Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-19 · Heft 8 (19.2.1891) · p. Seite 87

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 8 (19.2.1891)
Date
1891-02-19
Page
Seite 87 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227886--47730-3270210
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

8? fortschreitende Kraft ist in ihr lebendig genug, so daß sie den Bedürfnissen aller Zeiten stets wird gerecht werden können, — und soll überhaupt von einer Religion der Zukunft gesprochen werden, so kann man nicht anstehen, jenem französischen, nichtjüdischen Forschers beizupflichten, der die zuversichtliche Erklärung abgab: „Das Judenthum, welches in der Vergangenheit so große Dienste geleistet hat, wird deren auch noch in der Zukunft leisten. Die reine Religion, welche die gesummte Menschheit vereinigen kann, wird die Religion des Jesaias sein, die ideale, von ihren Schlacken gereinigte jüdische Religion." Allein wir halten es überhaupt nicht für richtig, von einer Religion der Zukunft zu reden. So wenig die Völker jemals eine einzige Sprache reden werdest, so wenig werden sich die Völker jemals zu einer Form der Gottesanbetung verbinden. Sprache und Religion sind Kinder des Volksgeistes, und in der ewigen Verschiedenheit der Völker ist auch die Verschiedenheit der Gottesverehrung begründet. Der Sieg der Offenbarungsreligion, den die Propheten Israels für die messianische Zeit verkünden, soll blos darin bestehen, daß „an jenem Tage Adonai einzig und sein Name einzig sein wird", daß in all den verschiedenen Heiligthümern der Erde derselbe einig-einzige Gott, wie ihn das Judenthum verkündet, wird angebetet werden, und daß die Verschiedenheit der religiösen Form keine Schranke mehr bilden wird für die in Liebe und Gerechtigkeit verbundene Menschheit. Dieser Sieg des Menschenthums ist das prophetische Ideal der messianischen Zukunft. M. A.! Unter den Symbolen der Bundeslade, von deren Deutung wir heute ausgegangen, befindet sich noch eines, das wir bisher noch nicht betrachtet haben, und das für unsere Behauptung von hoher Bedeutung ist; wir meinen das Symbol der Cherubim. Welche Gestalt diese Cherubim hatten, die aus dem Deckel der Lade hervorragten, ist uns nicht mehr bekannt, und auch aus den prophetischen Schriften vermögen wir hierüber keinen befriedigenden Aufschluß zu gewinnen. Unsere Weisen aber behaupten auf Grund einer alten Ueberlieferung, daß es zwei Jünglingsgestalten waren (DPt’JBl 1TIK bs V'X), die ihr Antlitz einander in Liebe zuwandten. Darum erblicken wir in den Cherubim das Symbol des reinen Menschenthums; und daß sie ihren Standort auf dem Deckel der Bundeslade hatten, gilt uns als eine Mahnung, daß die wahre Religion sich stets in edlem Menschenthum kundgeben muß. Wenn darum die Menschen sich dereinst auf dem geheiligten Boden des Gottesglaubens zusammenfinden und einander in Liebe und Gerechtigkeit zuwenden werden, dann ist das messianische Ziel erreicht, dann ist „die Cr e voll der Erkenntniß Gottes, wie das Wasser den Meeresgrund bedeckt." U Nie Alliance Israelite Universelle. Von Rabbiner Dr. Frank in Köln. In der Beilage der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" Nr. 6 Seite 4 heißt es von der Thätigkeit der Alliance Israelite Universelle im Jahre 1889, „die Alliance unterhalte 55 Schulen, in welchen294 Lehrer unterrichten. 7106 Schüler und Schülerinnen besuchen die Schulen." Diese Mitheilung ist nicht richtig. Nach dem Jahresbericht 1889 S. 75 besuchten 11,428 Zöglinge die 55 Schulen der Alliance, nämlich 7106 Knaben und 4322 Mädchen, gegen 10,331 Zöglinge im Jahre 1888, also um 1000 mehr. Außerdem unterhält die Alliance 25 Lehrlingswerkstätten für Knaben mit 512 Lehrlingen und 12 Arbeitswerkstätten für Mädchen mit 249 Lehrmädchen; dann eine Ackerbauschule in Jaffa, eine Handwerkerschule in Jerusalem mit 120 Lehrlingen u. s. w. Bei dieser Gelegenheit verweisen wir hier auf den Aufruf, den das Central-Komitee der Alliance in den letzten Wochen um Beitritt zu dem großen Bruderbünde an Gemeinden, Rabbinen rc. erlaffen hat. Wer der Alliance als Mitglied angehört, spricht durch seine Mitgliedschaft seine Gesinnung aus, daß er mitfühlt das Leid und Weh aller seiner Glaubesgenossen und theilnimmt an der Hebung und Förderung der geistigen, sittlichen und materiellen Lage der Juden auf dem ganzen Erdenrunde. Der Juden Kraft und Stärke liegt in der Einheit; eine in Gesinnung und Streben einheitliche Minorität ist stärker, als die größte getheilte Majorität. Danken wir Gott, daß wir nach jahrhundertlanger Zerstreuung und Zersplitterung nunmehr einen Mittelpunkt, ein Organ haben, um das wir uns schaaren können. Bieten doch die Juden Deutschlands, die sonst, wo es sich um allgemeine, das Judenthum betreffende Fragen handelt, so leicht in Parteien, in religiöse Fraktionen, in Fraktiönchen sich eintheilen, das schöne Beispiel der Einheit und Einigkeit auf dem brüderlichen Boden der Alliance; die orthodoxesten Rabbiner Deutschlands sind mitunter die eifrigsten Förderer der Alliance. Es sollte die Mitgliedschaft der Alliance sich mit dem Bewußtsein, Jude zu sein, decken; jeder sollte sein Scherflein beitragen. Ich selbst habe im vergangenen Jahre an ungefähr 400 deutsche jüdische Gemeinden ein Circular abgeschickt, in dem ich auf die große Bedeutung, auf das segensreiche Wirken, auf die erfolgreiche Thätigkeit der Alliance hinwies und um Bildung von Komitees, um Beitritt aufforderte. Aber nur wenige Gemeinden antworteten im günstigen Sinne; ich bat, es sollten die Genieinden wenigstens einen Jahresbeitrag für die Alliance in ihrem Budget einstellen, auch diese Bitte hatte nur geringen Erfolg. Landes-,Provinzial-,Distriktskomitees, wie in Amsterdam, Mannheim, Breslau, Posen, Nürnberg, Dürkheim, Budapest, Köln, müßten gebildet werden, Centrakpunkte mit Männern an der Spitze, die einen weiten Blick für die Bedürfnisse und ein warmes Herz für die Interessen des Judenthums haben. In dieser Richtung sollte des deutschen Reiches Hauptstadt, sollte Berlin vorangehen. Berlin thut zu wenig für die Alliance. Aus den Jahresbeiträgen von 7000 Mark geht nicht deutlich hervor, wie viel Mitglieder die Alliance dort zählt, mehr als 6—700 werden es wohl nicht sein. Das ist aber für eine jüdische Bevölkerung von mehr als 70,000 Seelen — auf je 100 Seelen ein Mitglied — zu wenig. Auch hier müßte eine rege Propaganda große, ungeahnte Erfolge erzielen können. Persönliche und briefliche Anregungen und Bitten meinerseits bei einflußreichen Personen in Berlin sind leider bis heute ohne Resultat geblieben. Dahingegen wird jeder Freund der Alliance sich über die Anregung freuen, die in der Bne Britb-Loge (Mendelsohn) in Magdeburg gegeben wurde, indem dort der Antrag angenommen wurde, „es soll bei der am 8. Februar in Berlin tagenden Großloge beantragt werden, daß die Großloge es sümmtlichen Töchterlogen in Deutschland dringend ans Herz lege, daß die Bne Brith auch der Alliance Israelite Universelle als Mitglieder beitreten und für dieselbe in ihren Kreisen mit Eifer wirken mögen." Sogleich wurden in der Mendelsohir-Loge drei Mitglieder ernannt, um die Propaganda dort einzuleiten. In Breslau giebt es drei Bne Biitl,- Logm, mögen diese die Alliance unter ihren Schutz nehmen „und jeden Bruder auffordern, mitzuwirken und mitzuarbeiten an dem Wohl und Heil der Glaubensgenoffen," mögen überall, wo eine Loge wirkt und die Alliance noch nicht genügend vertreten ist, die Brüder der Alliance warmes Interesse entgegenbringen. In mancher Lage fehlt es an Arbeitsmaterial, man denkt und sinnt oft in redlichem y Ernst Renan.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.