Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1891)
- Date
- 1891-02-12
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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nntische Presse hier wieder einmal lügenhafter Weise eine harmlose Bewegung für ihre Zwecke auszubeuten versucht hat. * Bremen, 3. Februar. Eine grobe Versammlung des freisinnigen Vereins fand im Kasinosaal unter dem Vorsitz des Prof. Bulle, Direktors des Gymnasiums (früher Reichstagsabgeordneter), statt. Auch Mitglieder des Senats und der Bürgerschaft, unter den Letzteren deren Präsident Clanssen, waren anwesend. Dr. Georg Waltemath aus Hamburg hielt eine anderthalbstündige zündende Rede gegen die Antisemiten, deren Gebühren er allerseits beleuchtete. Er begeisterte die Bremische Bevölkerung zum rechtzeitigen Widerstand. Seine Rede war von wiederholtem stürmischen Beifall begleitet. Rechtsanwalt Müller, Antisemit, debütirte mit einer schwächlichen Erwiederung, die vielfach belacht wurde. Prof. Bulle, der das Schlußwort hatte, geißelte ebenfalls in trefflichen die antisemitischen kulturfeindlichen Bestrebungen. Die Versammlung hatte einen glänzenden Erfolg. LL Breslau, 5. Februar. Die Gedächtnißfeier für den seligen Sti ft er des jüdisch-theologischen Seminars hat am 27. Januar stattgefunden. Zugleich ist der Jahresbericht des Seminars ausgegeben worden, dem der vierte Theil der „Reima des Jbn Esra" von Dr. Rosin vorangeht. Dem Bericht selbst entnehmen wir Folgendes: Das Seminar hat im verflossenen Jahr durch das am 3. November erfolgte Hinscheiden eines seiner Lehrer, des durch seine klassische Bildung, wissenschaftliche Forschung und Meisterschaft in der Kanzelberedtsamkeit hervorragenden, durch seine mit Beifall und Anerkennung aufgenommenen Schriften weithin berühmten und durch seine Friedfertigkeit, Milde und Besonnenheit allgemein hochgeschätzten und beliebten Rabbiners Dr. Manuel Joel einen schmerzlichen Verlust erlitten. Dr. Joel wurde kurze Zeit nach der Eröffnung des Seminars im Jahre 1854 als Lehrer an dasselbe berufen und wirkte an dieser Anstalt mit Pflichttreue und Hingebung ersprießlich und segensreich bis gegen Ende des Jahres 1863, wo er das ihm übertragene Amt eines Rabbiners in der hiesigen Gemeinde übernahm. In dieser Stellung wußte er feilte früheren Beziehungelt zum Seminar aufrecht zu erhalten unb zu bewahren und bekundete eilt reges Interesse für dasselbe. Als Ostern 1888 Herr Prof. Freudenthal infolge seiner Erneunung zllm ordentlichen Professor an der hiesigen Universität aus dem Lehrkörper des Seminars schied, übernahm Dr. Joel volt Neuem ein Lehramt an demselben, dem sich zu widmen ihnt nur kurze Zeit beschieden war. Sein Andenken soll bm Seminar stets in treuer Erinnerung bleiben, und um dasselbe zu ehren, wurde am 16. November in der Seminarsynagoge eilte Trauerfeier für den Heimgegangenen veranstaltet, bei der Dr. B. Jacob die Gedächtnißrede hielt. Einen zweiten Trauerfall hat das Seminar infolge des am 3. Januar dieses Jahres eingetretenen allzu frühen Todes eines seiner ehemaligelt gesinnungstüchtigeu Schüler, des Rabb. Dr. Aron Bärwald in Saaz (Böhmeit) zu verzeichnen. Das Seminar zählt gegenwärtig einschließlich der Kandidaten — 58 Hörer. Von ben ehemaligen Zöglingen des Seminars sind im verflossenell Jahre folgende zu Rabbinats- Aemtern berufen worden: Dr. S. H. Margulies, früher Rabbiner in Weilburg, zum Rabbiller in Florenz (in Italien), Dr. M. S. Zuckermaltdel, früher Oberrabbiner in Trier, zum Rabbiner in Pieschen, Dr. I. Stier, früher Rabbiner in Steinamanger (Ungarn), zum Rabbiner in Berlin, Dr. N. Kronberg, früher Rabbiner in Tabor (in Böhmen), zum Rabbiner in Hermanmiestetz (in Böhmen), Dr. I. Baßfreund, früher Rabbiner in Tarnowitz. zum Obberrabbiner in Trier. Dr. A. Lewinsky wurde vor dem Abschluß seiner Rabbinatsprüfung als Rabbiner in Weilburg, Dr. B. Eiltsteilt als Rabbinats-Stellvertreter in Heilbronn gewählt. * Ratibor, 10. Februar. Ueber ein größeres religiöses Fest, welches die Ratiborer Gemeiitde beging, bringt der konservative „Oberschlesische Anzeiger" ben folgenden Bericht: „Der Vorstand der israelitischen Gemeinde gab gestern Abend der „Chewra Kadischa" bei Brück ein glänzendes Fest. Weiß der geschätzte Leser, was eine „Chewra kadischa" ist? Nun, gestern hörten wir es; dieses syrische Wort bedeutet „heiliger Bund". Bei den Israeliten besteht nämlich seit vielen Jahrhunderten die schöne Sitte, daß zu den letzten Liebesdiensten bei Ster-' benden und Todteu nicht bezahlte Personen herangezogeu werden, sondern daß stets die besten Elemente der Gemeinde unter Vernachlässigung ihrer eigenen Interessen, trotzend jeder Ansteckungsgefahr an diis Krankenlager eilen und dort den Ehrendienst von der Todesstunde an versehen, bis daß die letzte Schaufel Erde in die Gruft geschüttet wird. In jeder Gemeinde besteht eine solche Vereinigung, die den Namen „Chewra kadischa" trägt. Der Ratiborer Chewra galt das gestrige Fest, das einen herrlichen Verlauf nahm. Im Namen des Vorstandes brachte Herr Fabrikbesitzer Max Samoje den Toast auf den Kaiser aus, den der Redner als den Hort des Friedens, als Muster strengster Pflichterfüllung, als den Beschützer aller Bekenntnisse pries. Die Königstreue sei den Israeliten nicht allein Herzenssache, sondern auch Religiousgesetz; die Gemeinde, die er vertrete, sei glücklich, jederzeit treu zu Karser nttb Reich zu stehen. Der Toast wurde mit begeistertem Jubel ausgenommen, und stehend sang die Festversammlung die Nationalhymne. Hierauf feierte Herr Rabbiner Dr. Blumenthal in längerer Rede die von der Religion vorgeschriebene echte Menschenliebe, die nicht frage, ob jüdische Herzen weinen oder christliche Th ränen fließen, die überall helfe, wo Menschenleid webt und Menschenmühsal waltet; diese einzig wahre Humanität, welche an keine Schranke gebunden ist, sei als Bindeglied aller Bekenntnisse die goldene Brücke zu einer schöneren Zukunft, das nahende Frühroth zu einer besseren Zeit. Der Redner schilderte dann die selbstlose Hingebung und das opfervolle Mühen der Männer, die freudig an den Pforten des Todes und der Menschenliebe wachen, und schloß mit einem Hoch auf die „Chewra kadischa" und ihren wackeren unermüdlichen Vorsitzenden Herrn Fabrikbesitzer Hugo Schuck. Herr Schück dankte in warmbewegten Worten; er wies bescheiden jedes Verdienst zurück; was er und der Bund gethan, sei heilige Menschenpflicht; um so preisenswerther sei das Verdienst der wacker helfenden Frauenabtheilung, sein Hoch gelte derselben, ihrer Vorsitzenden Frau Regina W achsner und der 87jährigen unermüdlichen Veteranin der Menschenliebe, Frau Leopold. Herr Pinczower gedachte in beredten Worten der Verdienste des Herrn Dr. Blumenthal, dem er unter stürmischem Beifall sein Glas weihte. Von sonstigen Genüssen des Abends neunen wir ein Lied, das Herr Oberkantor Rosenthal vortrug. Es war ein herrliches Fest, das die Ratiborer jüdische Gemeinde beging, um so herrlicher, da es der Menschenliebe galt." Frankfurt a. M., 8. Februar. Ein imposanter Leichenzug bewegte sich heute morgen vom Hause Leerbachstr. 50 nach dem israelitischen Friedhofe. Nicht enden wollte die Menge der Leidtragenden, welche theils zu Wagen, theils zu Fuß der Bahre des Herrn Dr. Nehemias Brüll folgte, der mehr als zwanzig Jahre als geistliches Oberhaupt an der Spitze der hiesige!! israelitischen Gemeinde gestanden^ Wie groß die Verehrung war, die man dem bescheidenen Mann, dem tiefen Forscher, dem großen Gelehrten zollte, das zeigte sich hier recht deutlich. Die städtischen Behörden waren durch eine Deputation vertreten, die evangelische Geistlichkeit durch die Pfarrer Ehlers, Junge und Corrivain, die Loge „Zur ausgehenden Morgenröthe" durch ihren Vorstand. Zahlreiche Vereine und Private hatten Kränze geschickt. Von auswärts waren viele Rabbinen herbeigeeilt, um ihrem großen Kollegen, den sie als Lehrer und Führer verehrten, das letzte Geleit zu geben. Wir bemerkten die Herren Dr. Goldschmidt-Offenbach/ Dr. Appel- Mannheim, Dr. Saalfeld-Mainz und Dr. Lewinsky-Weilburg, außerdem die beiden hiesigen Gemeinderabbiner Dr. Horovitz und Dr. Plaut. Das Lehrerkollegium und die beiden obersten Klassen des Philantropins waren ebenfalls vollzählig erschienen. — Am Grabe gab zuerst dem tiefen Schmerz der Gemeinde, der Angehörigen und des ganzen Judenthums, für das der Verstorbene gelebt und gewirkt, Ausdruck der langjährige Amtsgenosse des Verstorbenen, Dr. Plaut, der schon gestern, anknüpfend an das Wort der Haphtarah: „Morgen ist Neumondstag, und du wirst vermißt werden, denn dein Sitz wird leer sein"., in warmen Worten der Begeisterung die Verdienste des großen Todten geschildert hatte. Er pries den Dahingegangenen als einen in sich gefestigten Charakter von seltener Lauterkeit, als Mann der Wahrheit, der die Wahrheit bekannte und Wahrheit redete in seinem Herzen, dessen ganzes Leben und Streben der göttlichen Wahrheit diente, die er zu reiner, ungetrübter Anerkennung zu bringen bestrebt war. Herr Emil Rosenthal schilderte Namens des Vorstandes der hiesigen Gemeinde das segensreiche Wirken, das bescheidene, nicht nach äußerer Anerkennung strebende Auftreten, den reinen Gotteseifer, der ihn in Allem, was er gethan, beseelte. Als junger Mann aus einer kleinen österreichischen Gemeinde in die große Gemeinde Frankfurt berufen, als Nachfolger eines Abraham Geiger und eines Leopold Stein, von denen Ersterer, der die Bedeutung Brülls schon damals erkannt hatte, selbst die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt habe, sei es ihm nicht nur gelungen, das, was Jene begonnen/ fortzusühren, sondern er hatte durch seine außerordentliche Beredtsamkeit, sein gediegenes Wissen und sein selbstloses