Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1891)
- Date
- 1891-02-19
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
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toiffemafeen einen Zaun um die Lehre zu ziehen, d. h. durch neue, fürsorgliche Bestimmungen und Satzungen der Uebertretung des göttlichen Gebotes vorzubeugen. Sowohl die irdische Leidenschaft des * Menschen, dieser innere Feind der Religion, als auch der Einfluß, der von außen aus der Umgebung Israels verderblich auf die Lehre einwirken konnte — beide wurden eingedämmt und ferngehalten durch ein ganzes System von neuen Vorschriften, die sich schützend und schirmend um den Kern der Gotteslehre lagerten. Denn Israel war wohl berufen, in die Fülle der Heiden einzugehen, nicht aber in ihnen aufzuge he n; essoütesich immer und überall die Reinheit undLauterkeit seines Bekenntnisses wahren. Wie darum der Ewige am Tage der Offenbarung dem Mose zugerufen: lnttTTpl "inn DX , „Umgrenze den Berg, auf daß Du ihn heiligest", so erblickten unsere Lehrer gerade in den abgrenzenden und absondernden Satzungen, mit denen sie die heilige Lehre umgaben, ein treffliches Mittel zur Heiligung Israels und zur Erziehung desielben für die erhabene Aufgabe, die ihm als dem Priester der Menschheit obliegt. Damit aber die Zäune des Gartens sich nicht so hoch erheben, daß sie der edlen Anpflanzung Luft und Licht entziehen, mit anderen Worten: damit Israel nicht in der Absonderung und Trennung seine eigentliche Aufgabe erblicke und dadurch seines heilvollen Einfluffes auf die religiöse Erziehung der Völker verlustig gehe, gab es noch eine andere Vorrichtung an der Bundeslade des Heiligthums. Die Trage st angen nämlich, welche sich nicht blos während der Wüstenwanderung, sondern auch im Tempel Salomos an der Bundeslade befanden, waren das Symbol der Bewegung und der fortschreitenden Entwickelung in der Lehre. Die Lehre Israels sollte nicht stille stehen, sie sollte vielmehr getragen werden von Volk zu Volk und von Land zu Land; die Zäune sollten durchbrochen, die Trennung aufgehoben werden können in all' den bedeutsamen Epochen der Geschichte, in denen es galt, die Sehnsucht der Völker nach dem wahrhaft Göttlichen zu beftiedigen. Denn die Trennung war nur ein Mittel zur Selbsterhaltung Israels, das ideale Ziel aber war stets die Vereinigung mit den Völkern zur "gemeinsamen Begründung des Gottesreiches auf Erden. Und kann auch ein gewiffes Maß der Abgrenzung zur Wahrung israelitischer Eigenart niemals völlig entbehrt werden, so bleibt doch allen Zeiten und Geschlechtern das Recht gewahrt, die alten, morsch gewordenen Zäune zu beseitigen und durch neue zu ersetzen, welche den Ausblick auf andere Anpflanzungen nicht verengen, und welche nur der Bosheit den Eintritt wehren, nicht aber allem menschlich Guten und Edlen, das auf allen Gefilden ringsum keime und blühe und der liebevollen Aneignung harre. So befanden sich an der Bundeslade selbst, an diesem köstlichsten Unterpfande der Gemeinschaft Gottes mit Israel, Symbole des Beharrens und der Bewegung zugleich, Symbole, die bald zur Trennung und Absonderung, bald zu Anschluß und Vereinigung aufriefen, weil nur in der weisen Beachtung beider Symbole die Gewähr liegt für die Lösung des Heilsberufes, den Israel mit der sinaischen Lehre übernommen hat. M. A.! Mit innigem Danke gegen Gott, der die Zeiten regiert, gedenken wir heute eines öffentlichen Vortrages, der in den jüngsten Tagen in unserer Stadt von einem hervorragenden nichtjüdischen Gelehrten gehalten wurde. Denn wir betrachten es als eine Ehrenerklärung für Israel, daß hier endlich freimüthig anerkannt wurde, Israel habe der Menschheit durch seine religiöse Absonderung den höchsten Dienst geleistet; jeder Austritt aus dem Judenthum sei noch heute als eine Schädigung zu betrachten für „die Entwickelung der Religion zur höheren Wahrheit und Reinheit"; das Judenthum sei heute wie ehedem „zur unwandelbaren Behauptung des reinen Monotheismus berufen". Wir begrüßen diese Erklärung als den schönsten Lohn für unsere Treue und Beharrlichkeit und als ein Zeichen beginnender Erleuchtung in jenen Kreisen, von denen wir seit Jahrhunderten der Verstockung und Herzenshärtigkeit geziehen wurden. Wenn aber trotzdem behauptet wurde, daß das Judenthum dereinst, wenn es durch seinen fortgesetzten wohlthätigen Einfluß die Tochterreligion geläutert haben wird, in dieser werde aufgehen müssen, um sich aus „seiner traurigen Jsolirung, aus der historischen Sackgaffe herauszuretten, in welcher es seit der talmudischen Reattion festsitzt," — so müffen wir das als einen verhängnißvollen Widerspruch bezeichnen, der uns eben beweist, wie schwer sich die religiöse Wahrheit selbst in erleuchteten Köpfen zur vollen Klarheit durchringt. Soll es in der Zukunft wirklich nur eine Religion geben, in welcher das Gottesreich auf Erden begründet sein wird: warum soll es nicht die Mutter - religion sein, durch welche die Tochter eingestandenermaßen von ihrer Vielgötterei und von der Vernunftwidrigkeit ihres Bekenntnisses erst befreit und erlöst werden muß? Das Judenthum soll immer noch eine nationale Religion sein, wird behauptet, und als Beweis werden unsere Feste angeführt. Aber unsere Feste sind mit Nichten nattonaler Natur. Das Pessachfest feiert die Befreiung Israels aus der ägyptischen Knechtschaft Israels, des erstgeborenen Sohnes, den der Ewige zum Träger seines Heils, zum Sendboten seiner Liebe an die Völker berufen hat. Das Schabuothfest feiert die Offenbarung der Heilslehre selbst. Das Sukkothfest feiert die göttliche Vorsehnng in der Geschichte, welche die Menschheit ihrer messianischen Vollendung entgegenführt; Neujahrs- und Versöhnungstag vollends feiern die Heimkehr des verirrten Sohnes in das Haus seines Vaters, feiern den Sieg des Himmlischen über das Irdische, der sich in jedem edlen Menschen ftüher oder später vollzieht. Was ist da national? Was hindert die Völker, diese Feste zu feiern, die zudem auch Naturfeste sind, vorausgesetzt, daß man in der Lehre der Propheten das Heil der Welt erblickt? Oder sind ihnen jene Feste vorzuziehen, welche sammt und sonders die Geburt, das Leben und den Tod eines Menschen seien:, also in letztem Grunde auf Menschenvergötterung hinansgehen? Aber das Judenthum missionirt nicht, so wird eingewendet, und es gesteht damit selber ein, daß es nicht die Religion der Gesammtheit werden will. M. A.! Wir haben den Jrrthum dieses Einwandes schon zu wiederholten Malen von dieser Stätte ans bekämpft. Den Propheten Israels, welche eine Zeit verkündeten, in der sich alle Menschen einen werden in der Anbetung Adonais, konnte das Streben nach Völkerbekehrung nicht fremd gewesen sein. Nur die Art der Mission ist im Judenthum eine andere. Ist denn aber die Mission wie sie von der Tochterreligion betrieben wird wirklich ein Vorzug? In unserem Vaterlande wenigstens, welches seit fast einem Jahrtausend mehr als jedes andere Land der Welt linier den traurigen Folgen religiöser Kriege gelitten hat, sollte man schon längst alle Lust an der Mission, und was mit ihr zusammenhängt, verloren haben. Wem ist denn der wieder erwachte Klassen- und Rassenhaß in unserer Heimath, und wem ist die grausame Verfolgung und Bedrückung unserer Glaubensgenoffen im östlichen Nachbarreiche zuzuschreiben, wenn nicht dem unglückseligen religiösen Fanatismus, der alle Welt auf seine Weise glückselig zu machen sucht? Wohin man mit dem Missionstrieb gelangt, erhellt am besten aus der Thatsache, daß gerade in unserer Stadt, wo wir eben noch vernommen, daß das Judenthum zur Läuterung der jüngeren Lehre nothwendig sei, eine sogenannte Judenmission besteht, gerade als ob es um die Bekehrung von wilden Aftikanern handeln würde. Nein! Die Religion des Judenthums beweist gerade in der achtungsvollen Scheu, mit der sie fremdem Glauben nnd Empfinden begegnet, und in dem Nachdruck, den sie allerwegen ans die sittliche That legt, daß ihr auch die Zukunft gehört. Die bewegende und