Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1891)
- Date
- 1891-02-12
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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83 \ „Er ist wohl zu Dir gekommen Rabbi, damit Du seine arme Seele erlösest," meinte einer der Dajjanim. Der Rabbi aber rief durch den Laden: „Kehre nur einstweilen wieder in die Erde zurück. Ich verspreche Dir, Alles zu thun, was in meiner Macht steht, damit Du Deine Ruhe findest." „Hol Dich doch der Teufel mit sammt Deinen Dajjanim!" dachte Naphtali bei sich selber. Mit lauter Stimme aber begann er: „Ich bin ja noch gar nicht gestorben. Ich lebe so gut wie Du. Latz mich doch nur in Dein Haus treten, damit ich mich ein wenig wärmen kann." „Du siehst, Rabbi, daß Deine Beschwörungen nichts helfen!" sagte einer der Dajjanim zum Hausherrn. „Mein Rath ist deshalb, wir wollen ihm die Thür öffnen, Wir haben ja hier zwei Thorarollen, zudem noch an der Thür die Mesusoth, und so kann das Böse ja keine Gewalt über uns haben. Latz ihn also eintreten; dann wollen wir ihn beschwören, daß er die Lebenden nimmer beunruhegen möge." Einige Minuten berathschlagten die Drei nun, was mit dem Gespenst anzufangen sei, und endlich wurde beschlossen, die Thür zu öffnen und den todten Naphtali einzulaffen. Der Rabbi, der als großer Kabbalist bekannt war, gebot den beiden Anderen, sich in ihre Betmäntel zu hüllen; er selber legte sich ebenfalls den Talith um die Schultern und nahm die Thorarollen zur Hand; so hoffte er, würde das Gespenst ihm nichts anhaben können. „Rabbi Schlomo mach die Thür auf!" gebot nun der Oberrabbi einem der Dajjanim. Aber Rabbi Schlomon stand ans seinem Platz wie festgenagelt und fürchtete sich, der Thür zu nahe zu kommen. „Also geh Du, Rabbi Schmaja!" rief der Oberrabi seinem zweiten Gehilfen zu. Aber auch Rabbi Schmaja erwies sich als Hasenfuß. Da rief Rabbi Schlomo dem Oberrabbi zu: „Es ist Deine Pflicht, Rabbi, das Gespenst einzulaffen, denn Deine Thora wird ihm einen Schreck einjagen, und es wird nicht wagen, Dir etwas Böses zu thun." Aber auch der fromme Oberrabbi fürchtete sich, die Thür zu öffnen. „O Rabbi! erbarme Dich meiner! Ich komme um vor Kälte!" flehte nun wieder draußen vor der Thür der schlotternde Naphtali. Zitternd und zagend stand der Oberrabbi mit seinen beiden Gehilfen da, und alle Drei umfaßten krampfhaft ihre. Betmäntel, aber Keiner rührte sich vom Fleck. Da ermannte sich endlich Rabbi Schlomo und meinte: „Gehen wir alle Drei!" „Wohlan! gehen wir alle Drei!" rief auch Rabbi Schmaja und so wurden die Riegel zurückgeschoben und die Thür ging auf. Aber kaum trat Naphtali, über und über mit Schnee bedeckt, in die Stube, so ergriff eine entsetzliche Furcht die drei großen Schristgelehrten, denn sie meinten, der Verstorbene stehe in seinen weißen Leichentüchern vor ihnen. Dem Rabbi Schmaja fiel das Licht aus den Händen und löschte aus. Die Finsterniß machte aber die Angst der drei Beschwörer nur größer. Der Oberrabbi drückte seine Thorarolle an die Brust und rief mit donnernder Stimme: „Ich beschwöre Dich, Du arme Seele, ich beschwöre Dich bei dieser heiligen Thora, daß Du augenblicklich dieses Haus verlassen sollst." „Im Namen des Metathron, des Fürsten des göttlichen Antlitzes beschwöre ich Dich, daß Du in Dein Grab zurückkehrst!" schrie nun auch Rabbi Schlomo zähneklappernd. Dem Rabbi Schmaja aber war vor Schreck das Wort in der Kehle stecken geblieben. „Seid Ihr Alle verrückt geworden!" rief nun Naphtali seinerseits in den Wirrwarr hinein. „Was erschreckt Ihr denn so vor mir? Wer hat Euch denn überhaupt aufgebunden, daß ich tobt sei. Ich bin ja so lebendig wie Ihr Alle. Wo ist denn das Licht? Gebt her! ich will es anbrennen, ich habe Streichhölzer bei mir." Und wirklich zündete er ein Streichhölzchen an. Da sah er, daß die beiden Dajjanim sich unter den Tisch verkrochen hatten, während der Oberrabbi immer noch todtenblaß mitten im Zimmer stand. Sobald die beiden Dajanim unter dem Tisch den Feuerschein gewahrten, sprangen sie auf und stürzten Hals über Kopf davon. Unglücklicher Weise geriethen sie aus ihrer Flucht aber in ein Zimmer, wo des Rabbi Familie schlief. Sie fuhren nun auf und es gab ein fürchterliches Durcheinander. Besonders als die Weiber hörten, der todte Naphtali spuke im Hause, ging ein wahrer Höllenspektakel los. „Hol' Euch Alle der Teufel!" rief da der alte Naphtali in. das allgemeine Geschrei hinein und verließ das Haus. „Ich will ins Bethaus gehen und dort übernachten," dachte er bei sich selber. „Dort kann ich bis zum Morgen bleiben, und dann wird sich ja das Räthsel meines Todes wohl aufklären." Und also that er. So legte sich denn Naphtali, in seinen Pelz gewickelt auf eine Bank neben dem Ofen und schlief sogleich ein. Als der Oberrabbi hörte, daß das Gespenst das Haus verlassen, schloß er geschwind die Thür. Dann zündete er Licht an und versammelte seine Hausgenossen um sich. „Fürchtet Euch doch nicht, Ihr Thoren", sprach er dann zu ihnen. „Ich habe das Gespenst verjagt. Darum kann ich mit Stolz von mir sagen: „Ich habe mit einem Todten gerungen und habe ihn überwältigt." (Schluß folgt.) 9 Vorsichtige Schweigsamkeit. Von Kirchenrath Dr. M. v. Wassermann. In das Coupe eines der an einem schönen Sommermorgen des Jahres 1852 von München nach Innsbruck gehenden drei Eilwagen waren zwei Männern von noch nicht vorgerücktem Alter ihre Plätze angewiesen worden. Jeden von ihnen begleitete ein, wenn auch nicht gallonirter, doch sehr wohlgekleideter Diener zum Wagen und reichte ihm den schön gestickten Reisesack hinein. Man war daher 31t dem Schluffe berechtigt, daß Beide den sogenannten besseren Ständen angehörten. Sie grüßten einander höflich und richteten sich auf ihren Sitzen ein, und so lange der Wagen auf dem Straßenpflaster raffelte wurde keinerlei Versuch zu Anknüpfung eines Gesprächs gemacht. Sobald sie aber die Stadt hinter sich hatten tntb auf der sandigen Straße nach Starnberg hinfuhren, begann der eine den Gegenstand der Unterhaltung, an welchem alle Menschen viel und die auf der Reise Begriffenen besonders viel Jntereffe haben, zur Anbahnung eines solchen heranzubringen. Er sprach seine Freude aus über das prachtvolle Wetter, bei welchem sie ihren Weg angetreten hätten, und wie das ganz dazu angethan sei, auch die Seele heiter zu stimmen und frohe Erwartungen für den Verlanf und Erfolg der Reise zu erwecken. Sein Reisegefährte überließ ihn: den Hymnus auf den blauen Himmel und hellen Sonnenschein ganz allein, ergab seine Zustimmung nur durch ein Kopfschütteln oder ein kurzes »Ja, ja" zu erkennen. Das schreckte jedoch den Andern nicht ab. In seiner frohen Laune schien ihm ein leichter Meinungsaustausch Bedürfniß zu sein, er suchte daher einen solchen über ein anderes naheliegendes Thema herbeizuführen. Er erzählte, daß er vor noch nicht ganz zwei Jahrzehnten beim Antritt einer Studienreise durch Italien diesen Weg mit dem