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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-26 · Heft 9 (26.2.1891) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 9 (26.2.1891)
Date
1891-02-26
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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Dädagsgifche 0vitft über Erziehung und Unterricht. Von A. Treu, Seminarlehrer in Münster. „Wer gegen Menschen keine Pietät besitzt, keinen hochhält, wie kann der erwarten, das; andere ihm selbst mit Pietät und Verehrung zngethan werden nnd bleiben?" Diester weg. „—! Bewahre meine Zunge vor Bösem!" Gebetbuch. in. Den Gedankenstrich im zweiten Motto bitte ich, nur im Gedanken und in der innigsten Vermählung von Geist und Herz auszufüllen. — Sicherlich hat ein tiefer Sinn die Anordnung getroffen, daß nach dem lauten Vortrage der achtzehn Bitt- und Segenssprüche das folgende, ticfinnige Gebet, das mit unserem zweiten Motto anhcbt, leise verrichtet werden soll. Möchten doch die Kinder durch das Vorbild daran gewöhnt werden, das Heilige und Verehrungswürdige still im Herzen zu hegen, nicht aber äußerlich zu veräußern; nicht vor der Welt auszuschreien, nicht in das Große wie Kleine des Lebens und Treibens hineinzuziehen mit der Aufschrift: „Zur Weltbeglückung"; — die sich auf dem Urgründe zumeist in ein Rollcspiel und Taschenfüllen umsetzt. Verzeihen Sie, wenn Ihnen hierbei durch Hinweis auf Weltdeglückung ein lieber Mann einfällt, der sich, zwar nicht wie jener edle Römer zur Rettung seiner Vaterstadt in einen Erdspalt, wohl aber in einen Sumpf im Jntereffe einer emporhelfcnden Goldwäsche stürzt — oder, wenn irgend ein Diener am Wort der „Liebe" — mit dem naheliegenden Stabreim „Lüge" das Reich des Friedens zu bringen sich mit eifrigen Bemühen hingiebt; derer wollen wir nicht weiter erwähnen, sondern der Zerrbilder und Verwirrungen vergessen, „ihrer nicht fürder gedenken". — Denn z wir müssen uns den Kleinen zuwenden, die Menschen werden sollen. j „Dem Munde der Säuglinge und Lallenden entquillt die Macht". Wer dürfte auch nur mit dem leisesten Gedanken an den geringsten Mißbrauch der Zunge an die Unschuld hinantreten? Mit der Zunge, die das Ohr nicht verletzen darf, sind nicht minder Feder und Zeichenstift zum Schutze des Auges vor Kindern in strenger Zucht zu halten. Bevor ich mich an den Schreibtisch setzte, um mich brieflich mit Ihnen zu unterhalten, bin ich von einem längst schuldigen Besuche zurückgekommen, von dem ich den Eindruck eines reizenden lieblichen Bildes mitgebracht habe. Das Bild hat mich unwillkürlich an Ihre liebe Kleine erinnert, und ich habe mehre Male Sie zur Theilnahme an der Beobachtung herbei gewünscht. Der Besuch galt einem jungen Ehepaare. Der Gatte empfing mich herzlich, aber ohne viele Empfangsförmlichkeiten; er hatte es auch eilig — denn ohne alle Umstände öffnete er eine Seitenthür — und zeigte mit väterlichem Stolze auf seinen etwas über ein Jahr alten Erstling, der auf einige Zeit allein gelaffen war. Das Bübchen lag in der Wiege, reckte seine Aermchen empor und schaute mit freudestrahlenden Blicken dem Vater entgegen. Dieser bog sich über seinen Liebling und sagte langsam: „Mama, Mama". Des Kindes Lippen bewegten sich, wie von inneren Fäden geleitet, die Bewegung der väterlichen Lippen nachahmend, und unter holdseligem Lächeln gaben sie wie ein Widerhall ganz deutlich des Vaters Worte zurück. „Sehen Sie wohl," sagte der erfreute Vater zu mir, „er kann die Mama — schon rufen." Diese kam jetzt, wie gerufen, herbei, ihr Gruß war eben so herzlich, wie kurz — denn sie trat rasch vor das Knäbchen, das ihr ohne ihr Lippenspiel gleich ein „Papa, Papa" mehr entgegen sprach, als lallte. Sollte das Kind seine Eltern nicht unterschieden haben? — Ohne Zweifel. Aber dennoch müssen diese mir angcmerkt haben, daß die Verwechselung jn der Benennung mich in etwas befremdete. Sie, verehrte Freundin, werde» mit der Unmittelbarkeit des weiblichen Herzens und mit dem die Regungen des Kindes scharf beobachtenden Mutterauge zwei Lösurigsfragcn mir zur Antwort geben: Ei, kann das Kind nicht beim Anblick der Mutter dieser haben sagen wollen, „Papa ist mit einem lieben Freunde da?" — oder — „Sieh doch, „Papa", die herzige Mama ist nun auch da!?" Jn der Voraussetzung, daß es Ihnen eben so wenig wie mir unbedeutsam ist, wie das Kind Mama und Papa sprechen gelernt hat, füge ich die Aufklärung der Mutter bei, die sie mir gab, indem sie ihre Hand in die Rechte ihres Gatten legte. Beide hatten die Wahrnehmung gemacht, daß das Mündchen ihres Kindes sich anschickte, einige Laute zu — lallen. Beide begannen nun, Jeder für sich, die Sprechübung, und zwar in einem Versteckspiel zur freudigen Ueberraschung des Andern. War der Vater allein bei dem Kinde, dann forderte er langsam die Mama auf des Kindes Lippen, und ebenso machte es die Mutter mit dem Papa, wenn sie mit ihrem Liebling allein war. Die Lippen sind die äußersten Sprechthorflügel, und das Lallen ist die Vorschule zum Sprechen. Wie gefällt Ihnen dieser Lippendienst oder die Liebe-Lehre dieser Gruppe? Diese Liebe-Lehre — ist wohl der beste Katechismus — das Kind schaut empor in die Augen der Eltern, und darüber hinaus zum Allvater, der die All-Menschenliebe auf Erden sich erfüllen heißt. Die Liebe-Lehre, das ist Religion. Pflegen wir diese Gottesblume bei den Kindern ganz still, ohne viel Redens davon zu machen, dann erwecken wir im Kinde das Gefühl für Religion. „Bei Kindern ist warmes Gefühl für Religion ein Zeichen des Genies," sagt Jean Paul. — „Es eifere Jeder seiner unbestochenen, von Vorurtheilen freien Liebe nach." Scheint es nicht bedeutsam, daß die Natur die Wörter „Mama, Papa", womit das Kind so leicht seine ersten und opfernden Wohlthäter ruft, und woran es sein tiefstes Dankgefühl zeitlebens knüpft, auf und in die Lippen gelegt hat? Und ist es nicht bezeichnend, daß die Sprache unserer heiligen Urkunde die ähnliche Bedeutung für das Elternpaar hat, nämlich: Ab, Em, nur mit dem Unterschiede, daß in jenen der Stimmlaut, in diesen der Mitlaut vorangeht? Die natürliche und erste Lautüußerung der Kinder ergiebt sich im Stimmlaut, im Weinen und Lachen kund. — Das „Mama" scheint indeß das Leichtere, und Pestalozzi meint: „Es ist nicht genug, den Weg der Menschenbildung zu kennen, man muß auch den milden, leisen Schritt kennen, mit dem die sanfte Mutter den Weg dieser Bildung betritt." So groß und berechtigt aber auch die Freude der Eltern bei dem Lallen, den Anfängen des Sprechens ihrer Kinder ist, so wird diesen der Vorbote des Sprechens gar oft zur Höllenqual. Die Ungeduld belästigt das zarte Ohr mit Zerrbildern und Wörterverrenkungen, — -die das Verständnis; später erschweren nnd die Wurzel vieler verhüngnißvoller Mißverständnisse werden können. Glänzendes reizt und fällt in die Augen, zieht die Blicke junger und alter Kinder auf sich. Jene schauen schon sehr früh auf eine messingene Thürklinke, auf hellfarbige Gegenstände. Bei gellenden Schrilltönen zucken indeß die zarten Kinder wie erschreckt zusammen. „Nicht in Sturmes-Braus, in sanftem Säuseln naht sich der Herr." Langsames, gemeffenes und sanftes Sprechen spannt ja die Aufmerksamkeit und gießt Weihe und Würde über die Sprache; stürmisches Donncrgepolter, worin die Worte in nicht zu entwirrender Hast einer wilden Jagd gleich dahinschießen, verletzt und betäubt das Ohr. Möchte sich das doch jeder Erzieher im Hause wie in der Schule merken, und seine Worte würden die gewünschte Beachtung und Gehorsam finden. — Die keifenden und schreienden Lehrer haben die unruhigsten, die Lehrer, welche gelaffen, langsam, den Ton gemessen

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