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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-26 · Heft 9 (26.2.1891) · p. Seite 101

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 9 (26.2.1891)
Date
1891-02-26
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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101 haltend, sprechen, die folgsamsten und achtsamsten Schüler. Das sicherste Mittel, eine durch einen zufälligen Umstand überlaut gewordene Klaffe zum Aufhorchen zu bringen, ist eine ganz leise Anrede, wie oft einem Pianissimo im Konzert mit verhaltenem Athem gelauscht wird. Wie mancher junge Kandidat, dem eine Unterklasse eines Gymnasiums oder einer Realschule anvertraut ist, der wohl viele Vokabeln im Kopfe, aber wenig Lehrtakt besitzt, würde bei maßvollem und deutlichem Sprechen seinen Schülern Nachsitzen, Pönitenzen und dasZeit und Schrift verderbende Abschreiben so und so vieler Seiten ersparen! Verzeihen Sie den jähen Sprung aus der Vorschule zum Sprechen in die Klasse der klassischen Sprachen. — Wie vielen, vielen Kindern wird die Lallezeit zur Passionszeit! Kaum hat die nächste Umgebung einige Wörterbruchstücke erlauscht, so ist der Kleinen Ruhe hin, ihr Kopf wird schwer gemacht. Ihr Ohr umsummt ein ganzes Lexikon fleischloser Wörter — verstümmelte Wörter werden nach- und Vorgesprächen, und vor jeder Nachbarin muß die Lektion zur Einübung und Befestigung des Bizarren wiederholt werden. Das holde Wesen erwacht aus seinem Morgenschlafe und will sich den Morgenbetrachtungen hingeben, da muß es alle Tonarten vom Forte fortissimo bis zum Pianissimo anhören. Vielleicht ist sein Kopf gar vom Zahnen besangen, — thut nichts, es soll „Rede liegen"; es wendet sich ab mit der stummen Bitte: „Bitte, habet Geduld mit meinem armen, schwachen Ohre!" Hilft nichts, — es schreit vor Schmerzen! — desto lauter dringen die zuckersüßen Worte auf sein Trommelfell — es wird ihnen so dumm, als ginge ein Mühlrad ihnen im Kopf herum. Die Aussprache der zurückliegenden Gaumen- und Zungenlaute ist dem Kinde schwieriger, als die Lippenlaute, zu deren Nachahmung die Lippen zu Hilfe kommen. So wird der Schreibschüler schneller, leichter und korrekter des Lehrers Schrift sich aneignen, wenn dieser vorschreibend neben dem Schüler sitzt. Mit dem Auge gehen Zug und Druck durch den Arm und die Hand auf das Papier, die Zeichen gewinnen mehr Leben und Bewegung, als wenn der Schüler die todtsteifen Buchstaben von der Wandtafel oder der Vorschrift absieht. Für das „R" und das „L" spricht manches Kind das leichtere „W", und nun ruft es seine Schwester stets Kwawa, statt Klara, oder macht aus dem „Kind" ein „Tind". Nun wird eine große Auswahl solcher Mißbildungen mit Freude und Nachsicht weiter vor- und nachgesprochen, nicht aber jedes Kehlwort langsam und lautrichtig wie es sein müßte, vorgesagt. Die falschen Laute, die schnarrende, hastige Aussprache lagern sich leicht und bald in den Organen ab bis zur Gewöhnung, und F. Kreutzer sagt in einem Artikel über das Stottern: „Eine gute Sprache ist zum Theil Gewöhnung." Da bekommt der Lehrer ein schweres Stück Arbeit, nämlich wenn er seine Kinder gut sprechen zu lehren, als seine wichtigste Aufgabe mit gebührendein Ernste auffaßt. Auch so, das Wie in der Vorschule anlangend — ist schon der Satz hochwichtig: „Bewahre meine Zunge vor Bösem". Ernster noch, als das „Wie" hält das „Was" seine Mahnrede. Nicht länge und die weit schlimmeren Zerrbilder und Karikaturen in Worten der Lüge und Lästerung, Falschheit in Wort und Sinn rufen zur Abwehr die Erzieher in Haus und Schule auf die Warte. Da möge die Gruppe des Laokoon, mit den Schlaugenwindungen, dem gicriggiftigen Züngeln, und der Ausdruck des zerreißenden Schmerzes recht lebhaft vor die Seele der Jugenderzieher treten: „—! Bewahre meine Zunge vor Bösem", mit dem Zusatze: „Und öffne Ohr und Herz deiner Lehre!" 9 Stimmen und Urtheite im Iudentstirm über das Christenthum und dessen Bekenner. Voir Dr. I. H a m b u r g e r, Landesrabbiner in Strelitz. (Schluß.) k> Aus dem 17. Jahrhundert. 1. R. Mose Ribkes (1640), Verfasser der Schrift „Leer lia- Gola“, einer Quellenangabe zum Schulchan Aruch (gedr. 1661), wo es heißt: „Unsere Weilen haben (in ihren Maßnahmen gegen die Heiden) nur von den Götzendienern, die in ihrer Zeit waren, gesprochen, die Sterne und Planeten verehrten, weder an die Weltschöpfung noch an den Auszug Israels aus Aegypten glaubten. Dagegen glauben die Völker, unter denen wir wohnen und deren Schutz wir uns erfreuen, nicht blos dies, sondern auch noch andere Dogmen, ihre Gedanken sind auf den Schöpfer des Himniels und der Erde gerichtet. Wir müssen daher stets auf deren Wohlergehen bedacht sein und für daffelbe zu Gott beten." 2. R. Joel Sirkes (gest. 1639), Verfasfer des Kommentars zu den Turim „Betli Chadasch“ (1631), worin er in Bezug auf die in Joredea 367 genannten Pflichten auch gegen Nichtjuden unter Andern: bemerkt: „Es ist dieses Gebot eine allgemeine Mahnung an die Juden, allen Menschen Frieden und Heil zuzuwenden, sich an allen Bestrebungen, die das Wohl der Menschheit befördern, eifrig zu betheiligen, die Wege des Friedens zu gehen, denn das sind auch die Wege Gottes, dessen Barmherzigkeit sich über alle seine Geschöpfe erstreckt" (Ps. 145, 9). 3. R. Moses Chagis in Safed und Livorno (1670—1744). Derselbe lehrte in seiner über die pentateuchischen Gebote verfaßten Schrift „Bla ha-Mizwoth“ Gebot 564 in Bezug auf 5 M. 23. 8—9.: „Wenn uns Gott gebot, gegen die Aegypter, die unsere Väter geknechtet und deren Kinder zu tödten befählen, und gegen die Edomiter, die mit dem Schwert uns entgegenzogen, um uns zu vernichten, wegen ihrer Gastfreundschaft dankbar zu sein, wie vielmehr sollen wir den Völkern und Fürsten dankbar sein, in deren Landern wir wohnen, wo wir uns der geistigen und leiblichen Freiheit zu erfreuen haben, wie viel mehr haben wir für deren Wohl zu beten! Das ist denn uns als Pflicht geboten. Jeder Thor daher, der das Entgegengesetzte glaubt, lebt in einem tiefen Jrrthum und kennt nicht die Wege Gottes, der gerecht ist und Israel nur gerechte Vorschriften gegeben hat. Und wenn je ein Judenfeind die Völker das Gegentheil über uns glauben machte, so vertrauen wir auf die Gnade Gottes und der Regierungen jener Nationen, daß sie erkennen werden, daß nur Unglaube und grobe Unkunde des jüdischen Gesetzes solche Judenfeinde mit ihren falschen Anklagen schaffen konnten." 8) Aus dem 18. Jahrhundert. 1. Isaak Lampronti, Oberrabbiner in Ferrara (gest. 1756), Verfasser einer talmudischen Real-Encyclopüdie unter dem Namen „Pachad Jizeliak“. In derselben unter Artikel „Goj", 'zz, heißt es: „Sämmtliche Aussprüche und gesetzliche Bestimmungen gegen die Heiden beziehen sich nicht auf die Bekenner des Christenthums, denn sie sind keine Götzendiener, sie glauben vielmehr an Gott, sind nicht des Mordens, des Raubens u. a. m. verdächtigt, da sie diese Verbrechen viel schärfer, als die jüdischen Gesetze es erfordern, bestrafen"; „wir lassen uns ja", schließt er, „von ihnen heilen u. s. w., auch unterrichten wir sie (auf Verlangen) in der Thora." Er beruft sich dabei auf die Aussprüche der bedeutendsten jüdischen Gelehrten, als auf Moses Maimonides (1135—1204), der Jeden unter den Völkern, welcher die 7 »oachidischeu Geselle beobachtet, als

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