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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-12 · Heft 7 (12.2.1891) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 7 (12.2.1891)
Date
1891-02-12
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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82 dadurch entmuthigt und von Fortsetzung und Vollendung des Ganzen abschrecken ließen. Aber ich hoffe zuversichtlich, daß Sie in Leipzig einen einsichtsvollen Verleger finden, der über den Augenblick hinausblickt. Zu Ihrer Ermuthigung kann ich Ihnen von mir selbst sagen, daß meine „Weisheit der Brahmanen", die jetzt einen ganz leidlichen, wenn auch stillen und nicht ganz besonders glänzenden Erfolg hat, im Anfänge gar viele Jahre ganz unbeachtet geblieben war. Ihrem Ahasverus wünsche und prophezeie ich ein Rühmliches und zweifle nicht an seiner vorläufigen Unterbringung, zumal wenn Sie einstweilen, wie Sie erklären, aufs Honorar verzichten wollen, das Sie jedoch für Erfolg der Zukunft sich Vorbehalten müssen. Also Muth und vorwärts! Lassen Sie mich bald von gutem Erfolge hören! Neuseß bei Coburg, 12. Aug. 1865. Ergebenst Rückert." Man glaube ja nicht, daß Rückert gegen Jedermann sich so entgegenkommend zeigte, wie gegen Heller. Der bescheidene, stille und träumerische Prager Poet berührte ihn, wie gesagt, sehr sympathisch. Wo dies nicht der Fall war, oder wenn er dreister Ueberhebung begegnete, konnte er sehr zugeknöpft und sarkastisch sein, wie dies schon das folgende Beispiel beweist. In Leipzig lebte ein Dichter B., der an Rückert wegen Beitrüge zu einer dichterischen Blumenlese noch ungedruckter Gedichte der besten der jetzt lebenden Lyriker Deutschlands schrieb. Er hatte seinen! Schreiben zugleich das Namensverzeichniß derjenigen, von welchen er Beitrüge aufzunehmen gedachte, sowie ein Verzeichniß der bereits für den Druck bestimmten Gedichte beigelegt. Rückert bemerkte sogleich, daß B. von sich selbst eine ziemlich große Anzahl Gedichte aufgeführt und in einer Note weise darauf hingewiesen hatte: „man werde dies entschuldigen, er habe nur den dringenden Bitten der Freunde der Poesie nachgegeben, übrigens habe ihn ja die Kritik als den ersten jetzt lebenden deutschen Lyriker bezeichnet. Rückert machte aber auch die Wahrnehmung, daß die Namen mehrerer tüchtiger junger junger Lyriker fehlten, und fragte deshalb bei B. an. Dieser meinte: „Sie sind dem großen Publikum zu wenig bekannt." Rückert erwiederte in seiner ironischen Weise: „Es ist mein Grundsatz, beiZeiteü aufzuhören, d. h. nicht mit dem Dichten — dichten werde ich, so lange ich lebe — wohl aber mit dem Veröffentlichen dessen, was ich dichte. Gönnen wir den unverdienter Weise weniger Bekannten Raum! . . Ich wenigstens kann Ihnen keinen Beitrag für Ihre Blumenlese zusichern, bevor ich nicht Gewißheit habe, daß .... und .... den verdienten Platz darin erhalten!" B. mochte, nebenbei gesagt, seine Gründe haben, diesem Rathe nicht zu folgen, und so findet sich denn in der poetischen Blumenlese noch ungedruckter Gedichte der besten jetzt lebender Lyriker Deutschlands auch der Name Friedrich Rückert — nicht! Es wäre zu wünschen, daß der Nachlaß Hellers veröffentlicht werden würde; gewiß würden dann so manche interessante Briefe Rückerts und anderer Geistesheroen an ihn ans Tageslicht befördert werden! Sicher aber — und das erscheint uns noch viÄ wichtiger — würden dann seine poetischen, aus tiefstem Verständniß des hebräischen Sprachgeistes, aus inniger, jüdischer Empfindung, aus hoher, poetischer Begeisterung entstandenen Uebertragnngen der hervorragendsten Dichtungen der neuhebräischen Poesie das Licht der Welt erblicken und der Mitwelt das Bild einer religiösen Dichtung enthüllen, die ihr bisher so gut wie gar nicht bekannt war. U FEUILLETON Uache ist süß. Humoreske nach dem Hebräischen bearbeitet von Dr. S. Mandelkern. (Fortsetzung.) Da Naphtali sah, daß ihm nichts Anderes übrig blieb, wenn er nicht die ganze Nacht in der Kälte stehen wollte, so folgte er dem Rath des Kutschers und pochte bei einem seiner Nachbarn an. „Wer pocht denn so spät?" rief der Hausherr übellaunig. „Rabbi Schmarja, öffne mir und laß mich bei Dir eintreten!" antwortete Naphtali. „Wer bist Du denn?" fragte Rabbi Schmarja. „Ich bin Naphtali Schöne Güteles. „Naphtali! Naphtali! Weh mir! kehre in Dein Grab zurück, geh zu Deinen Tobten unter die Erde und beunruhige nicht die Lebendigen!" Also rief Rabbi Schmarja erbebend und rannte fort, um sich unter seinem dichten Federbette zu verkriechen. Aber nun wurde die Sache dem Rabbi Naphtali zu bunt. „Was ist das?" rief er. „Warum schicken mich Alle ins Grab und zu den Todten. Wollen sie sich über mich lustig machen?" Naphtali machte den Versuch, noch bei einigen andern Nachbarn anzuklopfen. Aber überall erhielt er dieselbe Antwort. Me beschworen ihn, er möge in sein Grab zurückkehren. „Ich bin schon halb erstarrt vor Frost," erinnerte der Kutscher. „Auch meine Gäule sind müde und hungrig. Ich muß mich daher nach einer Herberge' Umsehen und bin gezwungen, Euch zu verlassen, Herr." „Geh' nur!" antwortete Naphtali seufzend. „Ich will mich zum Oberrabbi begeben, der, wie ich weiß, bis Mitternacht in der Thora zu studiren Pflegt; dem will ich erzählen, was mir begegnet ist, und er soll mir Aufklärung geben über das sonderbare Verhalten der Serebrjansker." Also fuhr der Kutscher davon, und Naphtali begab sich zum Hause des Oberrabbiners. Vor dem Hause angekoinmen, blickte er durch einen Spalt des Fensterladens und sah, daß der Rabbi mit zwei seiner Gehilfen im Zimmer saß, und daß alle Drei in eifriger Unterhaltung begriffen waren. Naphtali pochte also an den Fensterladen. Da trat einer der beiden Dajjanim ans Fenster und fragte: „Wer pocht da?" „Erbarmet Euch ineiner, mitleidige Israeliten, und laßt mich ein; denn ich kann mich vor Frost kaum noch auf den Füßen halten." „Rabbi! Rabbi! Ich höre die Stimme des Naphtali Schöne Güteles!" rief der Dajjan ganz entsetzt. Da ward auch der fromme Oberrabbi leichenblaß, und der Dajjan fragte weiter den Draußenstehenden: „Wer bist Du?" „Ich bin Naphtali." Nun schnellten der Oberrabbi und die beiden Dajjanim von ihren Sitzen auf. Einige Zeit blieb es ganz stille. Dann aber ermannte sich der Rabbi und rief: „O Du unreiner Geist! wie wagst Du es zu mir zu kommen. Hast Du denn vergessen, daß ich ein frommer Rabbi bin in Israel? Wer gab Dir die Erlaubniß, an meine Thür zu pochen? Mach', daß du schleunigst in dein Grab zurückkommst!" „Nein, Rabbi, das will ich nicht!" rief Naphtali, „und ich schwöre Dir, so wahr ich ein Jude bin, daß ich nicht von der Stelle weichen werde, bis Du mir Deine Thür öffnen und mich zu Dir eintreten läßt."

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