Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1891)
- Date
- 1891-02-12
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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■^■xm 78 Pädagogische Briefe über Erziehung und Unterricht. Von A. Treu, Seminarlehrer in Münster. „Etwas liegt in der Art, bie Gott dem Keime verliehen, Und etwas auch daran, wie du ihn wirst erziehen; Das Erste ist die Gunst, womit der Himmel schaltet; Das Andre ist die Kunst, mit der der Gärtner waltet." Rückert. n. Den Dank, geschätzte Freundin, den Sie mir für die Empfehlung der Lehrgeschichte von Berthold Auerbach zuschreiben, gebe ich Ihnen gern und wohlverdient zurück. Jede Empfehlung schließt, wenn auch nicht immer selbstsüchtige Eigenliebe, so doch mindestens eine Selbstgenugthuung ein. In der guten Aufnahme des Empfohlenen freut sich der Empfehlende über die Erfüllung eines Wunsches. Wenn Sie aber den Titel des empfehlenswerthen Werkes „Neues Leben" auf Ihre Jüngste — Ihre Meta, beziehen, so habe ich nichts dagegen, nur muß ich die Autorschaft dieser Anspielung ohne jeglichen Anspruch Ihnen ganz überlassen. Allerdings bringt jedes Kind neues Leben, neue Liebe ohne Abbruch gegen seine Vorgänger mit und gleicht in dieser Hinsicht einem neuen, originellen Originalwerke. — Freuen wir uns, wenn dieses unfern Geist mit neuen Gedanken in ansprechendem Gewände bereichert und unser Herz zu edlen Empfindungen anregt; so sollen an der Wiege des Kindes die drei Huldinnen: — das Wahre (mit dem Triebe zur Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit), das Schöne (welches in der uns veredelnden Kunst aufgeht) und das Gute (welches in der Menschenliebe seine Bethätigung findet) zum Empfange bereit stehen und ihm die Geleitschaft durch das ganze Leben geben. Diese drei Genien sind der Natur des Menschen gemäß, durch sie ordnet er sich über alle sichtbaren Wesen — und Alles, was ihnen widerstreitet, ist Abirrung und Zerrbild. — Der Liebe aber fallen die ersten und letzten Pflichten der Menschen zu, sie giebt die Lebenswärme und das Band in Leid und- Lust, während die Wahrheit mit dem Lebenslicht uns auf dem dunkeln Erdenpfade vorleuchtet. Die heilige Urkunde, das Erbe Jakobs, welches uns durch unfern großen Lehrer Moses Übermacht wurde, läßt einen Vater aus Liebe und Gehorsam seinen einzigen Sohn zum Opfertode führen. Es sollte allerdings nur eine Probe sein, — denn Menschenopfer sind in der Bibel selbst als heidnischer Brauch verboten — der Sohn war über seine ersten Jahre hinaus — er wurde nicht geopfert, sondern dem Vater zum zweiten Male geschenkt. Aber ach, bei der Heimkehr mußte der Vater über seine Gattin, der Sohn über den Verlust seiner Mutter trauern! Muß nicht jede Mutter zu einem höheren Opfer der Liebe bereit sein? — Wer giebt ihr die Versicherung ihres eigenen Lebens vor der Stunde, in welcher sie in Wonne und Weh ein „Neues . Leben" begrüßen soll? — Und wenn ihr dieses in ihre Mutterarme gelegt wird, dann erst fügt sich die Kette ununterbrochener Liebesopfer — in Sorge und Sorgfalt „bei Tag und bei Nacht", in Hitze und Frost, und es weichet der Schlaf von ihren Augen. Und was ist ihr Entgelt? Wie bewachen Aug' und Ohr das aufkeimende „Neue Leben", und wie forscht sie nach den Vorboten geistiger Regung? — Diese wahrzunehmen ist süße Entschädigung, um aus ihnen wieder den Mahnruf zu neuer und angespannter Vorsicht und Umsicht zu vernehmen. — Welches Aufjauchzen im Herzen der Mutter beim ersten Lächeln ihres Kindes, wenn es dabei die zarten Aermchen dreht, oder gar, wenn bei dem Lächeln andere als Schrei- und Weintöne, vielmehr Laute des Wohlbehagens seiner zarten Kehle sich entringen. Soll ich mich nun entschuldigen, geschätzte Freundin, weil ich mich bei dem Morgendämmern einer Seele etwas umständlich aufgehalten? Das darf ich ebensowenig, als Ihnen die Annahme zu kaffen — es könnten Ihre kurzen Mittheilungen bei mir einem Lächeln über Kleinliches begegnen. Ihre Beobachtung ist zur Freude berechtigt, und Sie müßten eben keine gute Mutter sein, wenn Ihr Herz bei dem ersten Lächeln Ihres — zwar nicht ersten — Kindes nicht höher schlagen dürfte. Lasten Sie die kaum zehn Wochen zählende Meta, die also den Nebel des „dummen Vierteljahres" noch nicht durchbrochen hat, erst recht unsere Aufmerksamkeit erheischen. Sie befindet sich ja noch und auch weiter auf eine Reihe von Monaten in dem Zeitalter der Souveränität. Auf jeden Wink dieser lieblichen Wesen sind Mutter, Vater, Geschwister und noch manche andere Personen lauschend und horchend bereit, sie machen Komplimente, sagen und fragen,- was Jene nicht verstehen, und was das Beste ist, nicht verstehen wollen. Gleichen sie doch hierin den Machthabern der Erde, gegenüber der Weisheit der Räthe und Höflinge, denen bedeutet wird: „Nicht meine Gedanken sind eure Pläne, — ich wandte meinen eigenen Weg." Ich getraue mir. die kurzen Andeutungen über Ihren Liebling zu einem kleinen Bilde auszumalen. Sie bringen ihre Meta auf dem Arme aus dem Warte- und Kinderzimmer in die Wohnstube und setzen sich an den Tisch. Das Kind liegt mit dem Gesichtchen nach oben gekehrt auf Ihren: Schooße. Sie nehmen an der Unterhaltung des kleinen Familienzirkels Theil. Da bemerken Sie — o Wunder, — die Kleine blickt starr nach der Decke — unverwandt nach dem bunten, von einem mattrothen Kreise umzogenen Stern, über den hinaus sich farbige Ranken und und andere Verzierungen ziehen. Alle schauen auf das Kind — ein zweites Wunder — um das Rosenmündchen der Kleinen spielt ein Lächeln, das erste in dem jungen Leben. Aber — die Umgebung läßt ihr freudiges Staunen verlauten — die Kleine wendet ihr Köpfchen abseits, als vermeide es den Beifall, oder schämte sich gar des voreiligen, unklugen Lächelns, — und nun das dritte Wunder, das Kind wendet seine Blicke wieder dem Lichte zu, dann nach der Decke, wo cs, wie Alle zugeben müffen, den Stern sucht, und noch mehr — es lächelt noch deutlicher, seiner zarten Kehle entringen sich Laute der Freude und des Wohlbehagens. Die Wunder werden als gute Vorzeichen gedeutet. Warum aber dieses Pochen des geistigen Lebens nicht „im Lager Dan" nicht an einem stehenden Gegenstände, nicht hervorgelockt durch ein farbiges Gemälde, sondern durch den Stern an der Decke oben? Das Kind lag ja bis jetzt zumeist, und jetzt zum wie vielten male an dieser Stelle, die Blicke nach oben gerichtet, — was eine gute und schöne Deutung zuläßt — auf dem Mutterschooße. Es haben die vom Sterne ausgehenden Form- und Farbenreize auf die inneren Spuren des Empfindungsvermögens durch die Wiederholung so stark gewirkt, daß die Spieluhr des Geistes die. ersten Anschläge offenbart hat. (Aus Ihren Zeilen muß ich auch entnehmen, daß sogar Meta die Stimme der Mutter schon heraushört.) Das geistige Auge und das geistige Ohr sind die eigentlichen Lernsinne; den Vorzug des arsteren an Klarheit und Lebendigkeit ergänzt das letztere durch Innigkeit und Stimmung, welche der Seele mitgetheilt wird. Daher auch die wichtige Rolle, welche die Bibel dem Ohr zuweist: „Wenn du hörest auf die Gebote." — „Höret, ihr Himmel, ich will reden, vernimm, o Erde, die Worte meines Mundes" u. s. w. — Die kleine Meta hat bewiesen, daß sie die Lern- und Lehrsinne schon früh übt und gebraucht und ohne Lehr-