Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1891)
- Date
- 1891-02-12
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 bald Menschenschutz - Vereine bilden, lun gegen die russische Schlachtmethode einzuschreiten? * Warschau, 26. Januar. Vor einem halben Jahre überzeugte sich die hiesige Polizei davon, daß Schüler der Handelsschule und einige Gymnasiasten vom Auslände Werke bezogen, die. in Rußland verboten sind; der Inhalt war sozialistisch. Die Untersuchung ergab die Schuld 16 junger Leute im Alter von 15 19 Jahren. Der Generalgouverneur Gurko bestrafte die Uebelthäter mit 2-3 Monaten Arrest.. Die Eltern wandten sich mit einem eingehenden Gnadengesuch an den Zaren. Dieser schrieb eigenhändig auf die Bittschrift: für die Katholiken (Polen) ist die Strafe zu verfünffachen, für die Juden 30 Mal so hoch zu bemessen. Nur der eine orthodoxe Schüler erhielt keine Straferhöhung. (Diese Erzählung erscheint doch kaum glaubhaft.) Italien. * Nom, 7. Februar. In dem vom Ministerpräsidenten Rudini berufenen Kabinet nimmt Signor Luzzati den Posten des Schatzministers ein. Holland. §2 Haag, 29. Januar. In unserem Finanzministerium ist eP Jude neuerdings zu einem hohen Posten befördert worden. Herx Jakob Drielsma ist Vortragender Ratb und leitet als^ Ch^f die Abtheilung für Zölle uitb indirekte Steuern. * Amerika. * Newyork, 7. Februar. Baron Hirsch telegraphirte an die Administration der Hirsch'schen Stiftung zur Unterstützung der jüdischen Einwanderung in Amerika, stellte derselben 12 Millionen Francs zur Verfügung uitb ermächtigte die Administratoren, falls die Zinsen dieser Summe nicht ausreichen sollten, um alle Zwecke der Stiftung zu erfüllen, einen Theil des Kapitals mit zu verwenden. Er werde letzteres dann wieder ergänzen. Kon Nah und Fern. Herr Professor Dr. A. Guttstadt, außerordentlichem MitglieÄ des statistischeil Bureaus, hat den Königlichen Kronen-Orden III. Klasse erhalten. — Herr Privatdozent Dr. I. Veit in Berlin ist von d^r Societad ginecologiea espanola in Madrid zum korrespondirenden Mitglieds ernannt worden. — Am 2. Februar starb Herr Alex Haber, Mitbegründer des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller, sowie hervorragendes Mitglied des B'ne b'rit Ordens. Auch in politischer Beziehung war Haber innerhalb der deutschfreisiunigen Partei ungemein thätig. — Die Petition eines Konrektors Heyse in Buczkowo mit Vorschlägen zur Lösung der Judenfrage ist, wie in früheren Jahren, so auch diesmal vom Herreuhause als zur Berathung im Plenum nicht geeignet erklärt worden. — In Breslau fand am 27. Januar im jüdisch-theologischen Seminar die Verkündigung des Resultats der letztjährigen Preisarbeit statt. Das Thema hatte gelautet: „Darstellung der einfachen Bibelexegese in den talmudischen Schriften". Von den eingelieferten Arbeiten wurde die des Herrn L. Dob schütz, cand. phil., als der ehrenvollen Erwähnung des Namens ihres Verfassers würdig erachtet. — Ein Muster-Gesangverein soll sich dieser Tage in T h o r n gebildet haben. Mit welchen Mitteln dieser Verein die „Harmonie" zu pflegen beabsichtigt, ergiebt sich aus einkr Bestimmung seiner Statuten, welche nach Angabe von Thorner Blättern lautet: „Ausgeschlossen von der Mitgliedschaft sind — Juden rM) Kaufleute, die ein offenes Geschäft haben." Gründer und Leiter dieses Gesangvereins, über besten Satzungen der steinerne Kopernikus auf dem Marktplatz von Thorn das Haupt schütteln könnte, sollen ein Amtsrichter, ein Offizier und ein Bildner der Jugend, ein Gymnasiallehrer sein! — In Bielefeld starb in voriger Woche der Rentier Jordan im Alter von 111 Jahren; er war wahrscheinlich der älteste Mann in Deutschland. — Die Synagogen - Gemeinde Kiel hat Herrn Dr. Moritz Stern, der sich als Historiker bereits einen Namen gemacht hat, zum Prediger gewählt. - In voller körperlicher und geistiger Frische feierte am 4. Februar Frau Adelheid Kulp m Frankfurt am Main ihren neunzigsten Geburtstag, umgeben von ' ihren 101 Enkeln und Enkelinnen. — Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hielt am 4. d. M. Herr Dr. H. Heinemann einen Vortrag über den Aufstand des Bar-Kochba. — Der ehemalige Hofbankier Kaiser Wilhelms 1., DaröU bvu Cohn in Dessau, hat, wie uns von dort geschrieben wird, beim Herzog von Anhalt und dem Magistrat der Stadt Dessau die Genehmigung nachgesucht, auf seine eigenen Kosten dem Kaiser Wilhelm I. in Dessau ein Denkmal setzen zu dürfen. Baron v. Cohn hat dabei versichert, daß ihm für den gedachten Zweck keine Summe zu hoch sein würde. — Imposant war die auf dem israelitischen Friedhofe in Nürnberg stattgehabte Beerdigung des Rechtsanwalts Hartmann. Viele hohe Staatsbeamte waren anwesend- Kränze wurden am Grabe niedergelegt, darunter cliter Namens des deutschen Anwaltvereines) Hartmann hat sich auch als juristischer Schriftsteller bekannt gemacht. — Das friedliche Verhältniß zwischen den Konfessionen in Baden, welches sich nicht zum Wenigsten in der Simultanität der Schulen zeigte, erfährt neuerdings durch eine von ultramontaner Seite ausgehende A g italion gegen gemischte Schulen eine Trübung. — Der israelitischen Religionsgesellschaft zu Baden-Baden sollen nächstens die Gemeinderechte verliehen werden. — In Hamburg soll demnächst eine neue jüdische Wochenschrift unter dem Titel „Die Menorah" erscheinen) dieselbe will die jüdischen Tagesfragen und Gemeindeangelegenheiten in friedlicher Weise beleuchten und Gegensätze, wo solche hervortreten, friedlich ebnen. — Die Talmud-Thora-shöhere Bürger-)Schule in Hamburg hat mittels Erlaß des Reichskanzlers vom 15. Januar die definitive Berechtigung zur Ausstellung von Zeugnissen zum Einjahrig- Freiwilligen Dienst erhalten. Diese Berechtigung war der Schule nur provisorisch und alle Mal nur für ein Jahr ertheilt worden. — Der neuernannte österreichische Finanzminister Dr. Emil Steiubach, der zu den hervorragendsten Juristen Oesterreichs zählt und auf die neuere Gesetzgebung, insbesondere auf sozialpolitischem Gebiete, einen maßgebenden Einfluß geübt hat. entstammt einer jüdischen Familie. — Zu den beiden jüdischen Reichsrathskandidateu in Kolomea gesellt sich neuerdings noch ein dritter, Herr L. Meisels, ein Enkel des berühmten Rabbiners gleichen Namens. — Professor Dr. Rosenstein in Leyden, der Sohn des seligen Berliner Rabbinatsassessors, hat am 8. Februar sein 25 jähriges Jubiläum als Universitätsprofestor gefeiert. Rosenstein wurde am 8. Februar 1866 Professor der Universität von Groningen und erhielt sieben Jahre später eine Lehrkanzel an der berühmten Universität zu Leyden. In den letzten Jahren empfing derselbe wiederholt Beweise des Vertrauens seitens des verstorbenen Königs, welchen er auch während seiner letzten Krankheit behandelte. — Am Sonnabend starb, einer der Voss. Ztg. zugegangenen Drahtmeldung zufolge, in London die Wittwe des verstorbenen Oberrabbiners Adler. Sie war die Tochter des Rittergutsbesitzers Elkan Lehfeldt Schwägerin des sel. Dr. Sachs in Berlin. — Im Laufe des kommenden Monats wird in Loud o n ein Theil der englischen Uebersetzung der „Ge - schichte der Juden" von Graetz erscheinen. Der Rest derselben wird im Jahre 1892 folgen. Mr. F. D. Mocatta trägt alle Kosten der Veröffentlichung und verdient somit den Dank der gesammten englischen Judenheit. — Aus Jaroslau (Rußland) wird eine verstärkte Judenausweisung und die Versiegelung der Synagoge gemeldet. — Von den verschiedensten russischen Handelsstädten laufen schwere Klagen ein! Vollständiger Stillstand des Handels herrscht in Kiew. Aehnlich steht es in Krementschug. In Charkow war der Jahrmarkt wenig besucht. In Odessa klagen besonders die großen Einfuhrhänser. — Herr Dr. Moritz Mendelsohn aus Warschau ist zum Privatdozenten der klassischen Philologie an der Petersburger Universität zugelassen worden. — 8n Grida-Semgallen (Kurland) hielt der „Maggid" Chaim Josef Ja ffe in überfüllter Synagoge einen Vortrag zu Gunsten der Kolonisation Palästinas, der von großem Erfolg begleitet war. Es konstituirte sich daselbst bald darauf ein Kolonisations-Verein, der 120 Mitglieder zählt und den dritten Theil der Gesammtmitgliederzahl der Gemeinde in sich begreift. — Jerusalem vergrößert und erweitert sich stetig; außerhalb seiner Mauern entstandcn volksreiche Vorstädte. Die Straßen der Stadt erhalten jetzt ein gutes Pflaster, auch werden unterirdische Abzugskänäle gebaut. Wären die Straßen Jerusalems nur ein wellig breiter, es gliche bei seinem regen Leben und seiner Bevölkerungsziffer einer der größeren europäischen Städte. Druck und Verlag von Rudolf Moste in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.