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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-12 · Heft 7 (12.2.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 7 (12.2.1891)
Date
1891-02-12
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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g Wesen sich die Sympathien der Gemeinde durch mehr als zwanzig Jahre in erstaunenswerthem Maße zu erhalten gewußt. Als Vertreter der Loge „Zur aufgehenden Morgenröthe" sprach Herr Fritz Auerbach. Herr Dr. Saalfeld beklagte mit warmen, begeisternden Worten den schweren Verlust, beit durch den jähen, allzu frühen Tod Brülls die Wissenschaft, insbesondere die Wissenschaft des Judenthums, erlitten. Was Zunz und Rappoport, was Geiger und Stein begonnen, das hatte Brüll mit seinem Scharfsinn und seiner gründlichen Gelehrsamkeit fortgesetzt, und noch in seinen letzten Tagen war er beschäftigt mit der Herausgabe von Zunz' „Gottesdienstlichen Vorträgen". Die Vollendung dieses Werkes und noch so vieles Anderen, was man für die Geschichte und die Wissenschaft des Judenthums von ihm erwartete, war ihm vom Schicksal nicht vergönnt, das ihn im besten Mannesalter aus seinem Wirkungskreis dähinraffte, zum großen Schmerz aller derer, die sich mit jüdischer Wissenschaft beschäftigen. Seiner Verdienste um den Mendelssohn-Verein, in dem er noch vor acht Tagen sprach, gedachte Herr Nathan. Nach diesen Reden und nachdem noch ein Trauerlied gesungen war, versenkte man den Sarg des theuren Todten in seine Gruft. Möge sein Andenken ein gesegnetes bleiben! CfÖ Pforzheim, 9. Februar. Ein treffliches Flugblatt gegen die antisemitische Bewegung hat der als Volksschriftsteller in weiteren Kreisen bekannte Herr Moritz Müller feu. hierorts unter dem Titel „Einiges über die christlicheil Antisemiten" erscheinen lassen. Anknüpfend an die Egidy'schen Theorien kennzeichnet der Verfasser in scharfen Worten das Unreligiöse und Ullchristliche der Bewegung und unterzieht einige der gebräuchlichen antisemitischen Lügen einer gerechten Kritik. Leider ist das Blatt nur in kleiner Auflage erschienen. * Fürth, 8. Februar. Die Gabriel-Riesser'sche Stipendien- Stiftung veröffentlicht ihren Jahresbericht für das Jahr 1890, aus welchem hervorgeht, daß in diesem Jahre 1 Theologe, 4 Juristen, 11 Mediziner, 2 Politechniker und 3 Seminaristen mit zusammen 3300 Mark bedacht worden sind. Ueber die Geschichte der Stiftung weiß der Bericht Folgendes zu erzählen: Die Stiftung ist im Jahre 1866 von einer Anzahl von Männern gegründet worden, welche dem am 22. April 1863 verstorbenen Hamburger Obergerichtsrath Dr. Gabriel Riesser, dem unermüdlichen ulld geistvollen Kämpfer für die Emanzipation der Juden in Deutschland, persönlich befreundet waren. Man hielt es für eine Ehrenpflicht, das Andenken des Mannes durch eine Stiftung zu ehren, der wie kein Zweiter, die Forderung der den jüdischen Religionsgenossen jahrhundertelang schnöde versagten bürgerlichen Gleichstellung diesen selbst und ihren Gegnern gegenüber zum beredten und kräftigen Ausdruck gebracht hat, lind dessen ganzes Leben eine fortgesetzte Demonstration dafür gewesen ist, daß das religiöse' Bekenntlliß nicht zum Vorwand für die Verkümmerung der staatsbürgerlichen Rechte genommen werden dürfe, dann, daß die Annahme eines fremden, nur um äußerer Vortheile willen erheuchelten Bekenntnisses eine ehrlose Handlung sei. Die Stiftung begann mit sehr.kleinen Mitteln - es wurden aus der Fürther Gemeinde nur 800 Gulden Gründungskapital und nicht ganz 100 Gulden Jahresbeiträge aufgebracht. Am 30. Dezember 1866 wurden die Statuten landesherrlich genehmigt und die Stiftung als selbständige juridische Person anerkannt. Am 22. April 1867 fand die erste Vertheilung der Stipendien statt. HeUbrorrn am Neckar, 6. Februar. Durch Erlaß der königl. israelitischen Oberkirchenbehörde wurde Herr Dr. Ber thold Einstein, der seitherige Vertreter des sel. Rabbiners, als Rabbinatsverweser für den hiesigen Rabbinatsbezirk bestellt. Oesterreich - Ungarn. K Wien, 4. Februar. Erklärung. Die von einem polnischen Blatt in Lemberg zuerst verbreitete und Von der „Allg. Ztg. des Judenthums" Nr. 4 reproduzirte Nachricht/) daß ich aus dem Kuratorium der Baron Hirsch'schen Stiftung für Galizien ausgetreten bin, ist unrichtig. Ich habe die Herren Kuratoren, mit Ausnahme derjenigen, welche von der österreichischen Negierung designirt werden, dem Herrn Baron Hirsch empfohlen und selbst nie daran gedacht, mich von einer Stiftung zu trennen, welcher ich viel Zeit und Mühe durch drei Jahre geopfert habe. Dr. Ad. Jellinek. * Wien, 8.Febr. Das Kuratorium der Baron Hirsch'schen Stiftung für Galizien, Krakau und die Bukowina dürfte in 14Tagen x) Wir haben das hocherfreuliche Dementi dieser Nachricht schon in Nr. 5 gebracht. D. Red. installirt werden. Die Regierung hat folgende Kuratoren designirt: * Eduard Ritter v. Gniewosz - Olexow, Ministerialrath i. P.; Doktor Heinrich Roza, Ministerialrath im Ministerium des Innern; Professor Charkiewicz für das Unterrichts-Ministerium; Dr. Casimir Ritter von Chledovsky, Sektionsrath im Ministerraths-Präsidium. Als Vertreter des Herrn Baron Hirsch wird Herr Dr. Joly, Direktor des Bankvereins, in das Kuratorium eintreten. Die übrigen Kuratoren wurden bereits vor drei Jahren von Herrn Dr. Jellinek dem Herrn Baron Hirsch vorgeschlagen und von demselben acceptirt. * Prag, 8. Februar. Dr. Gelbhaus, Prediger der hiesigen israelitischen Gemeillde, hielt vergangenen Samstag im „Verein zur Verbreitung der Wissenschaft des Judenthums" („Afike — Jehuda") einen interessanten Vortrag über „Deutsche u n b jüdischeVolksd ichtun g". Der Vortragende ging zunächst von der bekannten Erfahrungsthatsache aus, daß im Völkerleben Gleichartigkeit der intellektuellen Veranlagung, der äußeren Einwirkung oder der politischen Bedingungen ähnliche Richtungen des sozialen und politischen Strebens, sowie der geistigen Entwickelung überhaupt zeitige. Wenn nun zwei Völker verschiedener Abstammung demselben Staatswesen angehören, und dieselbe Sprache reben, so bringt die gegellseitige Berührung und Beeinflussung ähnliche Gedanken- und Gefühlsäußerungen hervor. Ein schlagender Beweis hierfür bietet das bezügliche Verhalten der jüdischen und nichtjüdischen Bewohner des deutschen Bodens, wie es durch die jüdische nnb deutsche Volksdichtung auch litterarisch erhärtet wird. Die frühesten Produkte von deutscher Volksdichtung find in Deutschland in jüdische Kreise gedrungen und haben da Aufnahme gefunden. Eine aus dem Mittelalter stammende Sammlung von Legenden in jüdisch-deutscher Sprache, das Maassebuch genannt, enthält Bestandtheile deutscher Märchen, auf welche die Brüder Grimm in ihren Kinder- und Hausmärchen Hinweisen. Die Sage von König Artus' Hof, der Eulenspiegel und viele andere deutsche Volksdichtungen erfuhren Uebertragungen ins Jüdisch-Deutsche. Auch zahlreiche jüdische Dichter, welche in deutscher Sprache und in deutschem Geiste dichten, wie der Minnesänger Süßkind von Trimberg, befjeu Weisen lebhaft au Walther v. d. Vogelweide anklingeu, der Grammatiker Elias Levita, der einen Ritterroman in Reimversen dichtete, sowie begeisterte Säuger deutsch-patriotischer Lieder durchschwirren das 13„ 14. und 15. Jahrhundert. Ja, sogar jüdische Frauen besteigen den deutschen Parnaß. Pine Frau Litte aus Regensburg verfaßt eine „Geschichte des Königs David," Bella sHurwih eine „Geschichte von der Ansiedlung der Juden in Prag", Hanna Katz aus Prag bethätigt sich als formgewandte Dichterin k. rc. Wenn solcherweise der deutsche Geist den jüdischen beeinflußte, so sind andererseits auch im deutschen Geisteswirken starke Anklänge au jüdische Ideen wahrzunehmen. Schon die Brüder Grimm weisen auf die märchenhaften Elemente im Talmud hin. In den von Müllenhof und Scheer herausgegebenen Denkmälern deutscher Poesie aus dem 8.—12. Jahrhundert ftnben sich drei Gedichte biblischen und nachbiblischen Inhaltes unter dem Titel: „Die drei Jünglinge im Feuerofen", „Judit" und das „Lob Salomons". In neuerer Zeit haben Heinrich Heine und jüngst Gustav Karpeles die innige Wahlverwandtschaft hervorgehoben. Zum Schluffe seines in Form und Inhalt gleich gediegenen Vortrages zog Herr Dr. Gelbhaus die Silmme seiner Aussührungen, indem er auf den lebhaften Ideenaustausch zwischen den Anhängern des christlichen und jüdischen Glaubens hinwies, durch welche,! manche jüdische Sage in christliche Kreise getragen und hier eigenartig verarbeitet wurde, ebenso wie auch die Juden immer mehr in das deutsche Geistesleben hineinwuchsen. Rußland. * Petersburg, 3. Februar. Eine Abordnung russischer Kaufleute aus Samarkand ist in Petersburg angekommen, und hat dem Minister des Innern eine Petition überreicht, in welcher gebeten wird, den Juden die Niederlassung in den asiatischen Provinzen Rußlands zu verbieten, da dieselben den ganzen Handel an sich bringen und das russisch-orthodoxe Element verdrängen. — Kürzlich ist in Polen eine Verordnung ergangen, nach welcher militärpflichtige Juden, welche sich wegen einer Superrevision aus einer Stadt nach einer anderen zu den Militärbehörden zu begeben haben, nur etappenmäßig, d. h. wie gemeine Verbrecher, befördert werden müssen — angeblich, damit sie sich nicht unterwegs selbst verstümmeln oder einen anderen vorschieben! Die übrigen Militärpflichtigen werden einer solchen barbarischen Behandlung nicht unterworfen. — Die Petersburger „Thierschuhvereine" leiten gegen die jüdische Schlachtmethode eine Agitation ein. Werden sich nicht

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