Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1891)
- Date
- 1891-02-26
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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108 auf der einen Seite das Gan Eden und auf der anderen Seite das Gehinnom, und als ob cs sich von selbst verstünde, wandte er sich dem ersteren zu. Höher schlug sein Herz, als er das Raffeln von Schüsseln und Klirren von Gläsern zu vernehmen glaubte, und" bald hörte er laut und deutlich rufen: „Nur herein, Jankel Leib, Eurer warten hier die besten Genüsse." Das war die Stimme des Engels, der vor der Gan Edenthür Wache hielt. Flugs wollte der also Eingeladene hinein nach der Stätte der Wohlgenüffe; allein er fand die Thür verschlossen, und fragend blickte er auf den Engel. „Nun schließ' auch die Thür selbst auf," sprach dieser; „denn Jeder, der in das Gan Eden will, muß sich auch den Schlüssel hierzu von unten mitbringen." Jankel Leib griff in die Tasche; doch merkwürdig genug! Sonst pflegte er den Schlüffel, weil er Niemand traute, immer mit sich hermnzutragen, und gerade heute hatte er ihn nicht. Jetzt erinnerte er sich daran, daß er ihn im Schlöffe habe stecken lassen, als er vor der Armen die Thür verschlossen. Sein Aerger war groß. Hier also stand er vor dem Gan Eden, aber hinein zu kommen vermochte er nicht; alles wegen des dummen Schlüffels. Von darinnen drangen liebliche Gerüche zu ihm; er konnte bersten vor Wuth. Unter dieser Einwirkung unbeschreiblichen Verdruffes wachte er auf. Streng nahm er sich vor, niemals mehr ohne Schlüssel zu Bett zu gehen. Er konnte ja nicht wissen, ob er nicht wieder einmal nach dem Himmel getragen werden würde; dann aber wollte er sich nicht wieder in die fatale Lage versetzt sehen, vor dem verschlossenen Ganeden stehen bleiben zu müsien. Und wirklich, schon in einer der nächsten Nächte wiederholte sich sein damaliger Traum. Jankel Leib sah sich wieder in den Himmel getragen, er sah das Gan Eden, er hörte das Raffeln von Schlüsseln, roch den Duft von ausgesuchten Speisen und wurde so zauberisch von der hohen Bedeutung der Gan Edenmahlzeit umfangen, daß er sich selbst wie ein' Lewijatan, wie ein Schor Bor vorkam. Schnell griff der also Animirte in die Tasche, und richtig, da war auch der mitgebrachte Schlüssel schon gefunden. Eiligen Schrittes eilte der stark Hungrige auf das Gan Eden zu. Er wollte mit dem Schlüssel ins Schloß hinein, aber welch ein Unglück, er paßte nicht, er war absolut nicht hineinzubringen. Vergebens bemühte sich der Arme eine längere Zeit damit. Jankel Leibs Ungeduld stieg in dem Maße, als hundert Wahrnehmungen aus dem Gan Eden zu ihm drangen, die ihm bekundeten, daß man darinnen stark beim Effen sei, des Gläsergeklirres nicht zu gedenken, welches fortwährend zu seinen Ohren drang. Das Gan Eden blieb verschlossen, der Schlüffel paßte nicht ins Loch. Und nun fing der Unglückselige gar zu räsonniren an, begann zu schimpfen und zu fluchen an der Thür des Gan Eden. . Von dem wachthabenden Engel auf dieses ungebührliche Benehmen aufmerksam gemacht, schrie Jankel Leib: „Was habt Ihr denn eigentlich hier oben für Schlösser? Stehe hier mit dem richtig mitgebrachten Schlüssel und krieg' nicht auf. Es ist zum Rasendwerden!" „Gebt her den Schlüffel," erwiederte Jener. „Habt sicherlich kein Verständniß davon, wie man sich das Gan Eden öffnet. Ich werde es für Euch thun." Jankel Leib sah sich den Engel an; er traute nicht, weit er niemals Schlüffel aus Händen gab. Da ihm aber nichts Anderes übrig blieb, so that er endlich, wenn auch zögernd, wie ihm geheißen. Kaum aber hatte der Engel den Schlüffel berührt, so schleuderte er ihn von sich. „Betrüger!" schrie er in höchster Entrüstung, „mit diesem Schlüffel wollt Ihr ins Gan Eden, mit diesem, der doch nur für's Gehinnom paßt? Fort, hinüber mit Euch, Ihr Sünder, wo man Eurer schon wartet!" Ein fürchterlicher Schreck überkäm Jankel Leib und gab dem Traum das Ende. Der Morgen fand ihn in Schweiß gebadet. Sein Herz pochte, seine Glieder zitterten, und eine tödtliche Angst schnürte ihm die Brust zusammen. Jndeß tröstete sich der schwer Betroffene damit, daß ja Alles nur ein Traum gewesen sei. Allein er kam aus dem Eindruck des Geträumten nicht heraus, er fand in dem darauf folgenden ganzen Tag keine Ruhe. Der Gedanke an das Gehinnom verfolgte ihn auf Schritt und Tritt. Er beschloß deshalb, zum Rabbiner zu gehen und bei ihm Beruhigung zu suchen. Derselbe aber, ein kluger, bedächtiger Mann, ging so ausführlich auf den vorliegenden Fall ein, daß sich Jankel Leib veranlaßt sah, ihn auch mit der Sünde bekannt zu machen, der er sich schon vor dem ersten Traum gegen das arme Weib schuldig gemacht hatte. Und wie nun der Rabbiner davon vernahm, sprach er alsobald: „Dann freilich konnte der Schlüssel, den Ihr mit »ach oben genommen, nur für das Gehinnom passen. Bekehrt Euch, thut Buße, übet mildthätige Werke, dann wird der Schlüffel, den Ihr einst mitnehnien werdet, für das Gan Eden paffen." Jankel Leib versprach es und hielt nach Möglichkeit Wort. Wir sagen nach Möglichkeit, insoweit es eben sein. Geiz zuließ, Wohlthätigkeit zu üben. Weil er nun aber die Gewißheit, ins Gan Eden zu kommen, seit jener Zeit eingebüßt hatte, bildete von da ab bei ihm wieder der Tod Gegenstand der Furcht und des Schreckens, und zwar so, daß man sich des Schlimmsten von seiner Seite aussetzte, wenn man von Tod oder Sterben sprach. Leute, die dem aus dem Wege gehen wollten, wählten daher, wenn sie Jankel Leib mittheilen wollen, daß dieser oder jener gestorben sei, eine andere Redensart, sie sagten dann, A. oder B. sei „fortgezogen", das war Jankel Leib schon recht, denn er wußte in jedem Falle, was mit den Leuten passirt, ohne sich dabei an den Tod strikte erinnert zu sehen. Freilich konnten Mißverständniffe dabei nicht ausbleiben. Als einst Reb Jissroel Frosch, ohne sich dabei etwas vom Tode zu denken, unseren Jankel die Mittheilung von dem machte, was in Wirklichkeit geschehen, nämlich daß sein, Reb Jffroels, Schwiegersohn fortgezogen sei — wo er selbstverständlich nieinte, fortgezogen von B. — erwiederte Jankel recht fromm und andächtig darauf: ix midi dajan eines (Gelobt sei der gerechte Richter). Und doch lebte der Schwiegersohn Reb Jissroels das schönste, kräftigste Leben. Der derbe Verweis, den Jankel Leib für diesen unzeitigen Ausdruck der Gottesergebung davon trug, konnte ihn nicht außer Faffung bringen. Er selbst starb eines Todes, wie er ihn sich nicht bester wünschen konnte. Er hatte die Kosten eines langen Krankenlagers nicht zu bestreiten. Er saß beim Mittagsessen, als er von Schlage getroffen zusammensank. Als man sich ihm näherte, war er bereits todt, oder nach seinen: Wunsche zu reden — war er „fortgezogen". Truck und Verlag von Rudolf Mojje in Berlin. .Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.