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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-26 · Heft 9 (26.2.1891) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 9 (26.2.1891)
Date
1891-02-26
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 kleidung und Lehrmitteln zu versehen. Von 1375 wohlwollenden Gebern sind uns, außer einer großen Menge werthvoller Bekleidungsstoffe, fertiger Sachen und Bücher, baar 16,468 Mk. 50 Pf. zugeflosscn. Durch diesen ansehnlichen Betrag waren wir in der günstigen Lage, nach vorangegangenen persönlichen Recherchen, 943 Kinder berücksichtigen zu können, während 46 Kinder abgewiesen wurden, theils der wiederholentlich schlechten Schulzeugnisse wegen, theils weil die Familien erst kürz vor Chanuka hier eingewandert waren. Die Herren I. &. Jsaac und Moritz Manheimer waren so gütig, die Abrechnung und Beläge zu prüfen und festzustellen, daß die Gesammteinnahme einschließlich'des Restbestandes vom vorigen Jahr und der Zinsen des Reservefonds sich auf 17,246.86 Mk. belaufen, die Ausgaben auf 15,276.29 Mk.; verbleiben 1900,57 Mk., wovon zur Beschaffung von Lehrmitteln re. 770,57 Mk. zurückgestellt sind, so daß 1200 Mk. verbleiben, um welche der Reservefonds bei der Deutschen Bank vermehrt worden ist. Wir danken den Wohlthätern aufs Herzlichste für alle freundlichen Gaben, die wir in ihrem Sinne verwendet zu haben glauben." * Berlin, 24. Februar. Dem „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" sind bisher 2000 Mitglieder von verschiedenen Parteien und religiösen Bekenntnissen beigetreten. Neuerdings ist eine Anzahl bemerkeuswerther Beitrittserklärungen aus Elsaß-Lothringen eingegangen, darunter befinden sich Baron Charpentier, erster Schriftführer des Landesausschusses, Landgerichtsdirektor Dr. Gumpert, Prof. Fr. Goltz, Direktor des Lyceums Haegele, Staatsrath Jul. Klein, I. Mieg-Koechlin, Ed. Koechliu, Pfarrer Leblois, Prof. Noeldechen, Abgeordneter Em. Petri, Präsident des Direktoriums der Kirche Augsburgifcher Konfession F. Petri, Präsident der Handelskammer I. Sengenwald, sämmtlich in Straßburg. Zur schnelleren Verbindung mit West- und Süddeutschland ist neuerdings ein zweites Vereinsbüreau in Frankfurt a. M. unter Leitung des Stadtraths H. Flinsch errichtet worden. * Berlin, 19. Februar. Im Tivoli-Saale hielten gestern Abend die Antisemiten aller Gattungen große Herrschau ab. Die Häuptlinge der Partei, Böckel, Pickenbach, Werner und Zimmermann, waren erschienen und hielten die üblichen Reden, welche sich natürlich diesmal weniger gegen die Juden, als gegen den neuen „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" richteten. Die wüsten Schimpfereien auf diesen Verein und die Unterzeichner des Aufrufs, in beiten die Redner sich durchweg gefielen, zeigt am deutlichsten, daß die empfindliche Niederlage dem Antisemitismus bereits zum Bewußtsein gekommen ist. L. S: Stettin, 20. Februar. Soeben ist an das h i e s i g e r u s s i s ch e Konsulat — und, wie anzunehmen ist, auch an die übrigen russischen Konsulate — ein Reskript der russischen Regierung ergangen, wonach allen Juden, welche nach Rußland reisen und vom Konsul ihren Paß visiren lassen wollen, in Zukunft dieses Visum zu versage ist; im Uebrigen können sich die Betreffenden, falls sie durchaus auf ihrem Gesuch bestehen, au die russische Regierung selbst wenden — und was da zu erwarten ist, nun, das kennt man ja zur Genüge! Ausnahmen sollen nur gemacht werden mit Männern, welche allgemein bekannt sind, wie z. B. Bleichröder re. Aber auch dann ist im Paß der Vermerk zu machen, daß derselbe allerhöchstens auf 3 Monate Giltigkeit hat. Von wie einschneidender Bedeutung dieser neue Akt slavischer Willkür für die reisende jüdische Geschäftswelt ist, läßt sich gar nicht übersehen. Die Thatsache steht in ihrer ganzen brutalen Offenheit fest: Ein Jude darf heutzutage nicht mehr nach Rußland reisen. * Frankfurt er. M., 22. Februar. Der Tod des Rabbiners Dr. Brüll hat in wissenschaftlichen Kreisen die ernste Frage angeregt, was aus der Bibliothek des Verewigten werden soll. Diese Bibliothek, von einem eminenten Kenner gesammelt, enthält selbstverständlich fast alle wissenschaftlichen und litterarischen Erscheinungen der hebräischen, sowie talmudischen Litteratur seit den 60 er Jahren dieses Jahrhuitderts, ferner zahlreiche alte und neue Judaica in den verschiedensten Sprachen, eine außerordentlich große Menge talmudischer Drucke bis zu den ältesten Zeiten hinauf, endlich eine beachtenswerthe Reihe Handschriften, unter denen nicht wenige sogar sehr selten sind. Im Ganzen dürfte diese Sammlung, die von ihrem Besitzer in seiner gründlich gelehrten Weise durchgearbeitet wurde, an 8000 Nummern zählen, und eine Zersplitterung derselben wäre aus doppelten Gründen zu bedauern; erstens wegen des Verlorengehens eines seit zwei Jahrzehnten aufgewendeten rastlosen Mühens, und zweitens, weil hier in Frankfurt eine derartige Bibliothek so leicht nicht wieder der Oeffentlichkeit sich darbietet. Was auf diesem Gebiete in unseren Mauern vorhanden ist. beschränkt sich aus den itn* geordneten Theil der Stadtbibliothek mit circa 1500 Nummern, von denen Manches werthvoll ist. sowie auf die Kirchheim'sche mit circa 700 Nummern; die Privatbüchereien des Baron Willy v. Rothschild mit ihrem noch nicht katalogisirten Inhalt, des Herrn L. Ph. Prins mit ca 3000 Bänden, der Herren Gebr. Mainz mit ca. 1200 Bänden, sowie des Herrn L. Rapp mit ca. 2500 Bänden, letztere zumeist allerdings in vielfachen Wiederholungen. Alle diese Sammlungen kommen hier wegen ihres nicht öffentlichen Charakters ganz außer Betracht. Es wäre also jetzt in die Erwägung einzutreten, inwiefern die völlige Erhaltung der Brüll'schen Bibliothek, deren Einzelheiten noch zahllose Glossen des berühmten Gelehrten aufweisen, wünschenswerth erscheint und welche Mittel in Bewegung gesetzt werden müssen, um sie sodann praktischen Zwecken gemäß der Oeffentlichkeit zugänglich zu machen. * Gießen, 23. Februar. Das großherzogliche Kreisamt Gießen hat an die Bürgermeistereien des Kreises unter dem 18. Februar d. I. folgendes Schreiben erlassen: „A ntisem i tische Agit atoren bemühen sich in neuerer Zeit, die Landbevölkerung des Kreises zum Anschlüsse an den Mitteldeutschen Bauernverein zit bewegen, welcher die Agitation gegen die Juden auf seine Fahne geschrieben hat, oder besondere, „im engsten Abhängigkeitsverhältniß zu diesem Verein stehende Neformvereine zu gründen, deren Mitglieder statutenmäßig unser Land und die ganze Christenheit vom Judenbanne befreien helfen" und jeden Verkehr mit Juden zu unterlassen geloben sollen. Es kann Ihnen nicht zweifelhaft sein, daß die großherzogliche Regierung eine solche auf Verhetzung der bürgerlichen Gesellschaft und die Aechtung einer Religions-Gesellschaft abzielende Dereinsthätigkeit, durch welche die sonstigen auf Hebung des Bauernstandes gerichteten Bestrebungen solcher Vereine nur beschmutzt werden, auf's Schärfste verurtheilt. Wir erwarten deswegen von Ihnen, daß Sie die Gründung dieser Vereine nicht nur nicht fördern, sondern auf das Entschiedenste gegen dieselben wirken und auftreten. von Gagern." * Darmstadt, 23. Februar. Die hessische Regierung macht in erfreulicher Weise Ernst mit der Hebung des jüdischen Schulwesens. Das beweist ein Rundschreiben, welches das Ministerium an die Kreisämter erlassen hat. Dasselbe lautet: „Nach vielfachen uns zngegangenen Mittheilnngen scheint es, daß die Ertheilung des israelitischen Religionsunterrichtes sehr im Argen liege. An manchen Orten, wo die israelitischen Gemeinden nur aus wenigen Gliedern bestehen, fällt der Religionsunterricht wegen Mangel an Mitteln zur Besoldung eines Lehrers vollständig aus, an anderen hat man denselben an Persönlichkeiten übertragen, welche nur höchst unvollkommen oder auch gar nicht die zur Ertheilung desselben erforderliche Befähigung besitzen, und nur in verhältnißmäßig wenigen größeren israelitischen Kultusgemeinden liegt dieser so höchst wichtige Unterricht in der Hand von Männern, welche nach Bildungsgang, Befähigung und Charakter für eine zweckmäßige und erfolgreiche Ertheilung desselben volle Gewähr bieten. Eine Aenderung hierin wird sich voraussichtlich nur sehr abmählich herbeiführen lassen. Um aber zunächst eine Uebersicht über die thatsächlich vorhandenen Verhältnisse zu gewinnen, empfehlen wir Ihnen, nach Maßgabe der angeschlossenen Tabelle die erforderlichen Angaben über die in den einzelnen Kreisen bestehenden Zustände zu machen und dieselben an uns einzusenden. In der Tabelle sind anzugeben die Zahl der schulpflichtigen israelitischen Kinder, ob ein Lehrer vorhanden, ob der Lehrer eine Prüfung bestanden und eventuell bei welcher Behörde, welchen Gehalt der Lehrer bezieht. Die Uebertragung des rubrizirten Unterrichts an eine Persönlichkeit, welche sich nicht durch Ihnen vorzulegende amtliche Zeugnisse einer berechtigten Prüfungsbehörde über Befähigung, sowie seitherige Führung vollständig auszuweisen vermag, ist in keinem Falle mehr zu gestatten. Sollte aber der israelitische Religions-Unterricht irgendwo trotz des Vorhandenseins schulpflichtiger Kinder gänzlich eingestellt worden sein, so wollen Sie mit allem Nachdruck auf Wiedereröffnung dringen. Zur Erreichung dieser Absicht dürfte es sich empfehlen, wenn mehrere kleinere Gemeinden, welche für sich die Mittel zur Gewinnung und "Erhaltung einer tüchtigen Lehrkraft nicht aufzubringen vermögen, sich mit einander zu einem Schulverbande oder wenigstens zu gemeinsamem Aufbringen des erforderlichen Gehalts für einen befähigten Lehrer vereinen, der dann gewissermaßen als Wanderlehrer an den einzelnen Wochentagen in den verschiedenen Gemeinden den Unterricht zu ertheilen haben würde, (gez.) Finger." * Darmstadt, 18. Februar. In der zweiten Kammer begann gestern die Budgetberathung. Bei der Forderung für Kultuszwecke be-

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