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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-12 · Heft 7 (12.2.1891) · p. Seite 84

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 7 (12.2.1891)
Date
1891-02-12
Page
Seite 84 (sequence 12)
Language
German
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84 / Ränzchen auf dem Rücken zurückgelegt habe und knüpfte daran warme Lobeserhebungen für die inzwischen gemachten Fortschritte in den Verkehrsmitteln und optimistische Erwartungen auf noch größere Siege des Menschengeistes in dem Kampfe mit der Schranke des Raumes. Aber auch diese Anzapfung brachte aus seinem Gefährten nur die paar Tropfen heraus: „Ich bin zum ersten Male auf der Reise nach Tirol." Dieser zweite vergebliche Versuch brachte dem Gesprächslustigen nicht die beste Meinung von der geistigen Veranlagung seines Sitznachbars bei, und er suchte sich in den Gedanken zu finden, den Tag neben einem stupiden und hölzernen Menscher: zubringen zu müssen. Beim Frühstück jedoch, das die Insassen der drei Eilwagen in Murnau gemeinschaftlich einnahmeu, konnte er bereits wahrnehmen, daß seine Meinung irrig sei. Mit großer Lebhaftigkeit betheiligte sich da der für geistig schwach ausgestattet von ihm angesehene Mensch an der Unterhaltung, wußte über die verschiedenen zur Sprache kommenden Gegenstände ein gesundes Urtheil abzugeben und bewegte sich überhaupt wie ein gebildeter, im Leben und in der Gesellschaft wohl versirter Mann. Mehr noch traten diese Eigenschaften beim Mittagsessen zu Tage, für welches in Partenkirchen ein Aufenthalt von nahezu einer Stunde zugemessen war. Der für bornirt gehaltene Mann erwies sich als ein sehr unterrichteter, den: die neuesten Erscheinungen aus dem Gebiete der Kunst und Litteratur nicht fremd waren und es an einer verständnißtzollM Auffassung und Beurtheilung derselben nicht fehlte. Da man nur noch eine kurze Strecke nach Zirl zurückzulegen hatte, sich somit in der Nahe der Martinswand befand, ist es leicht erklärlich, daß der Gefahr und Noth, in welcher sich Maximilian I. auf derselben befand, Erwähnung geschah. Unser Freund machte dabei auf ein im Jahre 1849 erschienenes treffliches Gedicht aufmerksam, dessen Pointe in dem Gedankei: lag: „Kaiser ist das Volk geworden", und das in schwungvoller Sprache die tiefe Sehnsucht nach einem Retter für diesen Kaiser, welcher sich wie Maximilian verstiegen hatte, zum Ausdruck brachte. (|r rezitirte einige Strophen des Gedichtes und empfing dafür den warmen Dank der Gesellschaft. Nach dieser starken Probe seiner Unterhaltungsgabe hielt es sein Sitznachbar doch für der Mühe Werth, nochmals bei ihm anzuklopfen, und er that dies zu wiederholten Malen, aber stets ohne Erfolg: seine Rede blieb „ja, ja" und „nein, nein". Dies veranlaßte den Mitreisenden zur Frage, ob ec etwa leidend sei und das Sprechen während der Bewegung des Wagens ihm Schmerzen verursache, oder ob er selbst vielleicht ihm einen Grund dazu gegeben habe, sich so schweigsam zu verhalten. „Es ist weder das eine noch das andere der Fall: ich bin gottlob ganz gesund, und Sie haben sich gegen mich freundlich und höflich benommen und gerade deshalb halte ich mich für verpflichtet, Ihnen keii: Geheimniß aus dem wahren Grund meiner Einsilbigkeit zu umchen. Ich weiß, baß Sie der Herr Ministerialrath von Dünniges sind, ich bin der Jude Lichtenstein, Geschäftsmann in München. Ich habe es oft als eine üble Gewohnheit meiner Glaubensgenossen bezeichnen hören, daß sie sich in ungebührlicher Weise an Männer. von hoher Stellung und Einfluß hindrängen, ich für meine Person hüte mich sorgfältig, auch nur ein Körnchen zstr Rechtfertigung dieses Tadels beizutragen." Hätte zwölf Jahre später Ferdinand Lassalle einen Theil dieser sehr zu empfehlenden Sorgfalt beobachtet, sein Ende wäre kein so tragisches gewesen, und er könnte vielleicht seinen Stammesgenossen eine Anweisung zur Betretung des rechten Weges geben. 9 Meftöstlrche Poesien.' Von Samuel Kristeller. Ein Mann, der Arbeit mehr als Fasten Und Wohlthun mehr als Beten schätzte, Ließ bauen einen weiten Kasten, Auf den er diese Aufschrift setzte: „Die zehnte Frucht aus meinen Scheuern Will ich allhier den Armen steuern. Je mehr bescheeret Gottes Willen, Je mehr werd' ich den Kasten füllen." Der Aufschrift, die der Mann geschrieben, Ist er allzeit getreu geblieben. Er gab und wirkte ohne Rasten Und immer voller ward der Kasten. Da sprach er einst: „All diesen Segen Giebt Gott mir nur der Armen wegen. Und Hab' das Gut ich zu verwalten, Darf ich neun Zehntel mir behalten? Mir steigt es schamroth in die Wangen, Wenn Arme Brod von mir verlangen. Ich geb's — sie rühmen mein Erbarmen, - Und doch bin ich der Gast der Armen." U Fitterarische Mittherlungen. — Unter einer Reihe von Dokumenten über die Thätigkeit von Holzschneidern in Venedig publiziren Duc de Rivoli und Charles Ephrussi in der „Gazette des Beaux-Arts“ 1890 1. p. 494 ff. auch zwei Bruchstücke der Bittschrift eines jüdischen Künstlers an den Rath der Zehn in Venedig, die für die Leser dieser Zeitschrift sicher von großem Interesse sein werden. Leider sind in dem betreffenden Artikel nur einige Sätze des Dokuments wiedergegeben, die aber wohl beit wesentlichen Inhalt des Schriftstückes bilden werden. Gelegentlich soll dasselbe vollständig, allein oder im Zusammenhänge mit anderen bezüglichen Dokumenten, veröffentlicht werden. Doch schien es zweckmäßig, schon jetzt die Aufmerksamkeit der Forscher auf dies in mehrfacher Hinsicht interessante Schriftstück zu lenken. Wir geben hier die Sätze in sinngetreuer Uebertragung wieder: „Ich, der Hebräer Moses aus Castellaro, habe mich schon seit vielen Jahren in Eurer berühmten Stadt damit beschäftigt, Bildnisse von Edelleuten und von berühmten Männern anzufertigen, damit man für alle Zeiten eine Erinnerung an sie habe. . . ." Er sei nun schon alt und habe eine zahlreiche Familie - um sich und die Seinigen zu ernähren, habe er ein Werk begonnen, für das er ein Privileg des Rathes der Zehn erbitte: „Ich habe meine Söhne eigenhändig alle Begebenheiten aus den 5 Büchern Mosis in Holz schneiden lassen, von der Schöpfung an von Kapitel zu Kapitel mit Erklärungen der Bedeutung und der Zeit der Vorgänge in mehreren Sprachen. Und so werden wir, wenn Gott will, auch die übrigen Bücher des alten Testamentes darstetten, für Alle verständlich, so daß sie Alle Belehrung und Nutzen davon haben werden." Im Juli 1521 wird dem Bittsteller das erbetene Privileg gegen den Nachdruck seines Holzschnittwerkes vom Rath der Zehn bereitwilligst gewährt. Das in Rede stehende Werk des Moses hat sich bisher noch nicht Nachweisen lassen. Gewiß waren er und seine Söhne nicht die einzigen Juden im 15. und 16. Jahrhundert, die sich mit der Anfertigung von Holzschnitten beschäftigten. Die Holzschneidekunst stand in dieser Zeit in engster Beziehung zur Buchdruckerkunst, in der ja die Juden bekanntlich Tüchtiges geleistet haben. Es ist wahrscheinlich, daß auch die Holzschnitte in hebräischen Büchern von jüdischen Xylographen hergestellt worden sind. Es wäre daher höchst wünschenswerth, daß die Bibliographen der hebräischen Litteratur auf jene Bücher mit Holzschnitten (besonders Haggaden rc.) ihr besonderes Augenmerk richten. P. K. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Vauchwitr in Berlin.

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