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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-19 · Heft 8 (19.2.1891) · p. Seite 90

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 8 (19.2.1891)
Date
1891-02-19
Page
Seite 90 (sequence 6)
Language
German
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- 90für die höheren Ziele und Zwecke der Gemeinden sind deck Aufgaben gewachsen, die die neuere Zeit denselben gestellt hat. Aber an der Lösung dieser Aufgaben müssen Alle, die Besten und Edelsten voran, arbeiten, Niemand darf sich ausschließen; die Gemeinde kann keines ihrer Glieder entbehren. U Glaube und Kritik. Ein Vortrag von Prof. Dr. H. Steinthal. Lebendige Religion ist mehr als ein Lehrbegriff, als eine Gesammtheit von Lehrsätzen über Gott, Mensch und Natur, als eine Weltanschauung. Zur vollen Religion gehört auch ihre Wirksamkeit auf das Gemüth und die Gesinnung, auf Fuhlen und Wollen, auf die gesammte Lebensform. Sie gebietet, daß die Wahrheit der Idee zur wahrhaften Wirklichkeit werde. Sie hat also eine theoretische und eine praktische Seite und erfaßt demnach den ganzen Menschen. Endlich aber ist der Inhalt der Lehren einer Religion, das was sie ihren Bekennern an Verheißungen bietet und was sie von denselben als Pflichten fordert, in Schriften niedergelegt, welche als heilig verehrt werden, und aus denen ohne Aufhör Erkenntniß, Anregung und Trost geschöpft wird. .Diese Schriften stammen aus hohem Alterthum und verbinden durch die Jahrtausende hindurch viele über die Erde zerstreute Geschlechter zu einer einheitlichen religiös-sittlichen Gesammtheit. So erscheint die Religion in dreifacher Gestalt: als Weltanschauung, als Lebensführung und als Litteratur. Und in jeder dieser drei Gestalten wird sie von der Kritik betroffen. Die Kritik der Religion ist also dreifach: religionsphilosophisch, ethisch und philologisch. Es scheint zwar ein Widerspruch, daß das Höchste, als was wir die Religion erkennen, einer Kritik unterliegen solle: dann wäre sie ja nicht das Höchste, sondern es gäbe noch etwas Höheres als sie; denn niemals könnte es gerechtfertigt sein, das Höhere am Niederen zu messen. Die Religion ist unser Innerstes, Wesenhaftestes; wollten wir sie also an etwas Anderm prüfen, so könnte dies nur ausgeführt werden an etwas, was ihr gegenüber schon als Aenßerliches, Nebensächliches gelten müßte. Dieser Widerspruch, d^n sich die Kritik der Religion zu Schulden kommen lasse, erscheint dem frommen Gemüth sogleich in der abstoßenden Form: Der Mensch stellt sich über Gott. Dem ist aber nicht so. Man muß eben wissen, was Kritik ist. Heute versteht man darunter in weiten Kreisen Opposition und Polemik, Nörgelei und Mäkelei, Leugnung und Vernichtung; und das ist falsch. Die Kritik ist auch nicht Skepsis, Zweifelsucht. Der Zweifel ist vielleicht oft die Veranlassung zur Kritik; aber niemals ist er der Vater der Kritik. Wo die Kritik beginnen soll, muß der Zweifel aufgehört haben. Der Zweifel ist Ohnmacht und kann nichts schaffen. Er nimmt wohl oft die Grimasse der Kritik an; aber wenn er nicht schon geradezu blasirt ist, so verhält er sich doch zur Kritik allemal, wie Eifersucht zur Liebe. Die Kritik ist schöpferisch: sie allein schafft, und alle Schöpfung ist Kritik; sie ist die durch das ganze All verbreitete Entwickelung. Die Zweige sind die Kritik des Stammes, Blatt und Blüthe die der Zweige, und die Frucht ist die Kritik der Blüthe. Das ganze Leben der Pflanze ist ihre thatsächliche Selbstkritik; und diese erkennen, in unsrem Geiste bewußt machen, ist die Aufgabe der Naturwissenschaft. So besteht auch die Kritik einer geistigen Schöpfung darin, daß wir die im Geiste liegenden Motive eines Urtheils aufsuchen, die Wurzeln und die nährenden Säfte einer Ansicht kennen lernen, und daß wir dadurch den dargebotenen Inhalt umgestalten, erhöhen und erweitern, absondern, reinigen und aufllären. Allerdings muß die Kritik, indem sie bildet und gestaltet, auch zersetzen und ausscheiden; aber sie tobt und rast nicht wie der Sturm, sondern wirkt ruhig wie die Triebkraft des Pflanzenkeims, der in aller Stille Felsen sprengt. Die Kritik zersetzt nur, wie jedes Leben sich in der Zersetzung dessen bestätigt, wodurch es sich erhält und nährt. Was und wie also wird eine Kritik der Religion sein? Nicht irreligiös oder antireligiös; sondern sie wird die geltende Religion an der dieser Religion selbst eigenen Idee der Gottheit messen; sie wird die in der positiven Religion gegebenen Keime nach der Richtung der eigenen Triebkräfte derselben entwickeln und wird, wenn sich die Nothwendigkeit dazu herausstellt, aus den vorhandenen Formen neue Formen bilden, welche den Inhalt besser ausprägen. Sie wird den glimmenden Docht in den unfrommen und in den frommen Geistern nicht auslöschen, sondern zur beleuchtenden und erwärmenden Flamme anfachen. Sie wird fragen, was will diese Religion? und wie will sie das erreichen? und so wird sie Ziel und Mittel derselben klar machen. Sie wird fragen: ist der Gottesgedanke, den unsre Religion heute lehrt, wirklich der höchste Gedanke, den wir heute fassen können? ist dieser so reich und so klar, daß er als die krönende Spitze unsrer Weltanschauung bleiben und zugleich als feste Grundlage unser ganzes Gedankensystem tragen könne? ist unsere Gottesidee so edel und zugleich so anregend, daß sie unsre Lebensführung regeln und leiten, befruchten und kräftigen könne? schließt sie alles in sich, was uns werth und theuer ist und unsrem Gemüth Ruhe und Festigkeit giebt? Und wenn sich unsre Gottes-Idee so gediegen erweist, daß sie als Anfang und Ende unseres Denkens allem Inhalt unseres Bewußtseins sichern Boden und festen Abschluß recht wohl gewähren könnte, so fragt sich: haben wir denn auch den Aufbau unseres Religions-Systems so sorgfältig ausgeführt, daß Stein auf Stein wohlgefügt ruht? folgt in der Weise eins aus dem anderen und Alles aus dem tiefsten Grunde, wie die Zweige aus dem Stamme, die Früchte aus den Blüthen? bedingen, sich die. einzelnen Sätze derartig, daß einer den andern fordert, erzeugt? und ist das Verhalten gegen Gott und unfern Nebenmenschen, welches uns im Npmen unserer heiligen Religion gelehrt wird, wirklich ein solches, wie es dem Heiligen Israels wohlgefällig ist? — kurz, stammt alles, was wir als Glaubenssatz und ebenso auch alles, was wir als Lebensregel in uns tragen, aus unserer Idee der Gottheit? — oder ist etwa im Gegentheil manches, was als begründerer Glaube gilt, mancher Grundsatz, der für religiös-sittlich gehalten wird, gar nicht unserer Gottes-Idee entsprungen, derselben auch gar nicht angemessen, sondern vielleicht nur ganz unberechtigt von außen eingedrungen, unüberlegt aufgerafft? oder aus veralteten und geschwundenen Verhältnissen unberechtigt zurückgeblieben? kurz, in offenem Widerspruch mit dem Grundgedanken unserer Religion? — Und wenn nun die Kritik an der einen Stelle ausscheidet oder bemängelt, so wird sie an der andern in folgerechter Schlußweise Hinzuthun oder umgestalten, immer von dem Kern selbst der Religion getrieben, welcher in der Kritik nur seinem eigensten Schöpfungsdrange genügt. Gerade in der Kritik der Religion stellt sich der Mensch unter Gott und fragt, was Ihm, dem Ewigen, Einzigen angemessen ist, und wie der Mensch denken, fühlen, handeln soll, wenn er sich unter Ihn, den Ewig-Einzigen stellt. Die Religion ist lebendige Wahrheit: so liegt es in ihrem Wesen, sich ohne Unterlaß als Wahrheit zu offenbaren und zu bestätigen. Das ist die Kritik, welche die Religion selbst an sich vollzieht. All' -em gegenüber bemerkt der fromme Gegner der Kritik, welcher die, tm <er meint, schlüpfrigen Pfade des philosophischen Denkens nW betreten mag, das Alles sei Sophistik. Er sagt mir: du

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