Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1891)
- Date
- 1891-02-26
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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haben, mit Füßen getreten werden. Der Kardinal fleht den Zaren trn Namen der Humanität und des Christenthuins an, Mitleid mit seinen Kdischen Unterthanen zu haben und die elende Lage derselben zu verbessern. Da der Kardinal sich jedes offiziellen Charakters von vornherein eutfteibet und nur als Mensch vor den Kaiser mit seiner Bitte tritt, so isk'"der Verdacht einer beabsichtigten Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates von vornherein beseitigt. Kardinal Lavigelüe wendet sich au das „große Herz und das edle Gemüth des russiWu Monarchen", der doch selbst, bald nach fernem Regierungsantritt, eurer jüdischen Deputation sagte, daß er feinen Unterschied zwischen fefeit Unterthanen verschiedener Rasse und Konfession rnache und Alle mit gleicher Liebe umfasse. Man sagt, daß das Schreiben des Kardinals auf den Kaiser einen tiefen Eindruck gemacht hat. ' , . d? Mitan (Kurland), 14./26. Januar. Wir Jnderr Rußlands leben in einer bitterbösen, schweren Zeit, in einer Zeit der Judenverfolgung, des Antisemitismus. Was Antisemit heißt, ist'in diesem Blatte schon zu oft erörtert worden, so daß man eigentlich nichts Nenueuwerthes hinzufügen könnte. Du lieber Himmel, Judenfeinde gab es seit undenklichen Zeiten, vor und nach den Zeiten des Hamän, in allen Erdtheilen, in den Ländern sowohl des Liberalismus als auch des Despotismus, unter Kulturvölkern, wie auch unter den asiatischen barbarischen Horden. Ja, selbst unter die Indianer Amerikas und unter die Wilden Afrikas haben einzelne Europäer den Judenhaß zu verpflanzen gesucht. Was Wunder also, wenn auch in der hiesigen Stadt, im Herzen Kurlands, ein noch stark zurückgebliebener Rest von Judenhaß aus dein Mittelalter vorhanden ist. Wer dünkt sich wohl höher als so eine Spießbürgerin, die, als Vorsteherin der hiesigen Stadttöchterschule. wo sie eist hohes Wort zu führen hat, sich in ihrem Element befindet, indem sie ihrem Antisemitismus freien Lauf lassen kann. 'Sie sucht auf jedmögliche Weise die Aufnahme von Jüdinnen in die Schule als auch die Versetzung der Letzteren in derselben zu erschweren. Bei Beginn des Schulunterrichts weist sie den jungen Mädchen die nöthigen Plätze an. Dann heißt es aber: Jüdinnen mögen auf besonderen Bänken sitzen, als wären sie Geächtete oder Sträflinge, trotzdem sie die ruhigsten und fleißigsten Schülerinnen sind. In der oben genannten Schule befinden sich unter circa 300 Schülerinnen 60 Jüdinnen. "In der Ober-Prima allein befinden sich unter 30 Schülerinnen 10 Jüdinnen. Und btefen 10 Jüdinnen, man höre und staune, wurden beim Beginn des jetzigen Semesters auf aparaten Bänken, z.u m Gaudium cherchristlichen Mitschülerinnen, ihre Plätze von der Vorsteherin der Schule angewiesen. Ebenso geschah es auch in einigen unteren Klassen. Wäre dies als eine besondere Maßregel des Herrn Dörptschen Kurators, der über hiesige Schulen ist, oder auf dem Wege der Gesetzgebung, als ein Gesetz vom Herrn Minister der Volksanfklärung bekannt gemacht worden, so hätten wir als treue Unterthanen des großen Zarenreiches in Denchth und Schmerz, da wir schon mit so vielen Leiden vertraut sind, aüch über diese Idiosynkrasie der Vorsteherin der hiesigen höheren Töchterschule geschwiegen. Es ist aber dem nicht so. Die Anordnung der Vorsteherin ist ein eigenmächtiger Verstoß gegen Humanität, gute Sitte und Moral. Sie streut durch eben diese Handlung in die Herzen der Christinnen nur Haß und Verachtung gegen die jüdischen Mitschülerinnen. Welche Kränkungen werden dadurch im unschuldigen Gemüth des Kindes erweckt. Wir Eltern freilich suchen unsere Kinder zu trösten, und beruhigen sie, indem wir ihnen das Wort Geduld lehren. Dulden leiden und einen Märtyrerkranz tragen, ist eine viel höhere und schönte Tugend, als eine Peinigerin zu sein. Schmach über solche Kulturmenschen der Gegenwart. Sind wir nicht Alle Kinder eines Vaters, und hat uns nicht Alle ein Gott nach seinem Ebenbilde geschaffen? Diese Klasse von Vorsteherinnen kann sich wahrlich nicht zu den Vertretern der göttlichen Liebe auf Erden zählen. Bei ihnen suchen Är die Moral der Bibel: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst", vergebens- Amerika. * New-Aork, 10. Februar. Auch die hiesige Staatsleg islatur hat den Beschluß gefaßt, es seien die Staatsrepräsentanten im Kongreß aufzufordern, die Regierung der Vereinigten Staaten zu bestimmen, m Verein mit andern Regierungen sich an den Zar zu wenden, damit die harte Behandlung der russischen Juden gemildert werde. Ob die Regierung der Vereinigten Staaten einen solchen Schritt unternehmen wird, ist wohl sehr zweifelhaft; allein für den moralis^n - Effekt ist es auch hier genug, daß die freien Bürger der Bereinig Staaten einen solchen Schritt fördern ■ Von Nah und Fern. . Am nächsten Sonntag wird in Berlin eine vierte -Loge'des B'nei-B'rith-Ordens in stall irt. Dieselbe wird den Namen Leopold Zunz-Loge führen. Wir freuen mi§ über dieses neue Denkmal, welches dem würdigen Altmeister der Wissenschaft des Jndenthums gesetzt wird. — Der Verein der Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums begeht am Dienstag den 3. März sein drittes Stiftungsfest. — Dem Gereralkonsnl Herrn Georg Goldberger ist der königliche Kronen-Orden vierter Klasse verliehen worden. — Am sechsten Februar wurde Frau Emilie Bernstein, die Wittwe des seligen A. Bernstein, die Mutter des Hallenser Rektors Professor Dr. Bernstein, auf dem Friedhof in Weißensee beerdigt. — Wegen antisemitischen Unfugs auf offener Straße wurde der Kaufmann Otto Sebastian Körner zu einer Geldstrafe von 200 Mark verurtheilt. — Herr Dr. Deutsch in Brüx hat die auf ihn gefallene Wahl als Rabbiner der Gemeinde Göttingen ab gelehnt. — Die ehemaligen Zöglinge des israelitischen Waisenhauses in Paderborn beabsichtigen am 29. und 30. Mürz d. I. an ihrer ehemaligen Erziehungsstätte eine Zusammenkunft abzuhalten. — Am 2. Februar hat Herr Rabbiner Dr. Silber st ein aus Wiesbaden im Litteratnr-Verein zu Bochum eiuen Vortrag: „Einleitende Ideen zur Geschichte der Juden und des Jndenthums" gehalten. Derselbe wird demnächst der Oeffentlichkeit übergeben werden. — Durch die Wahl der Stadtverordneten und Bestätigung des Magistrats wurde Herr Louis Lundheimer in Frankfurt am Main zum Bezirksvorsteher und Waisenrath für den drittel! Stadtbezirk ernannt. — Die Buchhandlung von I. K a u f f m a it lt in Frankfurt a. Nt. veröffentlicht eine Erklärung des Inhalts, daß der größte Theil der vom verstorbenen Dr. N. Brüll bearbeiteten neuen Auflage der Gottesdienstlichen Vorträge von Leopold Zunz bereits gedruckt sei. — Bei der Wahl in Butzbach wurde anstatt Köhlers, des bisherigen einzigen Antisemiten der zweiten Kammer, dessen Wahl wegen Unregelmäßigkeiten kassirt war, der Nationalliberale Vogt gewählt. — In Stadtlengsfel-d feierten am 11. d. Mts. der Kaufmann Sandel Rosenblatt und dessen Ehefrau Minka geb. Huhn das Fest der goldene n Hochzeit unter reger Theilnahme der hiesigen Bevölkerung. Ehrenvolle Kundgebungen verschiedener Art wurden dem Jubelpaar ans allen Kreisen von Nah und Fern zu Theill — Aus Budapest wird berichtet: Ungeheures Aufsehen macht es, daß Se. Majestät der Kaiser während einer Aufführung der Operette „Die lustigen Kameraden" das Theater in demonstrativer Weise verließ, als auf der Bühne ein antisemitisches Kouplet gesungen wurde. — Der Bezirkshauptmann von Buczacz verordnet im Wahlkreise Kolomea die Streichung des Kandidaten Leon Meisels ans der Wählerliste, nachdem derselbe weder aktives noch passives Wahlrecht besitzt. Mithin ist Dr. Bloch der einzige Kandidat des Wahlkreises. — In Chraschitz in Böhmen starb am 30. Januar Frau Therese Bock geb. Körpner im Alter von 91 Jahren. —- Da sich in Folge der gesetzlichen Beschränkungen der jüd ischen Rechtsanwälte in Rußland viele derselben taufen ließen, hat die Regierung, der „Nowoje Wremja" zufolge, einen Entwurf ausgearbeitet, nach welchem die zum Christenthum übergegangenen jüdischen Advokaten erst drei Jahre nach ihrem Glaubenswechsel ihren übrigen Kollegen rechtlich gleichgestellt werden sollen. -- Das russische Kriegsministerium hat an den Reichsrath eine Vorlage gerichtet betreffs Ausdehnung des Gesetzes vom 22. Mai 1880 über das Verbot für Juden, im Donischen Kosaken-Gebiet sich niederzulassen und Immobilien zu erwerben, auch auf das Kuban- und das Terek-Gebiet. — Nunmehr soll ber Befehl des Kiewer Polizeimeisters, betreffs der Entlassung der jüdischen Handlungsgehilfen bis auf einen in jedem Geschäft, auf unbestimmte Zeit vertagt sein. — Rabbiner M. G. Netter in Pau, ehemals Rabbiner in Nizza, ist gestorben. — In London fand vör einigen Wochen eine Versammlung des „Chowawe- Zion-Vereins" statt, in welcher Herr Rabbiner Dr. Adler mittheilte, daß Baron Edmund v. Rothschild ihm gegenüber die Hoffnung ausgesprochen, daß sich die Kolonien in Palästina bald werden selbstständig machen können. - Druck und Verlag von Rudolf Müsse in Berlin Verantwortlich für bte Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin