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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-19 · Heft 8 (19.2.1891) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 8 (19.2.1891)
Date
1891-02-19
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 Handwerkslehrlinge. Sie weist sonach gegen das Vorjahr eine Erhöhung ihres Zöglingsbestandes um 3 Personen auf. Mit der Begründung der Abtheilung für Handwerkslehrlinge hat die Anstalt eine schon lange angestrebte, aber erst durch das Legat des verewigten Vorstandsmitgliedes, Geheim. Koni merzten rath Moritz Simon, ermöglichte Erweiterung ihres Wirkungskreises, sowie eine Aenderung der Zielbestimmung für die Erziehung erfahren. Die der Schule entwachsenen Knaben werden danach fortan, — wenn besondere Umstände nicht eine andere Bestimmung nothwendig machen, grundsätzlich nur dem Handwerksstande zugeführt. Es gilt dabei nicht nur, mit dazu beizutragen, die Gesammtheit von dem unberechtigten, aber vielfach ausgesprochenen Vorwurfe zu befreien, daß Juden keine Handwerker werden wollen, sondern "auch die Zöglinge zu einem Berufe hinzuleiten, der ihnen vor andern den bedeutenden Vortheil verspricht, durch denselben verhältnißmäßig schnell, leicht und sicher zur Selbständigkeit zu gelangen; der sie weniger den Wechselfällen des Lebens aussetzt und, — in seiner Abstufung vom rein mechanischen bis zum künstlerischen Betriebe, — allen, den Begabteren wie den Minderbegabten, die ihrer Eigenart entsprechende Lebensthütigkeit bietet. Die Erweiterung des Wirkungskreises der Anstalt besteht darin, daß die Handwerkslehrlinge bis zum Abschlüsse ihrer Lehrzeit nach wie vor Zöglinge des Waisenhauses bleiben, also auch fernerhin unter der Aufsicht und Leitung derselben stehen, wie auch den Unterhalt von ihr beziehen. Hannover, 14. Februar. Herr Liebermann von Sonnenberg, der antisemitische Reisende, treibt gegenwärtig im Wahlkreis Göttingen sein Unwesen und hält auch in kleinen Städten seine Hetzreden. Am 2. Februar sprach er in Duderstadt über das Thema: „Wer sind die Juden und was wollen sie". Daß jene Herren nach dem jedesmaligen Publikum ihre Reden einrichten, zeigte Herr L. von Sonnenberg bei dieser Gelegenheit wieder in drastischer Weise, indem er. da die große Mehrzahl seiner Zuhörer ans Katholiken bestand, sich für Rückberufung der Jesuiten aussprach, was Jenen natürlich sehr gefiel und dem Redner ein Hoch inmitten seiner Rede einbrachte. Schließlich machte er noch die Juden für den Kulturkampf verantwortlich. — An demselben Tag hielt der Redakteur der Hannov. Post, L e u ß, der seine antisemitischen Studien beim Stöcker'schen „Volk" gemacht hat, in Osnabrück einen Vortrag über die antisemitische Bewegung, in dem er die Bestrebungen der deutschsozialen Partei verherrlichte. Es konnte nicht fehlen, daß auf den neuen Verein Bezug genommen wurde und er seinen ganzen Zorn über ihn ergoß. Besonders richteten sich seine Ausfälle gegen den dortigen Bürgermeister Dr. Möllmann, der. den bekannten Aufruf mit unterzeichnet hat. Sie wollten sogar hierin einen Widerspruch mit seinen am Osnabrücker Haudgiftentage ausgesprochenen Grundsätzen erblicken, .obwohl Möllmann damals sich ganz vorzüglich für Aufrechterhaltung des konfessionellen und religiösen Friedens und Meidung aller Hetzen gegen Andersgläubige aussprach. Die von dieser Versammlung gefaßte schwülstige Resolution gegen das Verhalten des Bürgermeisters, welche in den Osnabrücker Zeitungen veröffentlicht rvnrde, ist von allen Vorurteilsfreien mit gerechtem Unwillen ausgenommen worden. G Bielefeld, 8. Februar. Ein endloser Leichenzug bewegte sich heute Nachmittag durch die Straßen unserer Stadt, in welchen Tausende von Menschen Spalier bildeten. Wurde doch unser ältester Mitbürger, gleichzeitig wohl der älteste Mann Deutschlands, der Rentner M a r k u s I o r d a n, zu Grabe getragen. In der Reihe der Leidtragenden bemerkten wir unter Anderen unseren Oberbürgermeister, sowie den gesammten Vorstand unserer Gemeinde. Auf dem Friedhofe selbst war in Folge des ungeheuren Menschenandranges kaum Bahn zu schaffen. In der Grabrede entrollte unser Kultusbeamter Herr Coblenz ein ausführliches Lebensbild des Entschlafenen. Herr Jordan erreichte das seltene Alter von 111 Jahren. Erst im 53. Jahre seines Lebens verheirathete er sich; der 35jährigen glücklichen Ehe entsprossen 6 Kinder. Der Verblichene gehörte der strengeren Richtung im Judenthum an; bis an sein Lebensende befolgte er die ceremoniellen Vorschriften mit peinlicher Gewissenhaftigkeit. Noch vor wenigen Wochen: konnte man ihn am Fenster feiner Wohnung sehen, vor ihm aufgeschlagen die vergilbten Blätter seines alten Gebetbuches. In seinen Genüssen war er sehr mäßig, in seinen Lebensgewohnheiten einfach. Bei Vollendung seines 10 \ Lebensjahres wurde ifym (Seitenä der Stadt und der Gemeinde eine Adresse überreicht. Eine große Freude bereitete es ihm, als ihm vor 2 Jahren Seitens des Kaisers eine ehrende Auszeichnung in Form einer goldenen Denkmünze mit dem Bildnisse Kaiser Wilhelms 1. zu Theil wurde. Auch legte der Kaiser, als er im yerflossenen Jahre in der Nähe Bielefelds weilte, sein besonderes Interesse für Herrn Jordan an den Tag, indem er sich angelegentlichst nach seinem Befinden erkundigte. Bald darauf sandte die Familie Jordan das wohlgelungene Bildniß ihres greisen Vaters an den Kaiser, der es huldvoll anzunehmen geruhte. Aus den letzten Lebenstagen des Herrn Jordan ist noch hervorzuheben, daß er eine eigentliche Krankheit nicht gehabt hat; vor circa 14 Tagen trat plötzlich eine große Schwäche ein, von der er sich anscheinend wieder erholte, bis verflossenen Dienstag ein heftiger Rückschlag sich geltend machte, dem Mittwoch früh der Tod folgte. Möge dem Entschlafenen, dem seine Mitbürger ein ehrendes Andenken bewahren, die Erde leicht sein. ctzi Hombnrg v. d. H., 15. Februar. Der Jahresbericht des israelitischen Armen-Holz-Vereins und des Vereins zur Ausstattung israelitischer Mädchen ist soeben zur Ausgabe gelangt und legt ein schönes Zeugniß von dem gedeihlichen Wirken der beiden Vereine ab. Der Vorsitzende beider Vereine, unser verdienstvoller langjähriger Mitarbeiter, Herr Louis Lehmann, verbindet mit diesem Bericht zugleich die Uebersicht über ein fünfundzwanzigjähriges Wirken im Interesse des Holzvereins. Fürwahr, ein erhebendes Bewußtsein, ein solches Jubiläum der humanitären Thätigkeit feiern zu dürfen. Möge es dem verehrten Wanne noch lange Jahre hindurch vergönnt sein, so segensreiche Thätigkeit zu entfalten! * Leipzig, 12. Februar. Herr Theodor Fritsch, der hiesige Gewerbsantisemit, hat eine schlimme Woche gehabt. Zunächst stand er wegen einer Herrn Rechtsanwalt Dr. Werthauer beleidigenden Notiz in der „Antisemitischen Correivondenz" und dem antisemitischen „Leipziger Tagesanzeiger" zusammen nut seinem Genossen Hermann Lucko vor dem Schöffengericht. Sie hatten in ihren Blättern behauptet, „Werthauer treibe einen Privatsport damit, daß er die in der „Antisemitischen Correspondenz" angegriffenen Personen zur Anstrengung von Klagen veranlasse" und „es sei abznwarten, wie weit die Gerichte zu den Machinationen des Klägers die Hand bieten würden" und „wer im Schimpfen und Verläumden so eilfertig ist, wie.Jsrael, der hat wahrlich keine Veranlassung, den Empfindlichen 31t spielen." In dem ersten Satze wurde nichts Beleidigendes gefunden, dagegen in dem Ausdrucke „Machinationen" und den Ausdrücken des letzten Satzes. Fritsch wurde zu 30 Mark, Lucko zu 20 Mark Geldstrafe verurtheilt, dem Kläger auch die Publikationsbefugniß in der „Antisem. tzorresp.", den „Deutsch.-soz. Blättern" und dem „Leipziger Tagesanzeiger" zugesprochen. — Als Dritter im Bunde erschien der Redakteur Dr. Hävernick von der kgl. „Leipziger Zeitung", welcher bei Besprechung eines Prozesses den Ausdruck gebraucht hatte: „der jüdische Rechtsanwalt hatte bescheidener Weise drei Monate Gesängniß beantragt." Auch das bezog sich auf Herrn Dr. Werthauer. Das Gericht fand indeß in dieser Ausdrucksweise keine Beleidigung mtb sprach Dr. Hävernick frei. Heute wurde Fritsch abermals wegen Beleidigung des Konfektionärs James Baum und dessen Prokuristen Adolf Jacob, durch einen Artikel „Zur Warnung für Schneidermeister", in welchem Herr Baum verleumdet wurde, zu 300 Mark oder 30 Tagen Gef ängn iß verurtheilt. Der Schneider Hoffmann, auf dessen Aussage hin der Artikel von Herrn Fritsch versaßt wurde, ist zu 30 Mark Geldstrafe verurtheilt worden, weil er an Herrn Baum eine Postkarte geschrieben hatte mit der Aufschrift: „An den Juden Baum in Leipzig, Katharinenstraße." - Wegen Beleidigung der Gebrüder Dornberger in Dürkheim, welche Fritsch in einer Nummer der „Antisemitischen Correspondenz" mit dem Titel „Hofjuden des Hauses Buhl in Dürkhdim" belegt hatte und in welcher er vom „Semit Dornberger" sprach, erfolgte diHVerurtheilung Fritschs zu 100 Mark Geldstrafe. In der Begründung wurde angeführt, daß es eigentlich nur ein großer Klatsch sei, welchen der Angeklagte aufgerührt habe, um die Spalten seines Blattes zu füllen. Oesterreich- Ungarn. tt SBiett, 15. Februar. Der Fürst-Erzbischof von Wien, Dr. Gruscha, hat sich, wie mehrseitig berichtet wird, zu einer bedeutsamen Kundgebung veranlaßt gesehen. Es bestätigt sich, daß von hoher kirchlicher Seite den Mitgliedern des niederen Klerus in Wien verbotet! wurde, auf Grund des antisemitischen Programms Dr. Luegers zu kandidiren. Das „Grazer Volksblatt" erklärt sogar, ans sehr guter Quelle erfahren zu haben, daß jenen niederösterreichischen Geistlichen, die sich bisher auf antisemitischer Seite bemerkbar machten, 7 ede Art von Betheiligung an denWahlen untersagt wurde. Das klerikale Organ

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