeier, als auch während der Tafel, ebenso bereu starke Betheiligung an der Kollekte behufs Beschaffung von Passahbroden für nothleidende Israeliten in Jerusalem, wozu Herr Rabbiner Grün die Anregung gab. In gleich universell-humanitärer Gesinnung haben Tags vorher die Vorstände des hiesigen Turn- und Krieger-Vereins Herr Schlossermeister Friedr. Mailänder (Protest.) und Maler Georg Kuhn (Kathol.) eine ähnliche Sammlung aus freien Stücken in die Hand genommen nach dein Toaste des Herrn Rabb Grün auf das Brautpaar. Ein Beweis der gleichen Vorurtheilslosigkeit ist es auch, daß unser Rabbiner, welcher Ehrenmitglied des Turn-Vereins ist, auch zu der sogen. Weihnachtsfeier, die aber erst Anfangs Januar stattfand, eingeladen wurde und ihr anwohnte. Nun zum zweiten Feste: Im Januar d. I. sind 47 Jahre verstrichen, seitdem unser allgemein beliebter Arzt, Herr Dr. David Essinger, seine Praxis hier begann — ebenso lange logirt er in derselben Wohnung als Miethspartei — und nun Qiebt derselbe im Alter von 74 Jahren seine langjährige, gemeinnützige Thätigkeit auf, um sich zu den Seinen nach Ulen zu begeben. Herr Dr. E. war in den Jugendjahren längere Zeit Schüler des Rabbi Gabriel Adler, s. And., Rabbiner in Mühringen und Oberdorf (Bruder des im vorigen Jahr verstorbenen Chief-Rabbi Nath. Adler in London, beide Söhne des berühmten Rabbi Mara Adler in Hannover), wie auch später des s. Rabb. Sal. Wassermann (Vater des h. Kirchenraths Dr. v. W. in Stuttgart). Mit Rücksicht aus die religiöse und humanitäre Gesinnung des Scheidenden hielt es Herr Rabbiner Grün am Platze, auch in der Synagoge dieses Ereigniß mit einigen Worten zu markiren. Ueberdies wurde zu Ehren des Scheidenden gestern ein Fest gefeiert, an dem Deputationen der Nachbarorte theilnahmen. Nachdem Herr Oberamtmann Lenz von Neresheim dem Scheidenden im Rathhaufe im Beisein der bürgerlichen Kollegien und sonstiger Festgäste Namens der Amts-Korporation Worte der Anerkennung gewidmet, überreichte er Herrn Dr. E. einen werthvollen Brillantring, in welchem die Inschrift zu lesen ist: Für 47jährige treue Dienste Abends fand darauf das offizielle Abschiedsfest statt, wobei Herr Schultheiß Hugo Berg die vielfachen Verdienste des uns Verlassenden hervorhob, dessen Opferwilligkeit und Selbstlosigkeit besonders rühmte, zugleich der bereits anläßlich des 40jährigen Dienst-Jubiläums durch Widmung eines silbernen Pokals erfolgten Ehrung gedenkend und am Schluffe der so erhebenden Ansprache als Anerkennung und Andenken der Gemeinde einen Regulator übergab. Sein Hoch galt dem konfessionellen Frieden, dem erhabenen Schützer und Schirmherrn desselben, dem Beförderer der Künste und Wissenschaften, Sr. Majestät König Karl. Oesterreich - Angarn. G Wien, 20. Februar. Sehr wohl thut jedem Freunde der Fugend und des Judenthums der gehaltvolle Artikel „lieber Jugendgottesdienste" in Nr. 5 Ihrer geschätzten Zeitschrift, und dürfte es nicht ohne Interesse fein, über den Jugendgottesdienst in der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Einiges zu veröffentlichen. Im Herbst des Jahres 1870 begann im Stadttempel, dem sogenannten „alten" Tempel, der erste Sabbath-Mincha-Gottesdienst für Gymnasial- und Realschüler. Die Herren Dr. Jellinek und Dr. Güdemann wechselten in den Exhorten ab. Bei Beginn des Jahres 1882 wurde diese Institution in allen zehn Bezirken Wiens für die gesammte Schuljugend beiderlei Geschlechts für alle Sabbathe des Schuljahres, theils als Mußaph- (von 11 bis 12), theils als Mincha-Gottesdienst (von 3 bis 4) eingefnhrt. Herrn Landesschulrath Emanuel Baumgarten, dew bekannten Gelehrten auf jüdisch-litterarischem Gebiet, gebührt das Verdienst, diesen Jugendgottesdienst in allen Bezirken eingefnhrt und zu einer der populärsten Einrichtungen in der Wiener Gemeinde gemacht zu haben. Die Jugend nimmt an demselben sehr regen Antheil und singt fleißig mit. * Wien, 21. Februar. Der neue österreichische Finanzminister Dr. Steinbach empfing vor einigen Tagen den Grafen Adolf Dubsky und den Direktor Otto Wiedmann, welche'als Vertreter der llnionbank erschienen waren. Der Finanzminister hatte mit diesen Herren ein längeres Gespräch, in welchem, wie die „N. fr. Pr." berichtet, auch manches Streiflicht aus die finanziellen und gesellschaftlichen Zustände in Oesterreich fiel. Der Finanzminister sagte, er wundere sich darüber, daß die Finanz-Institute sich so wenig mit industriellen Unternehmungen befassen. — Die Vertreter der Unioubank entgegneten, daß die industriellen Geschäfte in Oesterreich durch sehr viele äußere Umstände erschwert werden. Der Antisemitismus, welcher in Wien so erstarkt ist, lähme den Unternehmungsgeist und verhindere die Banken, ihre Aufmerksamkeit speziell der Industrie zuzuwenden. Darauf erwiederte der Finanzminister, er bedauere den Antisemitismus, er glaube jedoch, daß diese Richtung nicht von Dauer sein könne, sondern bald wieder verschwinden werde. Der Antisemitismus sei nur eine Folge des schlechten Geschäftsganges in vielen Zweigen des Gewerbes. Man habe den Leuten so oft gesagt, daß nur die Juden an der Noth schuld seien, bis sie es schließlich glaubten; sie brauchten eine persönliche Erklärung für ihre Noth und klammerten sich an diesen Strohhalm. Aber auch das werde vorübergehen. Man dürfe auch nicht vergessen, daß die antisemitische Bewegung zum Theil mit der politischen Erziehung des Volkes Zusammenhänge. Die große Masse besitze erst seit verhältnißmäßig kurzer Zeit die politischen Freiheiten, und deshalb dürfe man sich darüber nicht wundern, wenn sie dieselben zuweilen nicht in richtiger Weise gebrauche und nicht immer das richtige Urtheil zu fällen wisse — Graf Dubsky verwies daraus, daß die antisemitische Bewegung umso weniger berechtigt sei, als von den vielen Tausend Juden in Wien nur einige wenige Personen sehr reich, andere wohlhabend seien, die weitaus große Mehrzahl aber wenig oder nichts besitze und ausschließlich von ihrer Arbeit lebe. Der Minister pflichtete diesen Anschauungen bei. Rußland. * Petersburg, 20. Februar. Der Kardinal Lavigerie hat an den Zaren ein Schreiben gerichtet, in welchem er als Vertheidiger der unterdrückten russischen Juden und ass Verfechter ihrer Menschenrechte auftritt. Der französische Kardinal schreibt dem Kaiser nicht als Katholik oder Prälat, sondern als Mensch, der nicht gleichgiltig zusehen kann, wie die primitivsten Rechte von Menschen, die nichts vergangen