Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-12 · Heft 7 (12.2.1891) · p. Seite 80

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 7 (12.2.1891)
Date
1891-02-12
Page
Seite 80 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227885--47718-3270197
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

80 ihn kannte, in so verschiedenen äußeren Umständen und Lagen nie über Undank seiner Zeitgenosien beschwert, nie beklagt, daß ihm nicht Gerechtigkeit widerfahre, daß seine Verdienste nicht belohnt würden und dergleichen Beschwerden, die so mancher mit weit geringerem Recht von sich hören läßt. Die Worte „Ich" und „Mein" war ich gewohnt, aus seinem Munde so selten als möglich zu vernehmen. Auch waren seine Briefe allezeit lebhaft, gedankenreich und von gediegenem Inhalt. Alle Arten von Laune war ich an ihm gewöhnt, nur niemals Niedergeschlagenheit und Mißmuth. Er war allezeit der tröstende, nie der trostsuchende Freund. Und nun — ich kann die widrige Empfindung nicht beschreiben, die ich hatte, als mir folgende Zeilen einen ganz anderen Mann zu erkennen gaben, einen, gebeugten, abgehärmten, endlich unterliegenden Kämpfer, einengleichsam müde gejagten, verschmachtenden Hirsch, der endlich hinfinkt und sein edles Geweih muthlos in den Staub legt." Dann theilt Mendelssohn den Brief mit, den letzten, den er von ihm empfangen, und der in der That höchsten Mißmuth und Niedergeschlagenheit athmet: -- „Ich glaube nicht, daß Sie mich als einen Menschen kennen, der nach Lob heißhungrig ist. Aber die Kälte, mit der die Welt gewissen Leuten zu bezeugen Pflegt, daß sie ihr auch gar nichts recht' machen, ist, wenn nicht tödtend, doch erstarrend.... Auch ich war damals ein gesundes, schlankes Bäumchen und bin jetzt ein so fauler,.; knorrichter Stamm! Ach, lieber Freund! diese Szene ist aus! Gern möchte ich Sie freilich noch einmal sprechen! Wolfenbüttel, 19. Dezember 1780. Lessing." Als Mendelssohn den Tod des Freundes erfuhr, schloß er seinen" Schmerz in sich wie ein nicht zu entweihendes Heiligthum, das er vor der Welt bewahren müsse. Erst nach mehreren Tagen war er im Stande, an den Bruder des Verstorbenen, Karl Lessing, jenes Schreiben zu richten, das nicht wie eine sanft rührende Elegie uns anmuthet, in der zwar alle leidenschaftlichen Schmerzenstönc verbannt-, sind, die aber das verklärte Bild des Freundes wiederstrahlt, sondern das »»s wie der ruhige und gefaßte Nachruf eines echten Weisen berührt, der selbst durch sanfte Klage das hehre Bild des Geschiedenen nicht trüben möchte. „Nicht ein Wort, mein Bester! von unserm Verluste, von. der großen Niederlage, die unser Herz erlitten. Das Andenken" des Mannes, welchen wir verloren, ist mir zu heilig, umes jetzt durch Klagen zu entweihen. Es erscheint mir nunmehr in einem Lichte, das Ruhe lind erquickende Heiterkeit ans die Gegenstände verbreitet. Nein! ich rechne nicht mehr, was ich durch seinen Hintritt verloren. Mit gerührtem Herzen danke ich der Vorsehung , für die Wohlthat, daß sie mich so früh, in der Blüthe meiner Jugend, hat einen Mann finden lasten, der meine Seele gebildet hat, den ich bei jeder Handlung, welche ich vorhatte, bei jeder Zeile, welche ich schreiben sollte, mir als Freund und Richter vorstellen werde, so oft ich einen Schritt von Wichtigkeit zu thun habe. Wenn sich in diese--. Betrachtung noch etwas Melancholisches mit einmischt, so ist es vielleicht die Reue, daß ich seine Führung nicht gehörig benutzt, daß ich nicht geizig genug war nach seinem lehrreichen Umgänge. ... Ach!- seine Unterhaltung war eine ergiebige Quelle, aus welcher man unaufhörlich neue Ideen des Guten und Schönen schöpfen konnte, die er wie gemeines Wasser von sich sprudelte, zu Jedermanns Gebrauch. Die Milde, mit welcher er seine Einsichten mittheilte, setzte mich zuweilen in Gefahr, das Verdienst zu verkennen: denn sie schien ihn in keine Unkosten zu setzen, und zuweilen schob er sie den meinigen so» mit unter, 'daß ich sie nicht mehr unterscheiden konnte. Ueberhaupt war seine Mildthätigkeit hierin nicht von der engherzigen Art mancher Reichen, die es fühlen lassen, daß sie Almosen ausspenden; sondern er spornte den Fleiß an und ließ verdienen, was er gab. Alles wohl überlegt, mein Liebster! ist Ihr Bruder gerade zur rechten Zeit gestorben; nicht nur in dem Plane des Weltalls zur rechten Zeit: denn da geschieht eigentlich nichts zur Unzeit, sondern auch in unserer engen Sphäre, die kaum eine Spanne zum Durchmesser hat, zur rechten Zeit. Fontanelle sagt von Kopernikus: er machte sein neues System bekannt und starb. Der Biograph Ihres Bruders wird mit eben dem Anstand sagen können: er schrieb „Nathan den Weisen" und starb. Von einem Werke des Geistes, das ebenso sehr über „Nathan" hervorragte, als dieses Stück in meinen Augen über Alles, was er bis dahin geschrieben, kann ich mir keinen Begriff machen. Er konnte nicht höher steigen, ohne in eine Region zu kommen, die sich unfern sinnlichen Augen völlig entzieht, und dieses that er. Nun stehen wir da. wie die Jünger des Propheten und staunen den Ort an, wo er in die Höhe fuhr und verschwand. Noch einige Wochen vor seinem Hintritt hatte ich Gelegenheit, ihm zu schreiben: er solle sich nicht wundern, daß der große Haufe seiner Zeitgenoffen das Verdienst dieses Mannes verkenne; eine bessere Nachwelt werde nach fünfzig Jahren daran lange Zeit zu kauen und zu verdauen finden. Er ist in der That mehr alsein Menschenalter seinem Jahrhundert vorausgeeilt." Wie wir aus den ferneren brieflichen Mittheilungen Mendelssohns entnehmen, hatte dieser gleich nach dem Tode Lessings die Absicht, den Heimgegangenen Freund in einer biographischen Studie zu charakterisiren, und wer wäre geeigneter zu einer solchen Arbeit gewesen? Wer war tiefer in sein eigenthümliches Geistes- und Herzensleben eingedrungen, wer hat inniger sich in die eigenartige Individualität des Freundes eingelebt? „Nur seine vertrautesten Freunde", schreibt Mendelssohn an Herder, „kannten ihn als einen von den seltenen Menschen, die besser sind, als sie scheinen wollen. Die Gleißnerei der Modesitten und der sogenannten guten Lebensart ist ihnen so zum Ekel, daß sie in ihrem Aeußerlichen lieber das Gegentheil davon annehmen und eine Art von Ungeselligkeit zur Schau tragen, daran ihr Herz nicht den mindesten Antheil hat." In ähnlicher Weise äußert er sich in einem Briefe an August von Hennings (vom 8. Mai 1781): „Die Welt kennt Lessings schriftstellerischen Werth, Wenige aber nur kennen seinen freundschaftlichen Werth; ja ich finde, daß sein moralischer Werth von Vielen sogar mißkannt wird. Auch die Begriffe von Tugend und Sittlichkeit sind der Mode unterworfen, und wer sich nicht nach den Modebegriffen seines Jahrhunderts schmiegen kann, der wird von seinen Zeitgenoffen verkannt und verschrieen. So viel scheint mir indeß außer allem Zweifel zu sein: Wenn irgend ein Mensch besser war, als er sich in seinen Schriften zu erkennen gab, so war es Lessing. Die am meisten wider ihn eingenommen waren, wußte er in einer Stunde persönlichen Umgangs zu gewinnen, und gleichwohl ist ihm meines Wissens nie eine geflissentliche Schmeichelei aus dem Munde gegangen, ja er hatte sogar die — wie soll ich es nennen? — Bizarrerie, ein abgesagter Feind von der äußeren Höflichkeit zu sein. Seine gesellschaftlichen Tugenden bestanden vielmehr in echter Theilnahme, aufrichtiger Dienstbeflisienheit, in der äußersten Entfernung von Eigennutz und Eigendünkel und in der milden Bereitwilligkeit, einem Jedem mit seinem Reichthum an Begriffen so zuvorzukommen, daß man sich in einer Unterredung mit ihm allezeit scharfsinniger glaubte, als man wirklich war, ob man gleich nicht unterlassen konnte, dessen Ueberlegenheit innerlich recht sehr zu fühlen. Sarkastisch und bitter gegen jeden Geck, der die Wahrheit allein gefunden zu haben sich einbildete, war er liebreich und bescheiden gegen Jeden, der Wahrheit suchte, und zu allen Zeiten bereit, ihm mit seinem Vorrath zu dienen."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.