Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1891)
- Date
- 1891-02-19
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 Zarthum überwiegt das römisch-katholische Glaubensbekenntniß, dem 75.9 pCt. der Bevölkerung angehören; dann folgen die Juden mit 13.9 PC t., die Protestanten mit 5,4 pCt. und die Orthodoxen mit ca. 400,000 Seelen; in den Gouvernements Lublin und Ssedlez stellen letztere 22 und 20 PCt. Die Juden machen in den Städten 50,6 pCt., die Katholiken 42 pCt. und die Orthodoxen nicht ganz 2 pCt. dev Bevölkerung aus; eine Ausnahme macht jedoch Warschau, wo 55 pCt. der Bevölkerung katholisch und 40 pCt. hebräisch sind. * Wilna, 12. Februar. In der vielbesprochenen Angelegenheit des Arztes Granowski in Bjalystok, der einen jüdischen Knabe;; mißhandelte, sind auf Befehl des Generalgouverneurs der Rabbiner M arkus und der Arzt Chasanowitsch, weil sie das Volk „zuUnruhen aufgehetzt", ans Bjalystok und dem Gouvernenlent Grodnv auf ein bezw. zwei Jahre aus gewiesen worden. Unerhört! Großbritannien. * London, 10. Februar. Nachdem die Bittschriften-Kommission in Petersburg es abgelehnt hatte, die Bittschrift der Bürger Londons zu Gunsten der russischen Juden dem Zaren zu unterbreiten, hatte der Lordmayor Savory die Bittschrift durch die Post; unmittelbar an den Zaren gesandt, begleitet von einem in überaus ehr- | erbietigen Ausdrücken abgefaßten Schreiben vom 24. v. Mts. Der Zar,i hat jedoch weder dieses Schreiben, noch die Bittschrift angenommen,^ beide Schriftstücke vielmehr nach London an den russischen Botschafter - zurückgesandt, welcher Lord Salisbury ersuchte, dieselben dem Lordmayor V zurückzugeben. In Folge dessen erhielt der Lordmayor gestern das | nachfolgende Schreiben von dem Unterstaatssekretär für auswärtige An-; gelegenheiten: „Mylord, der russische Botschafter hat den Marquis? von Salisbury ersucht, die Rücksendung des Schreibens au Ew. Lord-? schaft zu veranlassen. welches Sie an Seine Majestät den Kaiser von \ Rußland am 24. v. Mts. gerichtet haben, und ebenso das beigefügte; Memorandum, die Lage der Juden in Rußland betreffend. Demgemäß! bin ich gehalten, Ew. Lordfchaft die besagten Schriftstücke zu über- | Mitteln." Diese Zurücksendung hat hier sehr verletzt. Man erblickt \ darin, und zwar mit Recht, eine absichtliche Unhöflichkeit, wie die „Times" meint, die durch den Ton und den Inhalt der Bittschrift?'^ keineswegs gerechtfertigt ist. Die Bittschrift befleißigte sich, in ruhigem und höflichem Tone um Abstellung jenes Mißstandes zu ersuchen. Doch der Zar wollte gegenüber der Kulturwelt seine Gleichgiltigkeit zeigen. Fortan aber werde er in Sachen der entsetzlichen Behandlung der Juden in Rußland keine Unwissenheit vorschützen können. Das Bestreben der zarischen- Regierung, dem russischen Volke die wahre Meinung der ausländischen Kulturvölker zu verheimlichen, müsse endlich doch fehlschlagen. Die „Times" giebt zu, daß ausländische Strafpredigten für solche Herrscher unangenehm seien, aber freie Völker müßten zuweilen ein offenes Wort sprechen, und diesmal war ein solches offenes Bekenntniß die höchste Pflicht. Eine Unhöflichkeil mit einer anderen zu beantworten, wäre unziemlich, sonst hätte es die englische Regierung ablehnen können, die Antwort der russischen Regierung zu übermitteln. denn die Bittschrift an den Zaren war auf dem Postwege nach Petersburg übersandt worden. Sir John Simon, der eigentliche Urheber der Guildhall- Kundgebung zu Gunsten der russischen Juden, theilt in einer Zuschrift an die „Daily News" mit, daß anfänglich Morier, der britische Botschafter in Petersburg, dem Zaren die Bittschrift der Bürger Londons überreichen sollte, dies aber schließlich auf Weisung Salisbury's unterließ. Simon glaubt, die britische Regierung habe, indem sie sich zum Werkzeug der vom Zaren dem Lordmayor und den Bürgern Londons zugefügten Kränkung machte, der ganzen britischen Nation eine Beleidigung angethan. Es besteht die Absicht, die Negierung über diese Angelegenheit im Unterhause zu interpelliren. U Kon Uab und Fern. --- Unter den Astronomen, welche zur Beobachtung von Schwankungen der Erdachse eine Expedition nach Honolulu auf Staatskosten unternehmen, befindet sich auch der Assistent der Berliner Sternwarte, Herr Dr. Marcuse. — Heinrich von Treitschke fängt an sich zu bekehren! Wenigstens wird berichtet, daß er jüngst in einer seiner Vorlesungen die Aeußerung gethan. habe, es sei anzuerkennen, daß die Juden in Deutschland das aufrichtige Bestreben haben, Deutsche zu werden. Das' ist doch scholl etwas. — Der Aerger über die Verurtheilung der Judenhetze durch den Aufruf des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" veranlaßt die Hetzpresse zu den sonderbarsten Gedankensprüngen. So ziehen die „Deutsch-Sozialen Blätter" über die Unterzeichner her, indem sie sie in folgende vier Gattungen theilen: „1. Vollblut-Juden (etwa 30); 2. Juden-Mischlinge und Juden- Verschwägerte (vielleicht 60—80); 3. Juden-Abhängige, d. h. solche, die bei Judell verschuldet sind, tu Juden-Vrod stehen oder moralische Mitschuldige der Juden bei Gründullgs- und anderen zweifelhaften Unternehmungen silid (hierzu dürfte wohl die große Hälfte der Unterzeichneten gehören). 4. Ahnungslose, die aus — Gutmüthigkeit und noch unter dem Einfluß der liberalen Phrase stehend, ihre Unterschrift gegeben." — — Durch Stipendium der Boppstiftung bei der Berliner Akademie der Wissenschaften ist für dieses Jahr Dr. Georg Huth in Berlin ausgezeichnet worden. Er erhielt das Stipendium als Beihilfe zur Förderung seiner tibetisch-sallskritischen Studien. — Am 12. d. Mts. fand in D e s s a u der Hofball statt, zu welchem unter den andern Geistlichen des Ortes auch Herr Land-Rabbiner Dr. Weiße geladen war. Der Herzog sowohl als auch die Herzogin begrüßten Herrn Dr. Weiße in freundlichster Weise und hießen ihn herzlich willkommen. — Eine Samm lu ng, welche zwei Herren aus der T h o rn e r jüdischen Gemeinde aus eigener Eingebung unter den Gemeindemitgliedern zu Gunsten des „Vereins gegen den Antisemitismus" veranstalteten, ergab den Betrag von 800 Mk. Hoffentlich findet dieses Beispiel Nachahmung. — Die österreichischen Hörer des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau haben an Herrn Wilhelm von Guttmann, den Begründer des neuen Rabbinerseminars in Wien, eine Dankadresse gerichtet. — Wir lesen in einen; Antisemitenblatt: „Im Großherzogthum Hessen giebt es drei Lehrstühle für Mathematik, zwei an der Universität Gießen und einen am Polytechnikum in Darnlstadt. Alle drei Lehrstühle sind m i t I u d e n b e s e tz t." Schrecklich! — Zum Direktor der Hamburger Freischule (ehemals israelitischen Stiftungsschule) wurde an Stelle des verstorbenen Dr. Ree Herr D r. D r a e n e r t (Nichtjude) gewählt. — Die ö st e r r e i ch i sch - israelitische Union hielt am Samstag den 7. Februar eine von mehreren Hunderten von Mitgliedern besuchte Vereinsversammlung ab. Von der Versammlung sympathisch begrüßt, hielt Herr Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Heinrich Jacques einen Vortrag über „die Pflichten eines Abgeordnete;;". - Die österreichische Regierung hat einen Beitrag zu dem neu zu errichtenden Wiener Rabbinerfeminar in den Etat eingestellt. — In P re ßburg erscheint seit dem 5. d. ein neues orthodoxjüdisches Wochenblatt unter dem Namen „Magyar Zsido“. Auf der Probenummer zeichnen als Herausgeber S. Jakabfi, als Eigenthümer und verantwortlicher Redakteur Heinrich Israel. Das Blatt wird jeden Donnerstag erscheinen. — Das Mandat der Lemberg er Handelskammer, das bisher der Schneidermeister Niemczynowski innehatte, ist dem Kammerrath Max Epstein von mehreren Kollegen angeboten worden. — Zu Brüssel fand vergangenen Sonntag in der Synagoge ein Trauergottesdienst zum Andenken an den verstorbenen Kronprinzen Balduin statt. — Lord Salisbury war aufmerksam gemacht Word n, daß sich in Odessa eine Gesellschaft gebildet habe, um unbemittelte russische Juden nach En gland zu befördern und daß eine große Anzahl solcher Personen bereits in England ein getroffen sei. Darauf hat der Unterstaatssekretär, Sir James Fergussou, im Aufträge Lord Salisburys geantwortet, derselbe wisse nichts davon, daß in England zahlreiche mittellose Juden eingetroffen seien, obgleich die Regierung von der Einschiffung unbemittelter Personen nach England unterrichtet werde. — Der französische Senat hat eines seiner beiden israelitischen Mitglieder verloren: Herr Eugen Lisbonne ist am jüngsten Sonnabend im Alter von 72 Jahren zu Montpellier gestorben. Der Heimgegangene nahm durch seine glänzende Redegabe und seine bedeutenden juristischen Kenntnisse eine achtungswerthe Stellung in der Kammer ein. —In Rumänien hat der Minister des Innern an sämmtliche Präfekturen der anRußland grenzenden KreiseeinenErlaß gerichtet, in welchem dieselben aufgefordert werden, zu verhüten, daß die aus Rußland ausgewiesenen Juden aus rumänisches Gebiet übertreten. Eine unnütze Sorge, da ohnedies kein Jude das Gelüst Zeigen wird, die Segnungen der Bratianuschen Politik, zu genießen. . Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für d;e Redaktion: Mar Bauch Witz in Berlin.