Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1891)
- Date
- 1891-02-19
- Page
- Seite 93 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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93 Volksthümlichkeit, als Land und Tempel. An diesem Reste der heiligen Litteratur aber hat der Philologe seine schwere Pflicht zu üben, und hier ist seine Kritik zugleich auch hohe religiöse Pflicht. Das hier begründete Recht, und also die Pflicht der Kritik ließe sich vielleicht auch der Frömmste gefallen, ja der.Frömmste noch mehr als der Fromme.. „Wenn nur, sagt er, die Kritik irgend eine Grenze anerkennte! wenn sie nur vor irgend etwas als einem Unantastbaren stehen bliebe! Sie ist aber schonungslos! Es handelt sich auch nicht bloß um Namen der Verfasser und Textkritik, welche die Maßßoreten auch geübt haben, sondern um Inhalt, Kern und Wesen. Wenn der Philologe Homer anders behandelt als Virgil und Ariost, die Nibelungen anders als den Parcifal: wie müßte er nicht die heilige Litteratur auch unterscheiden von der profanen! Wie, es sollte keinen Unterschied machen, ob es in der Offenbarung Gottes heißt: du sollst nicht morden, du sollst nicht stehlen, oder ob es in einem bürgerlichen Gesetzbuch Paragraph so und so lautet: Diebstahl wird mit Gefüngniß nicht unter vier Wochen bestraft? Noch mehr! Die Akeda, die Opferung Isaaks durch seinen Vater, die zu tausend inbrünstigen Gebeten Veranlassung gegeben hat, welche von ungezählten Geschlechtern und heute noch von Millionen Israels mit tiefster Andacht gesprochen wurden und werden — diese Akeda soll, wie ihr sagt, ein Mythos sein! — Hier gieb uns bestimmte, verständliche Antwort!" Ja, das will ich thun! Auch hier liegt ein Mißverständniß vor, das beseitigt werden muß. Zuvor will ich nur eine Bemerkung nachtragen. Kritik der Religion und der religiösen Schriften, habe ich gesagt, sei höchste religiöse Pflicht, Pflicht wahrhaftester Frömmigkeit. Wer aber hat sie zu üben? Etwa Jeder? Soll sich der erste Beste erkühnen, das Höchste zu üben? Korach und sein Anhang rief Mose und Aron entgegen: die ganze Gemeinde, wir Alle sind heilig, und der Geist Gottes ist in uns. Sie waren leider nicht heilig und in ihrem Geschrei war Gottes Stimme nicht: sie waren nicht berufen zur religiösen Kritik. Und wie es dann auch in den folgenden Zeiten im alten Israel falsche Propheten gab, sehr konservative Männer und scheinbar gottergeben; wie es während des zweiten Tempels Eiferer gab, scheinbar sehr gesetzestreu, sehr gottvertrauend, so hat es zu allen Zeiten in Israel Männer der Rotte Korach gegeben und Eiferer, welche die nöthige Begabung zum Höchsten, zur Kritik der Religion nicht hatten. Schade, daß ich euch nun nicht sagen kann, wie ihr den Berufenen vom Unberufenen unterscheiden könnt. An Aeußerlichkeiten, die der Eine und die der Andere hat und nicht hat, ist er nicht zu erkennen. So müßte ich es tief und mehr als tief bedauern, daß ich das nicht sagen kann. Indessen tröstet mich die zuverlässige Hoffnung, daß die Frömmsten allemal es fühlen werden, wem sie als dem Berufenen Vertrauen schenken können; ihr Gefühl wird es ihnen sagen, wer die Religion erhöht, und wer, das Bessere vorgebend, nur das Gute hemmt; der wirklich Fromme wird wahrhaftige Belehrung von dem hochmüthigen Geschrei des Besserwissenwollens unterscheiden. Und nun komme ich zu den Bedenken des Frommen. Du unterscheidest eine heilige Litteratur von der profanen. Profane Litteratur aber giebt es gar nicht. Es giebt nur heilige — heilig in verschiedenen Graden. O ja, profane Litteratur giebt es auch — leider! —- ich meine jene unsittlichen Schriften in Prosa und in Versen, in Büchern zu lesen und auf der Schaubühne zu sehen, vor denen jeden sittlichen Menschen Ekel ergreift. Von dieser Unlitteratur sollst du dich fernhalten. Das sei deine Kritik, welche dir obliegt, wie Jedem. Bleibet fern altem Profanen! Was aber wirklich Litteratur zu heißen verdient, kann nicht profanem Geiste entstammen. Unterschiede giebt es hier freilich genug. Der Fels, die Pflanze, das^ Thier, der Mensch, sie alle sind Offenbarungen der göttlichen Schöpferkraft: so giebt es auch in der Litteratur verschiedene Stufen der Offenbarung der Heiligen, von dem, was blos der Unterhaltung dient bis zum Ausdruck höchster Erkenntniß und Erbauung. Der Philologe muß also in der That beachten, was religiöse, was ethische und was juristische Litteratur ist. Die Abstufungen des Heiligen dürfen ihm nicht entgehen; und so wird er auch den Zehngeboten ihren richtigen litterarischen Kreis anweisen und in diesem dann auch ihre hohe Stellung anerkennen. Aber du wirst dir doch nicht anmaßen, irgend einen Denker zur Rechenschaft zu ziehen, weil er sich das. was wir so allgemeinhin Offenbarung nennen, anders denkt, als du? Diese Kritik zu üben bist du nicht berufen. Wohl aber soll Jeder die Selbstkritik üben, ob er die Zehngebote erfüllt. Erfüllen wir das zweite Gebot: du sollst keine Götzen' anbeten, d. h. keinen Aberglauben hegen, nicht äußerem Tand huldigen, nicht nach Ehre und Ansehen jagen? Es muß auch Niemand glauben, daß er das sechste, siebente und achte Gebot schon erfülle, weil er nicht mordet und stiehlt. Doch hierüber gehe ich schnell hinweg. Beim fünften Gebot aber will ich verweilen, weil es mit der Akeda zusammenhängt: „Ehre deine Eltern!" Ich wünschte von ganzem Herzen, daß auch heute und für immer in Israel die Kinder sich den Eltern gegenüber so zeigten, wie es bisher unter lins üblich, althergebrachte Sitte war. Doch jedes Gebot hat auch seine Kehrseite. Schulden die Kinder uns Eltern Ehre, was schulden wir Eltern unfern Kindern? Offenbar dies: sie so zu erziehen und so zu belehren, daß sic uns gern Ehre erweisen. Wir haben ihnen das Leben gegeben, so müssen wir ihnen auch das geistige Lebensbrod geben, die Religion, damit sie uns ehren können. Und das lehrt die Akeda. Was Abraham von Gott befohlen war, was er auch auszuführen sich bereitwillig gezeigt hatte, seinen Sohn zu opfern: wie oft wird uns Allen dies zugemuthet! Schicken wir unsere Söhne nicht in die Schlacht für's Vaterland und überlassen es Gott, wer zurückkehren soll und wer nicht? wen er als Opfer hinnehmen will, wen nicht? Schickst du deinen Sohn nicht in Feuer- und Wassergefahr, um aus der Brunst und Fluth wo möglich Menschenleben zu retten, obwohl er selbst in der Gefahr umkommen kann? Ja, für wen zeugen und erziehen wir unsere Kinder? Für uns, damit sie uns nützen? Oder für sie selbst? damit sie sich der Genüsse der Welt erfreuen? Nein, nicht aus Eigennutz und Eigenliebe und nicht aus dem Wunsche, daß die Kinder ein Lustleben führen, erziehen wir sie; sondern wir widmen, wir opfern sie Gott, der sie nach seinem heiligen Willen prüfen mag, 'ftb Vflfli wir weihen sie Gott, beim 'nS WH nur darum haben wir sie von Gott erbeten. Wir weihen sie der Pflicht und dem Sittengebot. Unsere Väter im Mittelalter Ijabcii die Mahnung der Akeda wohl verstanden. In jenen Zeiten grausamer Verfolgung thaten sie wirklich, was Abraham nur zugemuthet war, aber doch erlassen ward. — sie vollzogen mit blutendem Herzen ungezählte Akedot. Als man ihnen die Kinder nehmen wollte, um dieselben von ihrer Religion abzuziehen; als man ihnen die Seelen und Herzen ihrer Kinder dadurch entfremden wollte, daß man dieselben in einem fremden Bekenntniß unterrichtete und erzöge, da, als diesen Vätern, um den Bruch mit ihren Kindern zu vermeiden, kein anderes Mittel übrig geblieben war, — da, mit eigener Hand, schlachteten sie ihre Kinder, indem sie den Segen sprachen: Gelobt sei Gott, der uns befohlen hat, zu opfern. Ja wohl, die Akeda Abraham's ist ein Mythos. Aber was meint ihr denn, daß Mythos bedeute? Ist denn ein Mythos eine Lüge? oder etwa ein in spielender Phanthasie gebildetes Märchen?