Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1891)
- Date
- 1891-02-19
- Page
- Seite 91 (sequence 7)
- Language
- German
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91 gestehst zu, die Religion sei Wahrheit, sei göttlich; nichts desto weniger vergleichst du die Religion mit dem endlichen Leben, mit dem Wachsthum der Pflanzen und Thiede. Diese Entfaltung organischer Kräfte nennst du lebendige Kritik. Darin magst du recht haben; die Religion aber ist nicht mit dem vergänglichen irdischen Wesen zu vergleichen. Weil sie höherer Abstammung, höheres Wesens ist, darum ist sie nicht Entwicklung und nicht Kritik. Sie war in allem Hauptsächlichen immer dieselbe und bleibt sich ewig gleich. Was für uns wahr ist, das war auch für unsere Väter wahr und wird es für unsere Enkel sein; denn es ist ewig, ewig so und nicht anders. Die geoffenbarte, in der heiligen Schrift von heiligen Männern niedergelegte Religion stammt von Gott; wenn du nun diese nach deinem menschlichen Verständniß der Religion prüfst — magst du immerhin die positive Religion an ihr selbst messen, aus ihr selbst schließen und folgern, nach ihren eigenen Angaben und Andeutungen urtheilen und entwickeln wollen — allemal prüfst du doch Gottes Wort an deiner Logik, Gott an menschlichem Verstände: das ist deine Ueberhebung. Darauf antworte ich den Frommen: Seht wohl zu, daß die Ueberhebung nicht auf eurer Seite sei. Bildet ihr euch ein, die göttliche Wahrheit in ihrer Vollkommenheit vollkommen zu verstehen? Hieße das nicht, Gott göttlich verstehen? Dessen wolltet ihr euch rühmen und vergessen, daß ihr Staub und Asche seid? Bescheiden wir uns doch, die heilige Schrift nur gerade so zu verstehen, wie wir als Menschen können, d. h. mit einem endlichen Verstände, welcher sich in der Geschichte im Laufe der Jahrhunderte entwickelt. Das ist die menschliche Demuth, die uns nie verlassen soll. Gewiß hat Gott sein Wort gegeben zur Geltung für alle Zeit, wie auch für Kind und Mann und Greis; aber verstanden wird das ewige Wort von uns nur allmählich und stufenweise. Ich frage den einsichtsvollen Greis, an dessen Weisheit der Jüngere sich wenden soll: hast du nicht an dir selbst erfahren, wie du von Kindheit auf, Jahr für Jahr weiser geworden bist? Warst du darum etwa ein thörichter Jüngling? Nein, auch als Knabe warst du weise; und darin hat deine Weisheit gelegen, daß du mit den Jahren eine immer höhere Stufe in der Erkenntniß Gottes erklommen hast. Du hast dich entwickelt. Was du nun so an dir selbst erfahren hast, dasselbe hat auch das Volk Israel, hat die ganze Menschheit in der Geschichte erfahren nach göttlicher Bestinimung. Die Völker waren zu keiner Zeit thöricht, gottlos; Israel eben so wenig, und wir Israeliten sollten von Geschlecht zu Geschlecht immer weiser, immer besser werden durch immer tieferes Eindringen in das Wort Gottes, und das heißt durch Entwicklung, durch Kritik, durch anstrengende aufrichtige logische Arbeit; und so sollen es alle Völker. Die heilige Schrift ist ein Buch, und sie selbst gebietet zu oft wiederholten Malen, daß wir dieselbe unausgesetzt lesen sollen — wozu? etwa dazu, daß wir sie endlich auswendig wissen? Auswendig liegt sie vor uns, halten wir sie in der Hand; aber in unser Inneres soll sie dringen! Wir haben an einem Buche, wie unendlich auch sein Inhalt sein mag, gerade nur soviel, als wir daraus verstehen, und nicht mehr, und haben an demselben gerade das, was wir herauslesen. Gefordert wird nun, daß wir das heilige Wort immer besser verstehen lernen, dessen Sinn immer tiefer erfassen, es immer mehr zu unserem eigensten Besitz machen, zu unserem innersten Wesen gestalten, auf daß die göttliche Lehre unser Gedanke werde und uns ganz durchdringe. In diesem Sinne ist Kritik der Religion die höchste religiöse Pflicht. Das hat auch ein ftommer Rabbi alten Schlages ausgesprochen — in seiner Redeweise. Warum, fragt er, beten wir denn: „unser Gott und Gott unserer Väter, Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs-?" sind das etwa drei oder vier Götter? Nein! aber der Sohn hatte seinen Gott nicht bloß vom Vater kennen gelernt, sondern durch eigenes Denken selbstständig erkannt: darum hatte Jeder unserer Väter, Abraham, Isaak und Jakob seinen Gott und dennoch sie alle Drei denselben einen Gott. Kurz: wenn Fortschritt überall Merkmal des Menschenthums ist, wie sollte sich dieser nicht auch gerade ans dem höchsten Gebiete des menschlichen Geistes zeigen, auf dem der religiös-sittlichen Erkenntniß und Bethätigung? * . * * Wir kommen jetzt zu dem andern Punkte. Der Fromme hat uns auf die heilige Schrift verwiesen. Diese ist eine Sammlung von Schriften; sie umfaßt, wie man gewöhnlich annimmt, 24 Bücher, enthält aber in Wahrheit noch mehr. In manchem Buche nämlich finden sich Stücke und Fragmente anderer Werke, die verloren find. Diese Behauptung ist nun schon eine kritische, gewonnen durch philologische Funktion, von welcher die Kritik untrennbar ist; und jedes Schriftwerk, von wissenschaftlicher Seite genommen, ist Objekt der Philologie. Soll nun etwa die heilige Schrift nach andern Gesetzen verstanden, erklärt werden, als die Werke der Klassiker aller Nationen? als die Litteraturen aller Völker? Ist die heilige Schrift etwas Anderes, als die klassische Litteratur Israel-Judas? Man könnte antworten, wie man oft genug geantwortet hat, daß unsere Religionsschriften allerdings anders behandelt werden müßten; es existire ja ein traditionelles Verständniß derselben, welches in Traditions-Schriften niedergelegt sei. Dann würde ich nur meine Frage erweitern: wir kennen die Tradition, wir schätzen sie, wir wissen, wie viel wir derselben zu verdanken haben; aber sollen, müssen wir nicht auch ihre Schriften nach philologischen Gesetzen bearbeiten? Und ich höre von den sachkundigsten Männern, unsere traditionellen Werke seien in den letzten Jahrhunderten vielfach nicht völlig verstanden worden. Die Philologie erklärt ganz kategorisch: jedes Schriftstück von historischer Bedeutung, ohne Ausnahme, gehört in meinen Bereich, also die Quellen-Schriften der Religion in erster Linie, in zweiter Linie .aber auch die Deutungs-Schriften und die Tradition, die oft auch nur eine vorgebliche ist. Wenn nun die Philologie ihre Pflicht z. B. bezüglich der römischen Rechts-Schriften übt, so fördert das die Jurisprudenz und damit auch die Handhabung des Rechts und die Gesetzgebung; und ebenso freut sich der Litterar-Historiker und jeder Kenner der schönen Litteratur, wenn der Philologe die griechischen Dramen erklärt. In ihrem Bereich ist die Philologie die höchste, die einzige Instanz. Genau ebenso verhält es sich mit der philologischen Erklärung der religiösen Schriften, und der Fromme muß dem Philologen dankbar sein für alles Bedeutsame, was er der Religion durch Erklärung und Kritik geleistet hat. Wie das Recht und die Aesthetik, so ruft auch die Religion in ihrem eigensten Interesse außer der philosophischen Kritik auch die philologische herbei. Ich kann es dem Frominen lebhaft nachfühlen, wie es für ihn etwas Abstoßendes hat, das Wort Gottes genau so wie ein Wein- und Liebeslied behandelt zu sehen. Ich wähle dieses Extrem, weil es thatsächlich vorliegt. Das hohe Lied Salomo's ist ja wirklich schon vielfach als Liebeslied betrachtet worden. „Und das kommt davon," sagt der Fromme, „betrachtet man erst die heilige Schrift wie jede profane Schrift, so wird man sie bald auch als solche ansehen; deutet man die Erzählungen der Bibel wie die Mythen aller Völker, so wird man sie bald auch als Mythen erklären." Das thut man jetzt in der That schon. Wenn das nun zu Unrecht geschähe, so müßte die Philologie aus ihren Gründen das Unrichtige eines solchen Verfahrens Nachweisen. Denn nur sie würde es können und müssen.