Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1891)
- Date
- 1891-02-26
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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55M,w»tr9 p?? ®tmtinbtb0U. ßcvliw, 26. Februar 1891. AeiLcrge ^ur „Allgemeinen Zeitung des Zuöenthurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. O Berlin, 23. Februar. Der Deut sch-Israeli tische Gemeindebund hat soeben das 29. Heft feiner „Mittheilungen" herausgegeben. Dasselbe beginnt mit ehrenden Worten des Nachrufs für den Heimgegangenen Delegirten Josef Klingenstein. Den dann folgenden Nachrichten entnehmen wir zunächst die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft an den verdienstvollen Leiter des Bundes, Herrn Geheimrath Dr. Kristeller, sowie die schon durch uns mitgetheilte Kooptation des Herrn Sanitätsrath Dr. Freund in Gleiwitz in den Ausschuß. Beigetreteu sind 29 neue Gemeinden, darunter einige werthvolle Namen, wie Bremen, Göttingen, Gollob, Homburg, Kaiserslautern, Stolp u. a., ferner 3 immerwährende und 154 außerordentliche Mitglieder. Wir haben mit Freude unter den Letzteren so manche Männer von Rang erblickt, welche der jüdischen Sache bisher fern standen. — Aus dem weiteren Inhalt heben wir die Mittheilungen über die neubegründete „Rentenversicherung für jüdische Lehrerinnen" (s. unten) besonders hervor. Es folgen Berichte über die Samuel Kristeller-Stiftung, über die Fürsorge des Bundes für verwahrloste Kinder, über die Friedrich-Wilhelm-Victoria-Stiftung, über eine Prämienvertheilung am Chanukafeste, endlich Berichte aus einzelnen Bundesgemeinden, unter denen wir beu nachfolgenden aus Ziegenhain als einen „Beitrag zur Frauen frage" zur Kenntniß unfern Leser bringen wollen. Der Kreisvorsteher, Herm. Wallach, berichtet: „In meinem Schreiben vom 26. Januar d. I., abgedruckt in den „Mittheilungen" Nr. 27, erwähnte ich, daß der Gemeindeälteste sämmtliche Gemeiudeglieder, darunter auch Wittwen, zu einer Beschlußfassung ordnungsmäßig vorladen zu lassen habe. Auch zu den Wahlen der Rechnungsführer mtb Schätzer wurden die selbstständigen Frauenspersonen herangezogen. Es hätte daher der Fall eintreten können, daß ein weiblicher Rechnungsführer oder ein weiblicher 'Schätzer gewühlt wurde. Ich fand diesen Zustand abnorm und sah mich veranlaßt, mich an die Königliche Regierung zu Kassel um Abänderung des betreffenden Regierungs-Beschlusses vom 13. Januar 1880 zu wenden, worauf ich folgende Entscheidung erhalten habe, welche ich zur Veröffentlichung namentlich im Interesse der Synagogengemeinden des Regierungs-Bezirks Kassel für geeignet halte: „Königliche Regierung. Kassel, d. 4. Dezember 1890. — Auf den Bericht vom 20. v. M. erwiedere ich Ew. Wohlgeboren, daß es einer Aenderung der Verfügung vom 13. Januar 1880, A. I. 143 in dem beantragten Sinne nicht bedarf, da Synagogengemeinden die Eigenschaft öffentlicher Korporationen haben und Frauenspersonen nach öffentlichem Rechte zur Theilnahme an öffentlichen Angelegenheiten unfähig sind. Frauenspersonen find daher in den die öffentlichen Angelegenheiteil der Synagogengemeinden betreffenden Verhandlungen weder wahlberechtigt lioch wahlfähig." * Berlin, 23. Februar. Der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund" macht Folgendes bekannt: „Die zahlreichen jüdischen Lehrerinnen in Deutschland waren bisher durch die Eigenartigkeit ihrer beruflichen und sozialen Stellung von den Segnungen der Versicherungsnahme und den Vergünstigungen unserer einschlägigen Stiftungen fast gänzlich ausgeschlossen. Die Allgemeine Versicherungs - Aktien -Gesellschaft „Viktoria" zu Berlin hat nunmehr auf Veranlassung des Ausschusses einen eigenen Tarif ausgearbeitet, nach welchem diese Lehrerinnen sich durch den Deutsch- Israelitischen Gemeindebulid unter folgenden Modalitäten versichern können: 1. Es wird nicht ein Kapital, sondern eine lebenslängliche Rente versichert, welche von einem von der Antragstellerin vorher sestzusetzenden Lebensjahre an gezahlt wird. 2. Stirbt die versicherte Person vor Eintritt in den Genuß der Rente, so werden, falls die Versicherung mindestens zwei Jahre lange in Kraft bestanden hat, die vollen eingezahlten Prämien an die Erben der Versicherten zurückgezahlt. 3. Stellt die versicherte Person ihre Prämienzahlungen vor Beginn des Rentenbezuges ein, so werden, falls die Versicherung mindestens zwei Jahre lang in Kraft bestanden hat, die eingezahlten Prämienbeträge abzüglich der ersten Jahresprämie sofort baar zurückgewährt. Zu den an sich sehrbilligen Prämiensätzen wird der Deutsch-Israelitische Gemeindebund die folgenden Vergünstigungen hinzufügen. 1. Er wird einen Theil der erforderlichen Prämienbeträge aus seinen Mitteln zahlen. 2. In den Fällen, wo eine Lehrerin in Folge ihrer Verheirathung die Rentenversicherung aufgiebt, wird er den von ihm bezahlten Prämienantheil Gunsten der betreffenden Lehrerin vertuenden. In afleit andern Fällen des Aufhörens der Prämienzahlung behält der Gemeindebund sich die Verwendung des von ihm gezahlten Antheils vor. Der genannte Tarif ist von der „Viktoria" lediglich für die Versicherten des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes ausgearbeitet worden. Es sind daher alle Anfragen und Anträge an das Bureau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, Berlin W. Sigismundstraße 5, zu richten, welches zu jeder Auskunft bereit ist." (D Berlin, 24. Februar. Zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums hielt gestern Abend Herr Redakteur Dr. Basch einen Vortrag, betitelt „Stürme der Z eit." Der Redner verbreitete sich in demselben über die sozialen Ereignisse der jüngsten Gegenwart, besonders des Jahres 1890, die er von interessanten Gesichtspunkten aus beleuchtete. Das Publikum spendete den Ausführungen reichen Beifall. * Berlin, 23. Februar. Der Vorstand des Vereins „Freunde der Taubstummen" (Jodide Ilmim) versendet folgenden Aufruf: „Die Aermsten der Armen sind es, die Euch durch uns wiederum bittend nahen, arme, jüdische, taubstumme Kinder aus dem ganzen Deutschen Reich, die von uns Unterricht und Unterhalt, geistige und körperliche Nahrung, Erziehung und Heranbildung zu brauchbaren Mitgliedern des Staates und der menschlichen Gesellschaft verlangen. Durch die Hilfe edler Menschen ist es uns zwar gelungen, das Heim für diese Unglücklichen so zu vollenden, daß nicht nur arme Kinder, sondern auch solche wohlhabender Eltern bei un3 eine entsprechende Erziehnngsstütte finden, aber noch fehlen uns die Mittel, um allen denen, die es fordern, die Wohlthateu unserer Anstalt ganz oder theilweise unentgeltlich angedeihen lassen zu können. Erst 17 Kinder konnten wir aufnehmen — und auch dies mit unterweiter Ueberschreitung der vorhandenen Mittel — während noch an 60 Kinder der Aufnahme bedürftig sind, sollen sie nicht geistig mtb körperlich zu Grunde gehen. Wir bitten Euch daher: Helfet, gebet, zeichnet oder erhöht jährliche Beiträge, unterstützt uns durch einmalige, größere Geschenke, die wir hauptsächlich zur Tilgung unserer noch ca. 90,000 Mark betragenden Banschuld verwenden werden, um die ersparten Zinsen für die Aufnahme weiterer Zöglinge verwertheu zu können; gedenket unserer Anstalt bei freudigen Ereignissen, erinnert Euch ihrer bei Vermächtnissen! Große Mittel sind zur Unterhaltung dieser vom Königl. Provinzial-Schul-Kollegium beaufsichtigten und nach ganz festen Normen zu leitenden Anstalt erforderlich, gewähret sie uns; auch macht wohlhabende Eltern taubstummer Kinder ans unsere Anstalt und ihre segensreiche Wirksamkeit aufmerksam. Ein Besuch in der Anstalt, Nell- Weißensee, Parkstraße 18, wird Jedem ullserer Glaubensgenossen die Ueberzeugung verschaffen, daß unsere Pfleglinge streng religiös erzogen werden und bereit körperliche wie geistige Allsbildung sich in besteil Händen befindet; auch werden unsere Wohlthäter sich dort zum ewigen Gedächtniß in einem Buche eingezeichnet finden, dessen Inhalt stets mit dem Jahresbericht veröffentlicht werden wird. Die Verleihung der Korporationsrechte an unsere Allstalt dürfte nahe bevorstehen; die zur Besichtigung vom Königs. Provinzial-Schul-Kollegium abgesandten Herren verließen die Anstalt mit dem Ausdrucke voller Befriedigung über das von uns Erstrebte und Erreichte. Unterstützen Sie uns, indem Sie einen Jahresbeitrag zeichnen oder erhöhen, oder indem Sie Ulls einmalig bedenken; durch Ihre Gabe wirken Sie so Edles, wie der Mensch nur wirken kann, Ihre Gabe trägt bei, das unglücklichste Wesen, das taubstumme Kind, zum wahren Menschen heranzilbilden." * Berlin,. 20. Februar. Das Komitee für die Chanukabescheerung versendet noch folgenbe Danksagung: „Die freundliche Bereitwilligkeit verehrlicher Gemeindemitglieder hat es dem Unterzeichneten Komitee wieder ermöglicht, zu Channka eine große Anzahl jüdischer Kinder, welche die Kommunalschulen besllchen, mit Winter-