Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1891)
- Date
- 1891-02-19
- Page
- Seite 92 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227886--47735-3270215- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Homer 1× ep/1025156
OCR text
„Ihr irrt, ihr Philologen, bei solcher Interpretation/' müßte sie zeigen: „hier liegt philologisch Alles ganz anders." Ich kann ja nicht als die Philologie schlechthin auftreten und hier als Ideal des Philologen erklären wollen, jene Interpreten hätten durchaus recht. Gesetzt aber, sie irrten darin, wie ihnen der Fromme vorwirft, daß sie die symbolische Deutung des Hohen Liedes nicht zulassen, so frage ich: ist denn die Darstellung keuscher Liebe etwas Unwürdiges? Kann sich denn der heilige Geist nicht auch im Liebesliede aussprechen? Kann aus einem Liebespaar und dessen Wechselreden nicht auch heilige Wahrheit ertönen? Ja, muß dem nicht so sein? wäre sonst die Ehe eine göttliche Einrichtung? Sagt uns doch eben das hohe Lied: „eine Gottesflamme ist die Liebe". Lassen wir also philologische Fragen dem Philologen; wir aber wollen uns fragen, Jeder in seinem Herzen auf seiner Lagerstätte sich selbst: war auch unsere Liebe zu allen Zeiten Gottesflamme? Hat diese Gottesflamme immer unserem Familienleben die Wärme verliehen? Ist unser Sabbath-Licht und unser Habdala-Licht Gottesflamme? Der Fromme wird sich hoffentlich, was ich soeben vom hohen Liede sagte, gefallen lassen. Aber, wird er fortfahren, „bleibt der Kritiker etwa bei den Gedichten des dritten Theils unserer Bibel stehen? tritt er etwa vor den Propheten zurück? wagt er sich etwa an die Bücher Mose nicht? Und wenn Alles verziehen wird, sagt der Fromme, diese Kritik selbst der Grundschrift unserer Religion — was soll man von ihr sagen? wer hätte nicht schon davon gehört? und was von kühnster, umstürzendster Leugnung wäre hier unerhört!" Ich kenne diese Klagen der Frommen. Als Philologen gehen wir in der That mit dem Pentateuch um wie mit Homer. Nun, in wie viel Fetzen hat die Kritik die Homerischen Gedichte zerrissen; gelten diese darum heute für weniger schön als in früheren Zeiten? Könnte ein Gedicht, das man bisher für ein Goethe'sches hielt, Parum aufhören schön zu sein, weil sich ergäbe, daß es thatsächlich von einem andern Dichter ist? Dem Philologen mag es wichtig sein, sich über den Verfasser eines größeren oder kleineren Werkes nicht zu täuschen; dem genießenden Leser kann es gleichgiltig sein. So mag sich das religiöse Gemüth an den Psalmen erbauen, sich durch den einen erhoben, durch den anderen erschüttert, durch den dritten gestärkt und gefestigt fühlen: — ob der Dichter der König David war oder zur Zeit der Makkabäer gelebt hat, kommt dabei nicht in Betracht. Der wahrhaft Andächtige betet den Psalm, als wäre derselbe heute und für ihn in seiner gegenwärtigen Lage gedichtet. Ist diese Betrachtungsweise richtig, so dürfen wir sie auch auf den Pentateuch übertragen. Welche Vorstellung man auch von der Offenbarung hegen mag, mit Wundern oder ohne solche: der Inhalt bleibt immer derselbe in ewiger Heiligkeit. Der Philologe kann weder ein Buch ehrwürdig machen, wenn es das nicht ist, wie er auch einem wirklich heiligen Buche die Verehrung nicht entziehen kann. Also ist für die Bedeutung der Zehngebote die philologische Frage ganz unerheblich. Denn nicht darum sind uns dieselben heilig, weil Mose sie auf einen Stein geschrieben, in die heilige Lade gelegt und im Allerheiligsten aufbewahrt hat; sondern darum sind sie es, weil sie' die ewige Grundlage der Sittlichkeit verkünden, mögen sie auch niemals auf den beiden Tafeln gestanden haben und uienials im Tempel gewesen sein. Aber auf den Tafeln unseres Herzens sollen sie stehen. Betrachten wir nun aber die Bibelkritik von einem umfassenderen Gesichtspunkt aus. Kann nicht das kostbarste Gewand einen Flecken bekommen? und wäre es auch das Gewand des Hohenpriesters am Versöhnungstage? Die heilige Lade war aus festem Holze, wird sie nicht doch von Zeit zu Zeit bald an dieser bald an jener Stelle der Ausbefferung bedurft haben? Vom Tempel wissen wir.es ja bestimmt, daß sich an ihm wie an jedem Gebäude nicht selten des Baufälligen genug zeigte. Denken wir uns also das Höchste und Reinste, womit uns Gott begnadigen konnte — und was wäre höher und reiner als sein Wort? So wie es aber irdisch lautbar, endlichen Wesen faßbar wird, ist es menschliche Sprache und Schrift, ist es ein Buch aus Materie. Und wissen wir nun nicht, wie sehr jede Schrift mannichfachen Unglücksfällen ausgesetzt ist, durch welche sic in Gefahr gerüth, entstellt zu werden? Ihr kennt doch die durch eine schwere Kette von Unglücksfüllen so tief schmerzhafte Geschichte Judas. Hatten die Juden Bibliotheken wie die von Alexandrien und Konstantinopel, von Ninive und Babylon? Und trotz dieser Bibliotheken, was ist aus all den Büchern jener Weltstädte geworden? Und die Bücher Judas, seitdem Nebukadnezar, seitdem Titus den Tempel und den Königspalast, in denen sich hebräische Bibliotheken befunden haben mögen, verbrannt hatte, sollten keinen Brandflecken, keinen Schaden davongetrngen haben? Wie wäre cs also in der unsäglichen Noth mancher Zeiten Israels möglich gewesen, die kostbaren Schätze der prophetischen Reden und der Psalmensänger, der Geschichtschreiber und der Spruchdichter ohne Verluste zu bewahren? Von manchem Buch blieb ein Blatt erhalten, ohne daß man zu sagen wußte, woher dasselbe stamme. Man sammelte es mit andern Blättern ähnlicher Art, mit ähnlichen Bruchstücken. Der Name des Verfassers war in solchen Fällen nicht mehr zu erfahren. Auch bedenke man Folgendes. Wozu hatte der Prophet geschrieben? wozu hatte der Dichter seine Lob- und Dank-, seine Trauer- und Trostlieder gedichtet? etwa um als lyrischer Dichter, als großer Redner seinen Namen preisen zu lassen und unsterblich zu machen? Daran dachte er nicht; sie glaubten, es könne ihrem Volke niemals an Propheten und Dichtern fehlen. — Auch war es überhaupt im hohen Alterthum nicht Brauch, auch bei den andern Völkern nicht, daß der Schriftsteller seinen Namen auf das Titelblatt setzte. Die Zeitgenossen wußten ja doch, von wem eine Schrift herrührte. Wie aber in den folgenden Zeiten des Unglücks? Da war viel vergesien. Die Männer, welche vielen Stücken unserer Bibel die Namen der Verfasser vorgesetzt haben, hatten denselben durch Kritik gewonnen. Da kam iynen z. B. ein Blatt zugeflogen, das wir jetzt als den 90. Psalm zählen. Woher dieses? Niemand wußte es. Man mußte Kritik üben. Und man sagte sich: dieser Psalm ist von einer mosaischen Hoheit frommer Gesinnung, und schrieb darüber: Gebet Moses, des Mannes Gottes. Sie urtheilten: nur er, Moses, dieser einzige Mann, konnte diesen einzigen, gewaltigsten Psalm gedichtet haben. Das war eine gute Kritik. Nur das Richtige hat sie nicht getroffen, sagt die heutige Philologie. Von wem immer aber, und wann auch immer der 90. Psalm gedichtet sein mag — verliert er darum seine Schönheit und seine erschütternde Macht über unser Gemüth? Und endlich der wichtigste Punkt. Da man es deutlich sah, daß der große Schatz an ausführlichen Geschichtswerkcn und an Gesetzsammlungen aus älterer und späterer Zeit in den Tagen der Noth nicht werde erhalten bleiben können, so verfaßte man Auszüge, kurz gedrängte Darstellungen. So müssen wir schließlich sagen: von der ganzen umfangreichen heiligen Litteratur, welche während des Bestandes des israelitischen und jüdischen Staates sich gebildet hatte, nKH mim p“l “il'Ü 13*? besitzen wir nur einen kleinen Rest. Unser "pri, unsere Bibel, ist bloß eine heilige Lade, in welcher Esra und seine Genossen so viel sammelten, als gerettet war, oder was zu retten ihnen besonders wichtig schien, alles dasjenige, wovon der Bestand Judas abhängig war und für immer abhängig bleiben wird. Cs sind Bruchstücke, nichts als Bruchstücke. Hier ist ein Verlust zu beklagen, schmerzhafter als Alles, was wir sonst noch verloren haben: als Staat und