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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-12 · Heft 7 (12.2.1891) · p. Seite 81

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 7 (12.2.1891)
Date
1891-02-12
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
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81" Wer vermöchte nicht aus diesen wenigen Umrissen die scharfen und markanten Züge der geistigen Physiognomie Lessings zn erkennen? Leider kam Mendelssohns Absicht, eine erschöpfende Charakteristik des verstorbenen Freundes zu geben, nicht zur Ausführung. Noch während er in der Vorbereitung zu der Arbeit begriffen war, erschien schon Herders Aufsatz über Lessing im „Merkur", gewiß, wenn wir von Ludwig Börnes erhabener Todtenklage, seiner berühinten „Denkrede auf Jean Paul", absehen, der herrlichste und rührendste Nachruf, den die deutsche Litteratur aufzuweisen hat. Mittlerweile erwartete Mendelssohn die Korrespondenz aus Lessings Nachlaß, um sie für seinen Zweck zu benutzen; doch blieb diese länger aus, als ihm lieb war. Und so entwarf er vorläufig nur die Hauptzüge zur Charakteristik des Freundes; doch wurde aus diesem Bruchstück niemals ein Ganzes. Dasselbe gelangte dann in die Hände Karl Lessings, welcher es bei der Biographie seines Bruders („Lessings Leben nebst seinem noch übrigen litterarischen Nachlaß", 3 Bände, Berlin, 1793), der eigentlichen Quelle aller späteren Lessing-Biographien, benutzte. 9 Seligrnann Heller und Friedrich Rückert. Von Reinhold Berger. Diese Zeitschrift hat s. Z. des trefflichen Kritikers und Dichters des „Ahasverus", der im Anfang des vorigen Jahres aus dieser Welt abberufen wurde, gedacht; aber der vorzügliche Mensch und Poet verdient es, daß nochmals mit einigen Worten auf ihn hingewiesen, daß auf sein Grab noch ein Kranz gelegt werde. Vielleicht wird diese Erinnerung ein Scherflein dazu beitragen, daß S. Hellers Hauptwerk, der „Ahasverus", auf's Neue gelesen wird, und die Zeitgenoffen dessen inne werden, daß er weit über das Niveau der Durchschnittsbegabung hinausragte und von den Besten seiner Zeit anerkannt wurde. Sechsunddreißig Jahre war S. Heller alt, er war Lehrer an der Talmud-Thora-Schule in Prag, als 1867 der „Ahasverus" in Leipzig erschien. Neben vielfachem Tadel fehlte es dem jungen Dichter auch nicht an lebhafter, zuweilen begeisterter Zustimmung. Zu den wärmsten Förderern seiner Muse gehörte u. A. der große Lyriker, Sprachbaumeister und Orientalist Friedrich Rückert. Stets bereit, junge wirklich poetische Kräfte aufzumuntern und zu fördern, fühlte er sich zu eigenartigen Poeten mächtig hingezogen. . Ja, dieser Heller mit seiner riesigen Einbildlmgskraft und seiner kühnen Sprache war ganz der Mann nach seinem Herzen. War doch Rückert selbst, diese herkulische Gestalt mit dem markigen Antlitz, ein echter deutscher Recke! Rückert hatte u. A. auch noch die gute Eigenschaft, daß er über litterarische oder dichterische Erzeugniffe ihm lieber Menschen sehr eingehend und gewiffenhaft schrieb; seine selbstlose, reine Natur war eben die verkörperte Liebenswürdigkeit. So kam es, daß er auch über „Ahasverus" in zwei langen, sehr interessanten Briefen an den Verfasser sich äußerte. Diese beiden Zuschriften, welche Heller dem Prager Gelehrten und Schriftsteller H. Joseph Landau geschenkt hatte, sind für den Absender wie den Adreffaten gleich ehrenvoll. Sie lauten: „Verehrtester Herr! Ich muß sehr tim Entschuldigung bitten, daß ich Sie so lange über Ihren Ahasver im Ungewissen lassen konnte. Sogleich bei seiner Ankunft zwar begann ich zu lesen, angezogen vom mächtigen Gegenstand und der schweren Form zugleich. Aber es schob 'sich was dazwischen, und so eins ums andere, was mich verhinderte, damit fortzufahren, wozu noch die gar schlechte Beschaffenheit meiner Augen kommt, die mir eigenes Lesen kaum erlaubt; aber zum Vorlescnlassen von einem nicht kunstgcübten Vorleser eignet sich solch ein Kunstwerk nicht. Nun aber habe ich alles gelesen, mit Aufmerksamkeit', voll Theilnahme, und bin sehr befriedigt, ja in allen meinen Erwartungen übertroffen. Sie haben den großen Gegenstand groß behandelt und ihm einen unerwartet glücklichen Ruhepunkt gegeben, von wo aus auch fortgefahren werden kann. Ahasver beim Antonius in der Wüste ist ein sehr glücklicher Gedanke. Die Handhabung der schwierigen Form betreffend, finde ich sie in der That meisterlich. Sie haben sich das Schwere nicht leichter, sondern noch schwerer machen wollen durch strenge Reinheit des Reims und den ständigen Wechsel von männlich und weiblich, sogar von Gesang zu Gesang. Diese starre Geradlinigkeit kommt dem ganz eigentlich architektonischen Versmaße wohl zu, ebenso die Gleichheit der Vierzeilen jedes Gesanges. Schade, daß nicht den 40 Gesängen auch 40 Terzinen jedes Gesanges entsprechen, statt jetzt 39, was wohl eine Rücksicht auf die Anordnung des Druckes ist. Bei der höchst gewandten Handhabung des Reimes ist mir nur eins anstößig gewesen, daß Sie an mehreren Stellen, zuerst S. 7 und 12, einen in zwölf Terzinen vertheilten Reim in den beiden folgenden fortsetzen. Das scheint mir doch den streng gemeffenen Fortschritt zu stören. Noch eins: bei Einflechtung altüberlieferter Aussprüche hat Vers und Reim ein paarmal das scharfe Gepräge zu sehr verwischt, z. B. S. 139: „in hoc signo vinees“ — „Mit diesem sollst in sichern Sieg Du gehen" statt: „In diesem Zeichen sollst Du siegen". Dazu ergiebt sich leicht in der ersten Zeile „fliegen" statt „stehen"; und auch das Vorhergehende: „Er hat es deutlich ja gesehen", wird sich leicht zu iegen" umbiegen lassen. Größere Einwendungen habe ich nicht zu machen, aber desto größeres Lob zu spenden. So weit, was die Form angeht. Die Leitung der Geschichte von einer zur anderen bedeutenderen Szene hat im Ganzen meinen Beifall, nur kommt Ahasver hin und wieder blos gelegentlich in Erwähnung, da doch Alles an ihm Vorbeigehen sollte. Im Anfang ist er, wie freilich natürlich nnd nothwendig, vom alten Glauben vielleicht gar zu sehr befangen, wodurch die Synhedristen-Szenen sich so breit machen, worin doch nur das überwundene Alte sich als Ewiges geberdete. Doch kommt Ahasver glücklich darüber (und über sich selbst) hinüber zum Neuen, dem die Zukunft der Welt gehört. Die kirchengeschichtlichen Einzelheiten sind freilich unerquicklich genug; das konnten Sie nicht ändern, auch wohl nicht übergehen. Nun, es kommt ja Alles zur Versöhnung beim Antonius, und den hohen freien Standpunkt der Ansicht haben Sie schon in den Eingangsversen angedeutet. Ich wünsche Ihnen vom Herzen Glück zu Ihrer kühnen Leistung und daß Sie auch bei dem Publikum viel Freude daran erleben mögen. Neuseß, den 7. Mürz 1865. Ergebenst Fr. Rückert." Der zweite Brief ist besonders für die dichterischen Verhältnisse jener Zeit bezüglich der Verbreitung belletristischer Werke von besonderem Interesse. Rückert schreibt dem Verfaffer des „Ahasver" fünf Monate darauf den nachstehenden Trostbrief: „Hochgeehrter Herr! Daß Ihr so großartiges, im höchsten, kühnsten und strengsten Styl aufgebautes Kunstwerk, Ahasverus, nicht alsbald bei seiner Erscheinung einen bedeutenden Anklang bei unserer, an leichtere Sächelchen gewöhnten Leserwelt finden werde, konnte ich mir wohl im Voraus denken. Daß der erste Erfolg selbst hinter Ihren bescheidenen Erwartungen zurückgeblieben, würde ich sehr bedauern, wenn Sie sich

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