Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1891)
- Date
- 1891-02-12
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
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79 meister die erste und wichtigste Lektion sich zu eigen gemacht, zu Gemüthe geführt hat. Wie das geistige Leben eines jeden Volkes, so hat auch das eines jeden Menschen seine Ur- und Mythenzeit. Wo aber diese bei jenem wie bei diesem angefangen hat, wer wollte das bestimmen, wer nach den zu Tage tretenden Regungen des aufdämmernden Bewußtseins den Schleier des Vorlebens lüften oder die Zukunft untrüglich verkünden! Wir stehen hier vor dem brennenden Dornbüsche und vernehmen in heiliger Scheu die Mahnung: „Ziehe deine Schuhe aus, der Ort, worauf du stehest, ist ein heiliger Boden." Die Ergebniffe des Werdens und Wachsens treten vor dem Auge des sinnigen und objektiven Beobachters urplötzlich und überraschend in die Erscheinung — aber — „in das Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist". — Nachhelfen können und sollen wir — vorab zumeist durch Verhütung schädlicher Einflüsse, damit die eigentliche Wesenheit sich nach ihrer Eigenart, ihrer Natur entwickele, — weniger aber durch Beibringung von Bildungsstoffen, von denen wir noch nicht wissen, ob sie der Eigenart des sich entwickelnden Wesens entsprechen, — oder ob sie schon zeitgemäß sind. Mögen deshalb die Neulinge in den ersten Jahron, da sie ja am meisten lernen und am fleißigsten aus sich herauswachsen, ihre eigenen Lehrmeister sein. Das Zuviel ist bedenklicher, als das Zuwenig; die Heilung der durch das Erste angerichteten Schäden, wenn überhaupt noch möglich, erfordert' ein Ausscheiden der zartesten Wurzelfasern, und dieses verursacht Wunden und Weh, die Anwendling des Höllensteines lind des Scheidewasiers ätzt und brennt; — während dem Zuwenig bei gekräftigten Organen leicht nachgeholfen werden kann. Hier gilt so recht die Lehre Lessings von dem Guten, das zu nahe an das Böse grenzt. Gem wollen wir annehmen, daß die freudige Wahrnehmung an der lieben Meta, ihr Wohlgefallen an dem Stern eine zukünftige Kunstfreundin verspricht. Mehr aber als die Möglichkeit zuzugeben, das wäre verfrüht und bedenklich, Experimente auf Farben lind Formen machen zuwollen. — Nichts ist gefährlicher als das Experimentiren bei der Erziehnng und dem Unterricht. Das Objekt der Versuche wird, wie in der Medizin nnd in der Chemie, zu den Abgenutzten beiseite gebracht allenfalls mit dem Ruhme, ein Opfer für Andere, resp. zur Herstellung eines für die Industrie neuen Objekts der Spekulation geworden zu fein. Das neue Menschenleben ist kein Spielzeug, da sei Gott davor. Aus dem Vorgreifen und Voreifer könnten zu leicht Zerrbilder lmd das reine Wesen des Kindes vergiftende Karikatliren sich in den Seelenspiegel abdrücken. Dieser Gegenstand erfordert eine längere Darlegung aus der Praxis und dieses Schreiben würde sich weit ausdehnen; deshalb nur noch die kurze Ausführung. Das Auge des Kindes soll Schönes in Farben und Formen schauen und das Ohr nicht durch rauhe schrille Klänge, nicht von Wortzerrbildern berührt und genährt werden. Der innigste Lernsinn, das Gehör, mag wohl dem sanften Mutterlaut der Liebe und besonders dem Schlummerliede geöffnet sein und aufnehmen die Himmelsklänge, deren Saiten durch das ganze Leben hindurch dem goldenen Morgen nachklingen unb vielleicht noch in der letzten Stunde zum neuen Morgen hinüber tönen, wenn dem Scheidenden „zur Weltenreise Aurora die Füße netzt." — ' * Zu Lessings Todestag. (15. Februar 1781.) Von Moritz Brasch. Abends in der sechsten Stunde des 15. Februar 1781 war Gotthold Ephraim Lessing zu Braunschweig, wohin er sich vor wenigen Tagen von Wolfenbüttel begeben hatte, einem heftigen Anfall seines alten Leidens, dem Asthma, erlegen. Was für Mendelssohn der Tod Lessings, der ihm dreißig Jahre hindurch der treueste und vertrauteste Freund gewesen, bedeutete, ist unschwer zu errathen. Denn war auch der briefliche Verkehr in den letzten Jahren zwischen ihnen immer seltener geworden (der letzte Brief Lessings datirt vom 19. Dezember 1780) so blieb doch die Empfindung der Freunde für einander nicht minder warm und innig, wenngleich zuletzt Jeder in seiner Weise Wege gewandelt war, auf denen der Andere nicht zu folgen vermochte. Beruhte doch diese für die Geschichte unserer Litteratur so fruchtbare Seelengemeinschaft beider Männer auf dem unerschütterlichen Grunde innerster Wahrhaftigkeit, vor Allem aber auf der Gemeinsamkeit ihrer Humanitätsideale. Nicht nur im Temperament und Lebensführung, in geistiger Begabung und wissenschaftlicher Richtung wichen sie von einander ab, sondern auch in der Art ihrer Gesammtauffassung der Welt, wie es die Verschiedenheit ihrer menschlichen Individualität und ihres schriftstellerischen Charakters nothwendig mit sich brachte. Nicht ohne einen Tadel hat jeder der Freunde manches, was sich als nothwendiges Resultat der Natur des anderen ergab, mit angesehen und beurtheilt. Und dennoch lvich ihre gegenseitige Hochschätzung und ihre Liebe für einander in dem langen Zeitraum von dreißig Jahren und unter den für den Bestand menschlicher Freundschaft oft schwierigsten inneren und äußeren Situationen nur selten einem anderen Gefühl. Jene Gemeinsamkeit ihrer höchsten menschlich-sittlichen Ideale war der innerste Grund dieser Freundschaft und wieviel Mühe man sich neuerdings von gewisser Seite auch gegeben hat, jenes poetische Denkmal, das der eine Freund dem andern noch bei Lebzeiten errichtet, den „Nathan", dieses Charakters;u entkleiden, so wird doch eine streng historische Würdigung der Motive jenes Dramas anerkennen müssen, daß es Mendelssohn und seine eigenartige sittlichhumane Persönlichkeit war, die Lessing als Vorbild für den Titelhelden „jenes hohen Liedes der Humanität" vorgeschwebt. Weit entfernt jedoch, daß dieses dem tiefen ethischen Gehalt des „Nathan" Eintrag thun sollte, scheint vielmehr in der poetisch-idealen Verbildlichkeit, zu der ihm diese bestinunte historische Persönlichkeit die Züge lieferte, eine Gewähr für das Menschlich-wahre und Wahrhaft-menschliche jenes dramatischen Charakters zu liegen. Nur noch selten, lvie oben bemerkt, hatten die beiden Freunde in letzterer Zeit mit einander korrespondirt. Der Tod der geliebten Frau, die steigende Verbitterung über die von allen Seiten auf ihn eindringenden polemischen Angriffe machten Lessing, den sonst so offenen, den Berliner Freunden gegenüber verschlossen, wortkarg und wenig mittheilsam. „Seit einigen Jahren," sagt Mendelssohn, „hatte weder ich noch unser beiderseitiger Freund Nicolai Schreiben von ihm erhalten, und er war uns einige Antworten schuldig. Dieses befremdete mich nun zwar nicht; denn er war, wie seinen Freunden bekannt, nie der rüstigste Briefschreiber, auch aber im Beantworten nicht pünktlich, wenn es blos um Freundschaftsversicherungen ohne weiteren Inhalt zu thun war. Indessen eröffnete ich doch desto begieriger das Briefchen, das mir einige Wochen vor seinem Tode ein Unbekannter überreichte. Nun hatte sich Lessing, so lange ich