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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-26 · Heft 9 (26.2.1891) · p. Seite 107

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 9 (26.2.1891)
Date
1891-02-26
Page
Seite 107 (sequence 11)
Language
German
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und so ein ganzes Konsortium von Namen in einer jeder Regel der Grammatik hohnsprechenden Konstruktion für den Einzelnen zusammengestellt, oder es wurde ihm sein Beruf, sein körperliches Gebrechen, seine Länge oder Kürze, seine Gesichtsfarbe oder Gepflogenheit hinzugefügt. Wir haben es glücklicherweise hier nur mit zwei einfachen Namen zu thun. Jankel Leib hieß unser Mann. Er war seines Gewerbes Gold- und Silberhändler. Dabei haben aber unsere Leser nicht an ein großartiges, weit gedehntes und mit allem Komfort ausgestattetes Geschäftslokal zu denken, das er auf dem Marktplatz oder in einer der Hauptstraßen inne gehabt hätte. Nein, das war es nicht. Jankel Leib hatte nichts mit dem, was Pomp und Glanz bedeutet, zu thun. Er hatte keinen großen Laden mit glänzend dekorirtem Schaufenster für den Fortgang seines Geschäfts als nöthig erachtet. Er trug vielmehr seinen Waarenvorrath in den Taschen seines langen Rockes mit sich herum; rechts das Gold und links das Silber, und in dieser Weise geschäftlich eingerichtet, suchte er seine Kunden auf und brachte die Waare an den Mann. War indeß, — was gewöhnlich nach den Einkäufen in Leipzig und Frankfurt zu geschehen pflegte — fein Vorrath an Maaren so groß, daß er ihn nicht in den Taschen seines Rockes unterzubringen vermochte, so besaß er noch zu Hause an seinem Tische eine Schublade, in welcher er dann eine Niederlage seines Handelsartikels einrichtete. Jankel Leib war sehr geizig. Allein an ihm selbst nahm man nicht die körperliche Zerfallenheit wahr, wie man sie sonst bei Geizhälsen anzutreffen pflegt, wo die blasse Gesichtsfarbe, die eingefallene Wange, das magere eckige Kinn, die knöchernen Hände und die aus der ganzen Erscheinung hervorlugende Halbverhungertheit die Routine bekundet, womit man mit dem Lebensunterhalt abrechnet. Das sah man Alles an Jankel Leib nicht. Im Gegentheil, sein körperliches Besitzthum war ein wohl abgerundetes, und eine ssewisse Wohlgepflegtheit sprach aus jedem einzelnen Theile desselben. Und dennoch konnte sich Jankel Leib in dieser Beziehung nicht den geringsten Vorwurf machen. Er gab seinem Körper nur knapp bemeffen das, was er von ihm zu fordern hatte, und wäre ihm diese Wohlbeleibtheit nicht angeboren worden, er wäre der Letzte gewesen, der darauf einen Groschen verwendet hätte. Mitunter soll er sogar deswegen recht schlecht auf Mutter Natur zu sprechen gewesen sein. Warum hatte sie ihm auch diesen unerwünschten körperlichen Umfang gegeben, der ihm nur größere Kosten bei Anschaffung seiner Kleidungsstücke verursachte! Er mußte beinahe noch einmal so viel Zeug zum Anzuge haben, als der kleine, spindeldürre Schneider Leibche Elkes. Jankel Leib war sehr geizig, und das hatte sein Sohn Hirsch sehr zu empfinden. War er doch im Grunde genommen ein junger Mensch und hatte, wie überall die Jugend, das Recht, das Leben zu genießen. Dem widersprach indeß sehr entschieden der sparsame Vater. „Wenn Du nur lebst und da bist" — so tröstete er den nach den Genüssen der Welt lechzenden Sohn — „wenn Du nur lebst und da bist, so hast Du schon genug; alles Ucbrige kann gespart werden." — Einmal — so erzählte man sich in der Gemeinde — lagen Vater und Sohn, die in einem Zimmer schliefen, in den Betten, während draußen fünfzehn Grad Kälte waren. Da die Winternächte bekanntlich sehr lang sind und die in B. auch nicht kürzer waren, so wachte man in der Nacht zuweilen auf und lag stundenlang ohne Beschäftigung da. Hier war es nun, wo Hirsch wieder einmal seinen Vater anzapfte und ihn darüber zur Rede stellte, daß er, Hirsch, so rein gar nichts an Vergnügungen mitmachen könne, weil ihm der Vater das hierzu nöthige Geld nicht hergebe. „Ich will auch einmal ein Naches (Vergnügen) haben, ich bin nicht schlechter als alle Andern," schloß der Sohn die Anklageakte gegen den Vater. Eine Weile schwieg dieser, wohl sehr überrascht über die Kühnheit, welche Hirsch mit dieser Forderungan den Tag gelegt hatte, dann öffnete er den Mund und sprach: „Du willst ein Naches haben?" „Ja, das will ich!" erwiederte Jener im entschlossenen Ton. Wiederum schwieg Jankel Leib einige Augenblicke, dann begann er: „Hirsch, streck doch einmal Deinen rechten Fuß zum Bette hinaus." — Wiewohl Hirsch nicht wußte, was sein Vater mit der sonderbaren Aufforderung bezwecke, that er nichtsdestoweniger, wie ihm geheißen, denn er war ein folgsamer Sohn. Draußen aber, außer dem Bette, war es fürchterlich kalt, und der nackte Fuß unseres Hirsch hatte solches zu empfinden. „Nun den Fuß wieder in das Bett zurück!" kommandirte der Alte nach einiger Zeit, worauf sich Hirsch beeilte, der Forderung Folge zu geben. Und als er den halb erstarrten Fuß in die behagliche Wärme des Bettes brachte, da empfand er dabei ein so süßes, beseligendes Gefühl, wie er es in seinem ganzen Leben noch nicht gehabt hatte. Ein hierüber sich äußerndes langgedehntes „Ah" entstieg seinein Munde und diesem Ergüsse innigen Wohlbehagens schloß sich an der Ausruf: „Das ist einmal ein Naches!" „Da hast Du denn, was Du gewllnschst," rief alsbald der Vater; „hast ein Nachas, das um so höher anzuschlagen ist, weil es nichts gekostet hat." Jankel Leib fürchtete den Tod viel mehr als alle andern Menschen, und zwar meist darum, weil er von seinem Vermögen nichts mit in das Grab nehmen konnte. Eins jedoch tröstete ihn bei dem Gedanken daran, nämlich die Aussicht auf das Gan Eden; wohin er unter allen Umständen zu konnnen hoffte. Dort im Gan Eden sollten ja nach seiner eigenen Vorstellung, und wie er es auch von Andern gehört, ganz prächtige ausgezeichnet schmackhafte Gerichte verabreicht werden, und zwar, was für Jankel Leib Hauptsache war, ganz unentgeltlich. Dort gab es Fleisch vom Schorbor, vom Leviatan und was des Guten noch mehr, — dort brauchte man nur zu essen, aber niemals zu bezahlen. — Das war so etwas für Jankel Leib, und Betrachtungen über die ihm glänzende Aussicht angestellt, waren vollständig geeignet, ihm jede Furcht vor dem Tode zu benehmen. Einst hatte Jankel Leib einen Traum, der ihn in dieser Hinsicht in schwere Besorgniffe versetzte. Was diesem Traum indeß voranging, war Folgendes: Jankel Leib hatte sich eines Tages beim Geldzählen befunden, einer Beschäftigung, bei der ihm Alles in der Welt überflüssig vorkam. Da fiel sein Blick durch das Fenster, und er sah ein armes Weib auf seine Wohnung zukommen. In richtiger Erkenntniß, daß es sich wohl um das „Geben" handeln werde, verschloß er schnell von innen die Thür. Die Arme pochte an, aber Jankel Leib hütete sich wohl, einen Laut zu verrathen, daß er zu Hause sei. Indes; hatte ihn Jene bereits draußen gesehen und rüttelte an der Klinke, dabei rief sie: „Reb Jankel Leib, Reb Jankel Leib." Dieser konnte nunmehr nicht anders, er mußte sie fragen, was sic wolle, ohne daß er dabei die Thür öffnete. „Ach, Reb Jankel Leib!" rief das Weib; „erbarmt Euch meiner und leihet mir fünf Silbergroschen, daß ich meinen Kindern Brod kaufen kann." „Brod will sie kaufen," sprach der Hartherzige vor sich hin; „mich wundert's, daß sie nicht Geld zu Kuchen haben will. — Fort!" rief er der Armen zu; „schaut Euch anderswo um nach Geld; ich, habe kein Gelo für Euch." Und dabei verblieb's, er gab dem Weibe nichts. In der Nacht darauf hatte Jankel Leib einen sonderbaren Traum. Er fühlte sich gen Himmel getragen. Oben erblickte er

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