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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-19 · Heft 8 (19.2.1891) · p. Seite 95

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 8 (19.2.1891)
Date
1891-02-19
Page
Seite 95 (sequence 11)
Language
German
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95 ob auch Alle daraus schöpfen. Meise! bewies aber auch litterarischen Geschmack in der Wahl des Dichters. Denn hebräische Verse hätte er wohl auch in der Nähe sich verschaffen können, aber eine Weiheinschrift in klassischem Metrum, in reiner Sprache und von dichterischem Schwünge, ein Epigramm im antiken Sinne und in der Art der spanisch-arabischen Epoche, das war in jener Zeit denn doch nur von einem italienischen Meister zu erwarten?) 9 -*©•- FEUILLETON Mache ist M. Humoreske nach dem Hebräischen bearbeitet von Dr. S. Mandelkern. (Schluß.) X. Sturm und windstille. Es war sieben Uhr Morgens. Die Bewohner von Serebrjansk begannen sich im Bethause 311 versammeln zur Morgenandacht. Rabbi Raphtali aber lag noch in seinen Pelz gehüllt, schnarchend am Ofen. Die Beter erstaunten sehr, als sie einen Mann in einem kostbaren Bärenpelz hier schlafend fanden. Sie hätten auch gar zu gern gewußt, wer es sei. Aber der Schläfer hatte seinen Pelzkragen heraufgeschlagen und so war das Gesicht nicht zu sehen. „Ich denke mir, es ist ein Dieb," meinte Schmul, der zu den fleißigsten Betem gehörte. „Er wird den Pelz wohl irgendwo gestohlen haben, und danach hat er sich hier im Bethause versteckt." »Ja, ja, es kann wohl sein," sprach auch Rabbi Mosche; „denn in diesen Tagen haben sich die Diebe in unserer Stadt wieder stark vermehrt. Erst gestern wurde bei Rabbi Jacob die im Namen des Rabbi Meyer des Wunderthüters aufgestellte Almosenbüchse entwendet." „Und mir wurde in der vergangenen Woche ans meinem Bücherschrank heraus eine ganz nagelneue Hagada mit dem Kommentar des Dubner Maggid gestohlen," klagte ein anderer Bürger. In diesem Augenblick trat Rabbi Schinaja, der Dajjan, in die Klause. „Höret mich Alle!" rief er sogleich den Versammelten zu. „Höret und staunet! Wollt Ihr wohl glauben, daß heute Nacht der verstorbene Rabbi Naphtali zu unserem Oberrabbi ins Haus gekommen ist, um ihn zu bitten, er möge seine arure Seele erlösen?" Da fragten alle Versammelten verwundert: „Hat ihn denn der Oberrabbi selber gesehen?" „Natürlich, ihr Thoren; und ich, der ich bei ihm war, habe ihn ebenfalls gesehen, von Angesicht zu Angesicht, gerade wie ich Euch jetzt vor mir sehe." „Was, Du, Rabbi Schmaja, hast ihn mit eigenen Augen gesehen?" „Möge mich Gott beglücken, daß ich schaue den Trost Zions, wie ich ihn gesehen habe." „Das ist furchtbar! Das ist entsetzlich!" „Meine Haare stehen mir zu Berge!" „Gott schütze uns!" „Und wie sah er denn aus, Rabbi Schmaja, erzähle uns doch!" flehte einer der Batlanim. „Wie soll er denn aussehen? Natürlich wie alle Todten." „Ist er denn in seinen Leichertüchern zum Rabbi gekommen?" „Ja, in seinen schneeweißen Thachrichim." „Und was hat er denn gesprochen? So erzähl' uns doch!" „Ich habe Euch ja schon gesagt, daß er den heiligen Rabbi um Erlösung seiner Seele bat, und er wollte nicht von dannen weichen, bis der Rabbi ihm versprochen hatte, seinen Wunsch zu erfüllen. Unser heiliger Rabbi meinte, so einen zudringlichen Todten, so ein freches Gespenst habe er noch gar nie gesehen. Er hat ja natürlich schon viele Gestorbene gesehen, die wiederkainen aus ihren Gräbern; aber diese flohen doch wenigstens vor den Heiligthümern. Der tobte Naphtali aber ist nicht einmal vor der Thorarollc zurückgewichc», die der Rabbi in den Händen hielt." „Wunder über Wunder!" „Unglaublich! Unerhört!" „Und wirklich, das habt Ihr Alles mit Euren eigenen Augen gesehm, Rabbi Schmaja?" begann wieder Einer zu fragen. Nun wurde aber Rabbi Schmaja beinahe zornig und er fuhr den Frager an: „Hab' ich Dir's nicht schon gesagt, Du Dummkopf! Wie oft soll ich es denn noch wiederholen!" Alle aber seufzten: „Ach Gott, ach Gott! wie wird es Serebrjansk ergehn, wenn sich schon solche Dinge ereignen!" „Heda, Fremder! wachet auf! Was schlummert Ihr noch? Es ist Zeit zum Beten!" hörte man den Schuldiener rufen, der sich bemühte, deu Schläfer aufzuwecken. Endlich schüttelte sich Rabbi Naphtali, richtete sich empor und blickte mit verschlafenen Augen um sich. Da sprang aber der Schuldiener mit einem Satz zurück und kreischte: „Gott der Allmächtige! . . . Rabbi Naphtali, der todte Naphtali!" Nun liefen Alle herzu, uud als sie den Naphtali leibhaftig unter sich stehen sahen, stürzten sie Alle mit lautem „Schemü Jsroel!" zum Bethaus hinaus. „Pfui! über Euch!" rief Naphtali den Fliehenden nach und spuckte zornig aus. „Wie hat mich Gott also gestraft! Wenn ich nur wüßte, wer diese erlogene Geschichte von meinem Tode verbreitet hat." Die entflohenen Beter aber rannten wie Wahnsinnige durch die Gaffen, und da Niemand wußte, was geschehen war, so verbreitete sich alsbald die Kunde, es brenne in der Stadt. Nun stürzte Alles auf die Straße und Jeder wollte zur Brandstätte eilen. Ader Niemand wußte, wo es eigentlich brenne. So ging denn auch Naphtali auf die Straße, und da er den Feuerruf vernahm, fragte er einen Vorübergehende», wo es denn brenne. Aber der Angeredete erschrak so sehr, als er plötzlich den todten Naphtali vor sich sah, daß er ohnmächtig zur Erde sank. Nun liefen noch mehr Leute herbei. Als sie aber den todten Naphtali neben einem am Boden liegendeil Menschen stehen sahen, so wurden sie in ihrem Glauben, daß die Gespenster die Menschen mit sich ins Grab zögen, natürlich bestärkt und rannten mit dem Ruf: „Wir sind Alle verloren!" über Hals und Kopf davon. Nun wußte Naphtali nicht mehr, was er beginnen oder an wen er sich wenden sollte. Er sah, daß alle Serebrjansker vor ihm flohen, als ob er der leibhaftige Satan wäre. Wohin er kam, verbreitete er nur Angst und Schrecken. So blieb er denn hilf- und rathlos mitten auf der Staße stehen und weinte bitterlich. . . . „Ei, sieh da, Rabbi Naphtali!" rief plötzlich ein Vorübergehender, indem er stehen blieb und dem Todten frisch und keck ins Antlitz schaute. Naphtali war hoch erfreut, als er diese grüßenden Worte verh Die Verse Segrös s. Revue ckes etuckes juives 21, 145.

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