Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1891)
- Date
- 1891-02-12
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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H Tradition darf ein Heide, der Nicht das Joch aller Gebote auf sich genommen, weder beschnitten werden, nach den Sabbath feiern. Deshalb wiederholte ich oft: „Der Stifter des Christenthums hat der Welt eine doppelte Wohlthat erwiesen, da er einerseits, wie schon erwähnt, mit aller Kraft die Lehre Mosis befestigt und deren ewige Verbindlichkeit mit Nachdruck betont, andererseits aber die Heiden von der Abgötterei entfernt und sie zur Beobachtung der sieben noachidischen Gebote verpflichtet hat, denen er Morallehren hinzufügte, in welchen er ihnen bekanntlich weit mehr Erschwerungen, als das mosaische Gesetz gebot, auferlegte." Ferner: „Die Vereinigung der Völker unserer Zeit kann als eine Vereinigung zu Ehren Gottes bezeichnet werden, deren Zweck ist, in der ganzen Welt zu verkünden, daß es einen Gott giebt, der Herr über Himmel und Erde ist, welcher belohnt und bestraft. Ihre Vereinigung hat deshalb Bestand, weil sie dem wahren Gott und seiner Thora Ehre erweisen und unter Völkern seinen Ruhm verkünden, die ihn nicht kennen und seinen Reif nicht gehört haben. Für diese edle Gesinnung kann der Lohn nicht ausbleiben." Eine solche Auffassung und Würdigung des Christenthums Seitens dieses jüdischen Gelehrten betrachten wir als ein Resümee aller bis auf ihn von Seiten der Rabbinen über das Christenthum ausgesprochenen Lehren und Meinungen, auf die er sich selllst beruft und deren Worte er zur Bekräftigung seiner Aeußerung anführt. Wir reihen hier noch die sehr beachtenswerthen Worte eines andern Gelehrten, Baruch Jeiteles zu Prag, an, der in seinem Aufsatze „Ein Blatt zur Heilung", HS'Hnb rbv, schreibt: „Die Völker der Christenheit haben unsere heilige Schrift zur Grundlage ihrer Religion; wie wir, glauben sie, daß Moses die Thora, das Gesetz am Berge Sinai empfangen; sie glauben an alle Worte der Propheten, an das Dasein Gottes, an Lohn und Strafe in der zukünftigen Welt. Die Gemeinden des christlichen Glaubens beobachten die Gesetze Gottes, halten sich fern von Blutschande, vom Raube und von Erpressungen, beobachten streng Recht und Gerechtigkeit, damit nicht Einer den Andern drücke und betrüge." Wir beginnen nun mit der Citirung dieser Zeugnisse für die Würdigung des Christenthums unter den Juden. a) Aus dem 10. Jahrhundert. Der Verfasse^ des im 10. Jahrhundert redigirten Buches „Tana de-be-Eliahu" leitet sein wichtiges 9. Kapitel mit den Worten ein: „Ich nehme Himmel und Erde zu Zeugen, daß alle Menschen, ohne Unterschied des Glaubens und des Standes, er sei Jude oder Nichtjude, ein Sklave oder freier Mann, nur nach ihren Werken zu beurtheilen sind und nur nach diesen des heiligen Geistes theilhaftig werden." An einer andern Stelle schreibt er: „Wer mit uns umgeht, sei unserm Bruder gleich; jede Uebervortheilung eines Nichtjuden ist streng verboten." „Wer mit Nichtjuden unredlich umgeht, entweiht den Nanren Gottes und macht seinem Gesetze Schande." Es werden hier nicht „Christen" namentlich erwähnt, aber der Verfasser versteht, da er in Italien gelebt hat, gewiß unter „Nichtjuden" vorzüglich die Christen. Deutlicher und ausführlicher sind dergleichen Aussprüche in späterer Zeit. b) Aus dem 11. Jahrhundert. Von den Gelehrten dieses Jahrhunderts nennen wir zuerst den berühmten Rabbiner Gerschom b. Je hu da (960—1028) zu Metz, der in seinen Anordnungen, Thekanoth, unter der Strafe des Bannes jede Betrügerei an Nichtjuden, in welcher Form und Gestalt auch immer sie verübt werde, verbot. Der zweite hier ist Salomo b. Jsak 1040—1105. Er lehrte, daß das Verbot, mit Heiden an ihren Festtagen zu verkehren, bei den Christen keine Anwendung hat, „denn", so schließt er, „die Gojim (Nichtjuden) unserer Zeit sind keine Götzendiener." Ebenso sprechen sich die französischen Tosaphisten dieses Jahrhunderts aus: „Man kann mit den Christen am Sonntage und an ihren anderen Festtagen verkehren (im Handel und Wandel), weil wir doch von ihnen wissen, daß sie keine Götzen verehren. So habe ja R. Juda seinem Freunde Abidram und Raba dem Barscheschach zu ihren Festen Geschenke gesandt, weil sie von ihnen überzeugt waren, daß sie keine Götzendiener gewesen." Mehr bringt . c) das 12. Jahrhundert. Aus demselben nennen wir den weithin berühmten Moses den Maimon (1135—1204), der aus Spanien nach Aegypten übersiedelte und als Leibarzt des Sultans in Alexandrien lebte. Derselbe hat an mehreren Stellen in seinem großen Werke „Jadha-Ehasaka" unter Hindeutung auf die Bekenner des Islams und des Christenthums Nachfolgendes wiederholt: „Die Bestimmung des Christenthums und des Islams ist, den Weg zu ebnen und die Welt sittlich zu vervollkommnen, daß sie Gott allesammt verehren, denn es heißt: „dann werde ich den Völkern eine geläuterte Sprache schaffen, damit sie Alle den Namen des Ewigen anrufen und ihm einmüthig dienen" (Zephania 3.9.). Denn die Welt wird voll von den Worten des Messias, denLehren derThora und den Verordnungen derGebote sein, die sich über die fernen Inseln hin, zu vielen Völkern erstrecken werden." Ferner: „Wer die Beobachtung der sieben noachidischen Gebote auf sich nimmt und auf deren Vollziehung bedacht ist, gehört zu den Frommen der Völker der Welt; er hat Antheil an der künftigen Welt (Seligkeit);" ferner: „Wer sich zur Vollziehung der sieben noachidischen Gesetze verpflichtet, ist der in der Schrift genannte „Proselyt-Einsasse", ger toschab. Man verkehre mit ihm in Liebeswerken und nach der Landessitte gleichwie mit einem Israeliten; auch sollen wir für dessen Lebensunterhalt sorgen." Daß zu diesen „Proselyt-Einsassen" auch die Christen gehören, erklärte ausdrücklich R. Isaak ben Scheschet (1400—1440) in seinen Responsen (Respons 119): „Die Christen sind unter die „Proselyten-Einsassen" zu rechnen." Deutlicher haben wir diese Angabe von dem um dieselbe Zeit lebenden Gelehrten R. Joseph Karo in seinem Buche „Bet Joseph" Choschen mischpat, 266: „Die Nichtjuden, Gojim, unserer Zeit gehören nicht mehr zu den im Talmud genannten Accum, Heiden, sie unterliegen nicht den sie betreffenden Gesetzen." Maimonides selbst spricht darüber in einem Briefe: „Man darf die Christen die Gebote der Thora lehren, denn sie glauben, daß diese unsere Thora von Gott durch unfern Lehrer Moses geoffenbart wurde, sie ist bei ihnen vollständig niedergeschrieben, nur manchmal wird sie von ihnen falsch ausgelegt. In einem andern Briefe an seinen Schüler Chisdai Halevi schreibt er: „Deine Frage, betreffend die Seligkeit der nichtjüdischen Völker, beantworte ich: „Wisse, daß Gott das Herz will; nur nach den Herzensgesinnungen sind die Dinge zu beurtheilen. Darum sagen unsere Weisen: Die Frommen der Völker der Welt haben Antheil an der zukünftigen Seligkeit, wenn sie das Angemessene über Gott wissen und ihre Seelen mit guten Sitten ausgestattet haben. Es ist übrigens an der Sache gar kein Zweifel, daß, wer seine Seele mit Lauterkeit der Sitten und mit dem rechten Wissen über Gott ausgestattet hat, gewiß zu den Söhnen der zukünftigen Welt gehört. Daher sprechen unsere Weisen, daß ein Heide, der sich mit der Gotteslehre beschäftigt, dem Hohenpriester gleich steht." Ferner: „Meine Meinung ist, daß man das keinem Oer Toschab (Heide, der die allgemein menschlichen Gebote übt) thun darf, sondern immer muß man ihm Recht werden lassen nach ihrem (nichtjüdischen) Recht. Ebenso ist meine Meinung, daß man mit einem solchen