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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-19 · Heft 8 (19.2.1891) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 8 (19.2.1891)
Date
1891-02-19
Page
Seite 94 (sequence 10)
Language
German
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Nein, er ist auch ein Gesetz, er hat den Inhalt eines Gesetzes, aber in Form eines Bildes; er ist ein ideales, heiliges Urbild. Was als Gesetz nur kalt und gebieterisch an unser Ohr schlägt: „Du sollst, du sollst nicht", das wird als Mythos zum warmen Vorbilde, welches den Nachahmungstrieb in unserem Herzen weckt. Was kann denn die wirkliche That mehr sein, als ein Bild? Oft aber bietet sie ein häßliches Bild. Der Mythos dagegen ist ein Bild der Wahrheit, welches tausend gute Thaten erzeugt. So sollten auch wir auf jenes Mythenbild Abrahams sehen, wie unsere Väter gethan haben. Unsere Zeit stellt ja an uns ungleich mildere Forderungen als an Jene. Was aber thun wir? wie denken wir? Wir denken vor Allem: unsere Kinder sollen es besser haben als wir, sie sollen leichter leben als wir. Wir meinen, wir müßten unseren Kindern die Wege ebenen, die Wege frei machen von Schwierigkeiten, durch welche wir gehemmt waren; sie schützen vor Zurücksetzungen und Schmähungen, die wir erduldet haben, — die Wege wozu? zu Stellungen und Ansehen, zu Ehren und Würden. Ob uns dabei ihre Herzen, ehre Seelen verloren gehen — denken wir daran? Ob sie uns, wenn sie zu selbständiger Ueberzeugung kommen, werden ehren können? Lieben — vielleicht; aber ehren — wofür? uns ehren, die wir sic von uns gethan haben dorthin, wo man, sie lehren wird, uns hassen, uns verachten? Wir hatten die Pflicht, in ihnen Kämpfer für die Gewissensfreiheit zu erziehen, und wir geben sie hin als Sklaven des Vorurtheils, dainit sie in Bequemlichkeit genießen können. Uns sollen sie ehren? Haben wir ihnen gezeigt, daß wir ein höchstes Gut besitzen, unseren Gottesglauben, für den wir freiwillig, wie unsere Väter Blut unb Leben opfern, selbst das Glück unserer Kinder? und haben wir ihnen denselben Glauben und denselben Opfermuth für ein Höchstes, Innerstes, Unantastbares eingeflößt? Nein, dainit sie leichter Rang und Titel erwerben, lassen wir ihr Gemüth veröden. Solche Eltern erwarten von den Kindern Ehre? Also ich bitte euch: erhaltet euch und erhaltet euren Kindern die erhabenen Mythen der Bibel, vor Allem das heilige Urbild der Gestalt Abrahams, aröJtn 112k bü, ILpN schauet auf den Fels, aus dem ihr gehauen; vergessen wir nicht die Bedeutung unseres Namens Israel: Gotteskämpfcr, und lasset uns unsere Kinder erziehen zunr Gotteskampf, d. h. zum Kanipfe für Geistesfreiheit. 9 3it Synagoge Mardochai Weisels und Jakob Segre. Von Prof. Dr. David Kaufmann. Zur Zeit, als David Gans seine Chronik abschloß (1592), war in Prag eben ein Prachtbau fertig geworden, eine Synagoge, die alles Dagewesene an Herrlichkeit in Schatten stellte und den Namen ihres Stifters mehr als alle seine Reichthümer und Staatsaktionen bis auf den heutigen Tag erhalten hat, die Meiselschul. Auf zwanzig steinernen Säulen erhob sich der Bau, der alle Spenden, mit denen Mardochai Meisel seine Heimathgemeinde überhäufte, krönen sollte. Josef Wal und Hirz Zoref'), die an der Spitze der Bauleiiung standen, schlugen die Kosten des Gebäudes aus mehr als zehntausend Thaler an.") Am 13. August 1591 erging von Kaiser Rudolf II., 9 Hirz Zoref starb nach den Aufzeichnungen S. Hocks 1608. Unterstützt scheint er von feinem 1625 verstorbenen Sohn Juda geworden zu fein, der beim Bau der Pinchas-Synagoge in Prag eine leitende Stellung eingenommen hat. 2) * *rn n»2£ I zum Jahre 1592. den Meisel durch treue und unermüdliche Kreditoperationen sich verpflichtet hatte, ein ausdrückliches Privilegium') in böhmischer Sprache, das dieser Synagoge die Rechte aller übrigen verlieh und den Gerichten das Betreten derselben für alle Zeiten verwehrte. 'Durch den Majestätsbrief vom 23. Dezember 1598 erfuhr Meisel für seine Synagoge die fernere Gnadet) daß er eine Fahne König Davids, gleichwie solche in der uralten großen sogenannten Altneusynagoge zu sehen ist, anfertigen lassen und öffentlich darin gebrauchen durfte. Der fürstlichen Ausstattung des ganzen Baues entsprach auch das Innere. Wie in der Altneusynagoge war auch hier eine Orgel') ausgestellt, bei deren Klange der Sabbath bei seinem Eingänge empfangen und musikalisch verherrlicht wurde. Als der gelehrte und kritische Bearbeiter des Gebetbuches, ein Heidenheim vor Heidenheim, Sabbatai aus Przemysl, behufs Herausgabe seines Siddur nach Prag reiste, fand er im Besitze der Meiselsynagoge eine kostbare uralte Handschrift der täglichen Gebete, dem er die aufschlußreichsten neuen Lesearten entnehmen durfte?) Je weniger wir nun nach dem furchtbaren Brande von 1689, der auch dieses Denkmal wahrhaft fürstlicher Munifizenz in Asche legte?) hoffen dürfen, von den auf die Gründung bezüglichen Inschriften der Meiselsynagoge jemals wieder etwas vor Augen zu bekommen, desto erfreulicher ist die unerwartete Kunde, die wir über die Weiheinschrift des Baues und über eine bisher unbekannte Beziehung des Stifters von Italien her erhalten. In dem Diwan, wenn bei einem italienischen Dichter diese Bezeichnnng statthaft ist, Jakob Segres, des Rabbiners von Casale Monferrato?) der um die Wende des 17. Jahrhunderts seine synagogalen und den Veranlassungen des gesellschaftlichen Lebens geweihten Poesieen ausgchen ließ, einer Handschrift meiner Saminlung, finden sich zwei Dichtungen, die uns den Prager Finanzmann und den italienischen Dichter in freundschaftlicher enger Verbindung zeigen. Jakob Segre war von Meisel dazu ausersehen worden, das Gedicht zu verfassen, das die Votivtafel der neuerbauten Synagoge schmücken sollte. Wir erfahren hier, was bisher unbekannt war, den Tag der Grundsteinlegung. Es war der 14. Adar I, der Purimtag des Jahres 1590, den Meisel wie zur Ehre seines Namens Mordochai, des Helden dieses Tages, zu dieser Feier sicher nicht'zufällig ausersehen hatte. Der Dichter im fernen Italien wußte besser als die Leute daheim, was der Bau den Stifter, der es ihm wohl selber mittheilte, gekostet hatte. Leibliche Nachkommen hatte Meisel nicht, so mochte er dem Dichter nahegelegt haben, cs sollen denn also die Steine seinen Nachruhm verkünden. Das war einmal ein Müuslein, darin begegnet sich Segre mit dem Dichter von Meisels Grabschrift?) anders als der Talmud (Sanhedrin 291»), das nicht auf den Schätzen lagert sondern freiwillig sie verläßt zu Gottes Ehre. 12,000 Thaler hatte der Bau allein verschlungen, aber das war nur ein Theil der Wohlthaten, die Meisel nach allen Gegenden hin ausstreute. Mit Recht verglich ihn Segre darum in dem zweiten Gedicht, das er ihm zu Ehren schrieb, dem Lichte, das nicht abnimmt, ') Körpl in Grünwalds Centralblatt VIII, 35 ff. -) Podiebrads Alterthümer der Prager Josefstadt. 3. Aufl. p. 46 und 98. 3) 1b p. 100 und 154 n. 112; Steinschneiders Cat. Bodl 2391; Schudt I, 218; II* 284. *) Kaufmann in Sokolows ki'LXN V, 127. 5) N. Brüll, Central-Anzeiger I, 5. *) Zunz, Literaturgeschichte 4 5. In einem okrostichisch gezeichneten Gedichte nennt er sich: N"N^>1 rHl.T |1tWn p ‘HIPD 2P2'- ') Gal-Ed Nr. 16: DE 22V1 “D3P‘'STß- Vgl. Wiener: Eraek habaeha . . ins Deutsche übertragen 1. 218 n. 333.

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