Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1891)
- Date
- 1891-02-19
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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d5. Jahrgang. Nr. 8. ßetün'i9* *ebtmt 1891 Weitcrge zur „AtL'gemeinen Zeitung öes IuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. (D Berlin, 17. Februar. Gestern Abend hielt Herr Rabbiner Dr. Rosen zweig zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums einen Vortrag über „Das Auge in Bibel und Talmud" und errang durch seine interessanten und inhaltreichen Worte den ungetheilten Beifall des Publikums. Der Vortrag wird in einer der nächsten Nummern unseres Blattes zum Abdruck gelangen. X Berlin, 16. Februar. Das Jubelfest des fünfzigjährigen Bestehens begeht in der nächsten Woche der „Hilfsverein für jüdische Studirende in Berlin". Aus diesem Anlaß hat Herr Sanitätsrath Dr. S. Neumann im Aufträge des Vorstandes und unter Mitwirkung des Schriftführers Geheimrath Dr. Abraham eine Jubelschrift verfaßt, welche ein Bild der heilbringenden Thätigkeit während fünf Dezennien giebt. Hervorgegangen ist der Verein aus einer Sammlung, welche einige jüdische Studirende, von denen als heut noch lebende die Herren Geheimrath Dr. Kristeller in Berlin mib Sanitätsrath Dr. Samuel Mayer in Breslau zu nennen sind, seit dem Tode ihres 1838 in Glogau verstorbenen Freundes Adolph Schey begonnen hatten. Von jenen Anfängen her führte der Verein den Namen „Adolph- Stift". Von den Mitgliedern des ersten Vorstandes (1841) heben wir außer Leopold Zunz noch die Herren Dr. S. Stern, Aron Bernstein unb den damaligen stud. phil. David Cassel hervor. Heute zählt der Verein unter der Leitung des Geheimen Justizraths Prof. Dr. Golds ch mi d t 823 Mitglieder, Er hat im Laufe von 50 Jahren 1403 Studirende mit 410,788 Mk. unterstützt und besitzt zur Zeit ein Kapital von 245,125 Mk. Möge dem Verein fernere Blüthe beschießen sein! 8 Berlin, 15. Februar. Der in hiesiger Gemeinde bestehende, überaus segensreich wirkende „Vorschuß-Verein für hilfsbedürftige Mitglieder der jüdischen Gemeinde" hält am Sonntag, den 22. Februar, im Lokale des Brudervereins seine diesjährige Generalversammlung ab. Die Wirksamkeit des Vereins im Jahre 1890 ergiebt sich aus nachfolgenden Zahlen. Von 660 eingereichten Gesuchen wurden 107 theils wegen der Person der Petenten, theils wegen ungenügender Bürgschaftsstellung abgelehut, sodaß 553 Gesuche in einer Gesammthöhe von 108,011 Mark bewilligt worden sind. Der geringste der bewilligen Beträge war 45 Mk., der höchste 500 Mk. — Die Zahl der beitragenden Mitglieder des Vereins beläuft sich auf 718, der Vermögensstand auf rund 6 ,000 Mk. X Berlin, 16. Februar. Von dem „Antisemitenspiegel", welcher im Verlage von A. W. Kafemann in Danzig erscheint, ist, wie bereits in der vorigen Nummer berichtet, das zweite Heft ausgegeben worden. Dasselbe enthält die nachfolgenden, in klarer und verständlicher Sprache geschriebenen Aufsätze: 1. Die neueste Statistik über den Antheil der Juden am Verbrechen. 2. Die dunklen Pläne des Juden Montefiore. 3. Die Autoritäten der Antisemiten. 4. Die Antisemiten und die Schule. 5. Die Antisemiten und das Christentyum. 6. Juden als Handwerker und Ackerbauer. Voran geht ein „Vorwort", welches einen Bericht über die Wirkung des ersten Heftchens dieser trefflichen Schrift giebt und die Nothwendigkeit unausgesetzten Kampfes gegen das volksvergiftende Treiben der Antisemiten nachweist, ferner auch Nachricht von der Begründung des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" giebt und zum Beitritt auffordert. Wir nehmen an ariderer Stelle Gelegenheit, aus der Fülle des reichen Materials zur Widerlegung von Vorurtheilen, wie vor geflissentlichen Lügen unseren Lesern eine Probe zu geben. Möge sie dazu beitragen, daß jeder Gutgesinnte sich der Pflicht bewußt wird, zur Verbreitung des „Antisemitenspiegels" nach Kräften beizutragen. Das Opfer, welches dem Einzelnen hierbei zugemuthet wird, ist ja ein geringes. Der Preis des Exemplares beträgt 20 Pfennige und ermäßigt sich bei Bezug einer größeren Anzahl von Exemplaren noch bedeutend. o Berlin, 16. Februar. Zu einer kleinen Antisemitendebatte kam es in der vorgestrigen Reichstagssitzung gelegentlich der Berathung über die Arbeiterschutzvorlage und war es ein frommer Centrumsmaun, der Abg eornet e Biehl, der durch einige völlig bei den Haaren herbeigezogene Schmähworte gegen die orthodoxen Juden die unerquickliche Szene hervorrief. Der Hergang war folgender: Bei Besprechung der Paragraphen, welche über die Sonntagsruhe handeln, hatte der Sozialist Bebel unter Anderem die Bemerkung gemacht: „Das Centrum sollte doch den Bibelspruch beherzigen: sechs Tage sollst du arbeiten, am siebenten ruhen. Die Herren sollten sich das Beispiel der orthodoxen Juden vor Augen führen, welche am Sonnabend den ganzen Tag schließen, obwohl sie auch am Sonntag ihre Läden nicht lange öffnen." Darauf replizirte Herr Biehl mit folgenden Worten: „Wenn der Abgeordnete Bebel uns die Juden als Beispiel hinstellt, so ist zu bemerken, daß die orthodoxen Juden den Grundsatz haben, am Sonnabend nur Geld einz u streichen und nur keine Quittung auszustellen und wir ihnen das marktschreierische und unsolide Geschäftstreiben nicht nachahmen dürfen." Selbstverständlich wurde dem Herrn die gebührende Abfertigung zu Theil. Zunächst sprach der dentschfreifinnige Abgeordnete Dr. Krause sein Bedauern darüber aus, daß der Abgeordnete Biehl die Gelegenheit benutzt habe, eine den konfessionellen Frieden störende Bemerkung zu machen. Sodann antwortete Herr Bebel: „.Dagegen hat Herr Biehl Veranlassung zu einem Ausfall gegen die Juden genommen, zu welchem ihm meine Bemerkung keinen Anlaß gab. Gegen die Bezeichnung der Juden als „unsolide und marktschreierische Leute" muß ich entschieden Verwahrung einlegen. Unzweifelhaft giebt es unsolide marktschreierische jüdische Geschäftsleute, aber ebenso unzweifelhaft giebt es solche unter den sogenannten Christen. (Sehr richtig! links.) Herr Biehl braucht unter seinen eigenen Parteigenossen gar nicht weit zu suchen, besonders unter seinen Parteifreunden in München, um Personell zn finden, die in Bezug auf Marktschreierei lind Schwindel den Inden nichts nachgeben, wenn sie sich auch gute Katholikeil nennen." Bei den auf die Debatte folgenden persönlichen Bemerkungen versuchte Herr Biehl sich zu entschuldigen, indem er sagte: „Nicht ich habe angefangen, konfessionelle Gegensätze in die Debatte zu werfen, sondern Herr Bebel. Ich habe die Juden auch ni cht veräch tli ch zu machen gesucht, sondern mich dagegen gewehrt, daß sie den Christen als Muster hin gestellt werden." Ob nach den oben angeführten Worten dieser Entschüldigungsversuch ein glücklicher zu nennen ist, muß billigerweise bezweifelt werden. -b Neustem«, 15. Februar. Am 11. d. Mts. verschied hier der langjährige erste Vorsteher der hiesigen israelitischen Gemeinde, Herr W. Loewe. Sowohl der weit über den engeren Kreis seiner Bekannten hinausgehende Ruf dieses Mannes, als auch seine segensreiche Thätigkeit rechtfertigell es, daß wir demselben einige Zeilen widmen. Während er eine einst in seinen Diensten gewesene Försterfrau zur letzten Ruhe geleitete, ergriff ihn plötzlich ein Unwohlsein; wenige Minuten später starb er in fremder Behausung am Herzschlage. Der Verstorbene hat es verstanden, in seiner 28jährigen Thätigkeit als Vorsteher die Gemeinde nach jeder Richtung hin zu heben und war mit Erfolg bemüht, stets — selbst in der schweren Zeit kurz vor und nach dem Synagogenbrande — vermittelnd und versöhnend seines Amtes zu walten. Wie sehr die Gemeinde sich zur Dankbarkeit verpflichtet fühlte, bewies die hohe Ehre, daß die Leiche am Tage des Leichenbegängnisses in der mit Flor behängten Synagoge aufgebahrt wurde, woselbst auch der Rabbiner Herr Dr. Hoffmann eine ergreifende Gedüchtnißrede hielt. Von dort bewegte sich der lange Leichenzug, dem sich außer seinen Glaubensgenossen auch viele seiner anderen Mitbürger anschlossen, nach dem Friedhofe. Möge sein Wirken auf Erden im Jenseits Vergeltung finden. 22 Königsberg i. Pr., 16. Februar. Das israelitische Waisenhaus für Stadt und Provinz versendet seinen dreißigsten Jahresbericht. Die Anstalt zählte am Schluß des Jahres 33 Zöglinge, ynd zwar 25 schulpflichtige Knaben, 6 schulpflichtige Mädchen nud