Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1891)
- Date
- 1891-02-19
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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findet Lies erklärlich, ist jedoch-hierüber ziemlich ungehalten. Dies finden wir wiederum erklärlich. — Aus Kolomea kommt die erfreuliche Kunde, daß Herr Rechtsanwalt Dr. Byk von seiner Kandidatur gegen den Rabbiner Herrn Dr. Bloch zurückget reteu ist, und daß zu hoffen steht, auch die Meisels'sche Kandidatur werde zurückgezogen werden. In der Thal ist es von großer Wichtigkeit, daß bei den vielleicht zu fürchtenden Erfolgen der Antisemiten dem Reichsrathe in Herrn Dr. Bloch der streitbarste Kämpfer gegen die Judenhetzer erhalten bleibe. * Wien, 16. Februar. Julius Sulzer, der gewesene langjährige Kapellmeister des Hofburgtheaters, ist am Freitag Abend hier einem Krebsschaden erlegen. Der Verstorbene war ein Sohn des bekannten Oberkantors der Wiener israelitischen Gemeinde, Salomon Sulzer, und hatte durch seinen Vater, sowie durch den berühmten Sechter eine gediegene musikalische Bildung genossen. Im Jahre 1861 trat der junge Musiker in Wien zum erstenmal in die Oeffentlichkeit. Der Erfolg war aber ein negativer und Sulzer kehrte vergrämt und verbittert feiner Vaterstadt den Rücken, um eine mehrere Jahre währende Kunstreise anzutreten, die ihn durch ganz Europa lind Asien führte. In dieser Periode führte er auf Geheiß des Sultans eine Reorganisirung der türkischen Militärkapellen durch, leitete die italienische Oper in Bukarest und wurde Hofkapellmeister des Fürsten Karl von Rumänien. Im Jahre 1875 wurde Sulzer als Kapellmeister an das Burgtheater berufen, aus welcher Stellung er erst vor circa zwei Jahren nach einer Reihe von Konflikten mit dem damaligen Direktor Förster schied. In Wien war Sulzer eine überaus bekannte Persönlichkeit; der lange hagere Mann mit dem wallenden schwarzen Haare galt mit Recht für ein Original; ein scharfer beißender Witz war ihm eigen, daneben aber gleichzeitig eine Gutmüthigkeit, die schnell wieder zu versöhnen wußte. * Szege-irr, 16. Februar. Vor einiger Zeit haben die Rabbiner Dr. Löw in Szegedin, Dr. Perls in Fünfkirchen, Dr Rosenberg in Arad und Dr. Reumann in Groß-Kanizsa beschlossen, das alte Testament ins Ungarische zu übertragen. Die Herren theilten die Arbeit, welche sie aus Liebe für die Sache und aus Patriotismus übernommen, unter sich auf und schreitet die Uebersetzung rüstig vorwärts. Die Frage der Verlags-, beziehungsweise Ausgabekosten des voluminösen Werkes kam in einer auf Anregung des Oberrabbiners Dr. Immanuel Löw jüngst durch den Präsidenten der hiesigen Advokatenkammer Dr. Rösa einberufenen Versammlung jüdischer Advokaten zur Sprache. In Anbetracht des Umstandes, daß die geplante Uebersetzung eine vortreffliche zu werden verspricht, haben die in der erwähnten Versammlung anwesenden Advokaten, den sich auch ein Richter israelitischer Konfession anschloß, einstimmig beschlossen, für die erste Ausgabe des Werkes, welche lausend Exemplare umfassen soll, die Summe von zwölfhundert Gulden zu votiren, damit das je frühere Erscheinen des schönen und patriotischen Werkes ermöglicht werde. + Prag, im Februar. Am 29. Januar 1891 feierte Herr Dr. med. Emanuel Schiller in Jungbunzlau sein 50 jähriges Jubiläum als Arzt. Herr Dr. Schiller, geboren 1815 zu Jungbunzlau, lernte schon in früher Jugend fleißig Hebräisch und brachte es darin zu bedeutender Kenntniß; im Jahre 1827 trat er in das Gymnasium seiner Vaterstadt ein, bezog später die Universität in Prag, wo er als ausgezeichneter Schüler des damals vielgenannten Professors der Mathematik, P. Jandra, galt. Rach zurückgelegtem philosophischen Kurse widmete er sich dem Studium der Medizin, wurde am 29. Januar 1841 zum Doktor promovirt und trat die ärztliche Praxis im Städtchen Mseuo an, wo er bis zum Jahre 1848 verdienstlich wirkte. 1849 trat er als Unterarzt in den Militärdienst, machte die Kampagne in Ungarn mit, nach deren Beendigung er zuerst in die Garnison nach Raab, später nach Treviso, dann nach Venedig und schließlich nach Mantua versetzt wurde. In Mantua erkrankte Dr. Schiller 1854 an Malaria, in Folge deren er bei der Superarbitrirung als zum Militärdienst untauglich erkannt, jedoch nach vollkommener Wiedergenesung, mittlerweile zum Oberarzt avanzirt, wieder im Militärdienst verwendet wurde, bis er 1859 in den Ruhestand trat. Von da an blieb Dr. Schiller in seinem Heimathsort Jungbunzlau, wo er im Kriegsjahre 1866 im Verein mit dem Stadtphhsikus Dr. Himmer und dem Magister der Chirurgie Falta, da es all Militärärzten fehlte, im Militärspital Dienste leistete. Beim Einzug der Preußen in Jungbunzlau 1866 blieb nur Dr. Schiller mit den beiden Obgenannten anwesend, während alle anderen Aerzte verschwanden und erst zurückkamen, als die Kriegsgefahr geschwunden war. Um dieselbe Zeit wüthete in Jungbunzlau die Cholera, welcher auch die Gattin Dr. Schillers erlag. Trotz dieses Mißgeschicks ermüdete der Wackere nicht in seiner ärztlichen Pflichterfüllung und half, wo er konnte. Heute noch ist er geistig und körperlich vollkonimen rüstig unb macht täglich drei- bis vierstündige Spaziergänge. Er lebt jetzt abwechselnd bald in Jungbunzlau. bald bei seinen Kindern in Pilsen, Prag, Gablonz oder Dex, wo sein jüilgster Sohn als Knappschaftsarzt bei den dortigen Bergwerken angestellt thätig ist. J9ßt Jung - Birnzlair, den 14. Februar. Pater Sebasti ali Euringer, Priester der Diözese Augsburg, Verfasser des Buches: „Der Masoratext des Buches Koheleth (Leipzig 1890, I. C. Hinrichs)", schreibt mir in seinem Briefe de dato Oxford, 6. Februar 1891 u. A. Folgendes: „Ich habe aus Ihrer werthen Karte gesehen, daß Sie ein überzeugungstreuer Jude sind; wenil auch meine Ueberzeugung eine abweichende ist, so ehre ich doch voll und ganz die Ihrige, unb ehre ich in Ihnen noch mehr, Einen des Volkes, voll dem wir die Bibel überkommen haben; des Volkes, das auch nach unserer Ueberzeugung das auserwählte war und nach der Verheißung es wieder sein wird am Ende der Tage; des Volkes, welches eine lebendige Tradition für die Heiligkeit der Bibel und die Wahrheit ihrer Offenbarungen ist. Dies hat Kardinal Manning vor Kurzem ausgesprochen und ich und alle wahren Christen sind dieser Ueberzeugung. Denn der Antisemitismus ist keine Pflanze echten Christenthums, denn dieses kennt nur Nächstenliebe." — Die zwei Wörter echten und liebe sind vom Schreiber des Briefes dreimal unterstrichen. — Indem ich diese Aeußerung eines katholischen Priesters der Veröffentlichung für werth halte, zeichne ich hochachtend - Dr. M. Grünwald, Rabbiner. Rußland. * Petersburg, 11. Februar. Laut Verfügung des Kiew er Gouvernements dürfen die dortigen jüdischen Kaufleute erster Gilde alle ihre jüdischen Gehilfen noch bis zum 1. März behalten, weil die Eröffnung des Jahrmarkts bevorsteht und die Behörde fürchtet, der Befehl des Polizeimeisters werde Unzufriedenheit erwecken. Die betroffenen Kaufleute haben eine Klage gegen die Gouvernementsbehörde eingereicht, weil diese den Befehl des Polizeimeisters überhaupt „gesetzmäßig" fand. — In Bezug auf die in der vorigen Nummer gemeldete Agitation der Thierschützler gegen die jüdische Schüchtweise hat eine verständigere Auffassung Platz gegriffen. Allerdings wurde von einigen Heißspornen das Verlangen gestellt, bei unserer Regierung um Untersagung der jüdischen Schlachtmethode nachzusuchen. Eine einsichtigere Mehrheit faßte jedoch nur den Beschluß, die Regierung um Nachfrage bei anderen Kulturstaaten anzugehen: 1. in wie fern in ihren Staaten das Schachten nach dem israelitischen Ritus geduldet wird, und 2. ob das Schlächten vom Standpunkte der modernen humanen Grundsätze wirklich als Tierquälerei bezeichnet werden könne, lieber diese Fragen haben sich schon vor Jahren die angesehensten europäischen Autoritäten ausgesprochen, die ersten Leuchten auf dem Gebiete der Physiologie und Thierkunde, und diese stimmen darin überein, daß das Schächten nach den rituellen Ueberlieferungen der Inden den vollendetsten Schlachtmethoden der Neuzeit nicht nachstehe, und daß — so behaupten diese Fachgelehrten einstimmig — das Schächten dem Thier weniger Schmerz verursache, als das sonst übliche Schlachten. * Warschau, 12. Februar. Soeben hat General Gurko, Generalgouverneur von Warschau, ein Dekret erlassen, in welchem er im Einvernehmen mit dem Kriegsminister und dem Minister des Innern verfügt, daß jederzeit, also auch außerhalb des eigentlichen gesetzlichen Termines, eine Untersuchung des Körperzustandes jüdischer Rekruten erfolgen kann und diese unter polizeilicher Bedeckung etappenweise, d. h. zu Fuß, an den Aushebungsort zu bringen sind. Diese Maßregel hat angeblich den Zweck, den unter den Juden, wie es heißt, häufig vorkommenden Selbstverstümmelungen vorzubeugen, durch welche dieselben sich dem Militärdienst zu entziehen suchen. — Ueber die Bevölkerung der zehn Gouvernements des Zarthums Polen am 1. Januar 1890 veröffentlichte das Warschauer statistische Komitee vor Kurzem neue Daten. Danach zählte das Weichselgebiet an dem bezeichneten Tage mehr als 8lA Millionen Einwohner, oder 74 Einwohner pro Quadratwerst. Der westliche Theil des Zarthums ist dichter bevölkert als der östliche jenseit der Weichsel. Die städtische Bevölkerung des Gebietes beziffert sich auf ca. IV2 Mill. Einwohner; das Gebiet zählt 84 Kreise mit 1286 Gemeinden, ferner 114 Städte und über 300 Flecken. Im