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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-05 · Heft 6 (5.2.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 6 (5.2.1891)
Date
1891-02-05
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 welche in Sachen der Judenfrage Grenzen nicht mehr kennt, enthüllt die wahren Absichten der Petitionsstürmler und spricht von „Nüssen jüdischer Religion", von „ungewaschenen und ungekämmten polnischen Juden" u. dergl. m. Ob der Aerger der „Kreuz-Zeitung" vielleicht daher rührt, daß der Rektor der polytechnischen Hochschule, Geheimer Ne'gierungsrath Dr. Reuleaux, mit unter den Unterzeichnern des Aufrufs gegen die Antisemiten zu fiubeti ist? Fast scheint es so. Denn dieser Ausruf scheint es dem biederen Blatte angethan zu haben. Wenigstens sucht sie in einem Artikel, welcher den Aerger nur sehr schlecht verhehlt, die Wucht der 500 Namen dadurch abzuschwächen, daß sie die meisten der Unterzeichner als „homiues novi“ bezeichnet. Allerdings, wem Pickenbach und Böckel als Koryphäen gelten, der kann für die Bedeutung der Männer, die unter dem Aufruf stehen, kein Verständniß haben. * Hamburg, 29. Januar. Ueber Judenthum und Religion hielt Herr Dr. L. Wertheimer am 20. d. in der „Hammonia" den ersten der von ihm angekündiglen fünf Vorträge, welcher zunächst sein Programm enthielt. Wahrlich nicht ans Selbstbewußtsein, führte der Redner aus, sei er an diese ernste Aufgabe herangetreten, sondern erst nach langem Harren, da die Gefahr immer drohender werde. Der Antisemitismus sei der nächste Ausgangspunkt für ihn. Die Bedeutung desselben werde unterschätzt. Zwar sei an einen Widerruf der Emanzipation in unserem Vaterlande nicht zu denken, aber eine Vergiftung der Volksmeinung, eine gegenseitige Entfremdung sei zu befürchten, welche die thatsächliche Gleichstellung in der Gesellschaft auf lange hiuauszuschieben droht. Um so mehr sei es Aufgabe der Juden, welcherlei Richtung sie immer gngehören mögen, zum klaren Bewußtsein über ihre Lage zu kommen. Das Judenthum befindet sich sowohl hinsichtlich seiner bürgerlichen Stellung in unserem Volke, wie auch betreffs seiner inneren Entwickelung in einer Phase des Ueberganges. Der gesellschaftliche Ausgleich, welcher sich in unfern Tagen vollziehe, hätte vielleicht einen ruhigeren und ungestörten Verlauf genommen, wenn er nicht zusammengetroffen wäre mit der größten sozialen Gährung, welche die Geschichte kenne, und die unserm Zeitalter den Stempel einer so beispiellosen Verwirrung aufdrücke. Auch die Menschengeschichte befinde sich in einem Stadium des Ueberganges. Der Bau der Gesellschaft krache in allen Fugen; unheilvolle Mächte seien überall geschäftig, und unter ihnen nehme der Antisemitismus nicht die letzte Stelle ein. Demgegenüber sei es an der Zeit, daß auch das Judenthum zur Klarheit über sich selbst gelange und sein Verhalten scststelle den allgemeinen wie den partikularen Zeitlüufen gegenüber. Nächst der gemeinschaftlichen Aufgabe nach außen hin falle ihm auch die einer inneren Mission zu; eine solche werde ihm nahegelegt durch Zerfahrenheit und Zerwürfniß, die sich im Schooße seiner Genleinschaft selbst erschreckend geltend machen, wie auch andererseits durch die berechtigten Anforderungen, welche neben dem wüsten Gebühren des Antisemitismus laut würden. Mit großer Energre weist der Redner den Gedanken Zurück, als widerstrebe eine religiöse Sonderstellung der Juden ihrem Aufgehen in unserem Volke. Man könne ein Deutscher und ein Jude sein, wie man ein Deutscher und ein Christ sein könne. Die begeisterten und zündenden Worte des Redners machten einen liefen Eindruck auf die Versammlung, welche ihm zum Schluß mit reichem Beifall lohnte. Im weiteren Verlaufe seiner Vorträge, welche in Zwischenräumen von je 14 Tagen an den Dienstagen stattfinden, wird Herr Dr. Wertheimer eine Darstellung der geschichtlichen Nothwendigkeit des Antisemitismus geben und sodann zur Bedeutung des Judenthums für die Weltgeschichte vom philosophisch-historischen Standpunkte aus übergeben. z. Königsberg i. Pr., 1. Februar. Am 18. Januar feierte, wie schon kurz gemeldet, die hiesige Synagogengemeinde durch einen erhebenden Jugendgottesdienst das 25jährige Bestehen der Religionsschule. Alle, die diesem feierlichen Akte beigewohnt, verließen das Gotteshaus erbaut und erhobenen Herzens, sowohl durch die treffliche Rede des Herrn Dr. Bamberger, als auch durch den Gesang des Herrn Kantor Birnbaum, um den die hiesige Gemeinde mit Recht beneidet wird. — Herr Stadtrath Theodor, Vorsitzender des Repräsentanten-Kollegiums und Vicepräsident im Vorsteheramt der hiesigen Kaufmannschaft, ist zum Handelsrichter ernannt und Herr Dr. Rosenstock zum Stadtvervrdneten-Vorsteher gewählt worden. Herr Professor H ermann, der im vorigen Jahre gegen Professor Bezzenberger unterlag, ist in diesem Jahre zum Rektor der hiesigen Universität gewählt worden. — Das Gerücht, daß hier aufs Neue Ausweisungen von polnischen Juden begonnen hätten, ist unbegründet. Allerdings haben zwei Angestellte eines hiesigen Geschäfts die Ausweisungsordre erhalten, aber der Bemühung ihres Chefs ist es gelungen, dieselbe rückgängig zu machen. — Auf Veranlassung des Herrn Oberkantors Birnbaum hat sich hier ein jüdischer Leseverein gebildet, dem wir das beste Gedeihen und die weiteste Ausbreitung wünschen. K Hannover, 1. Februar. Das Komitee für Ferienko lonien, an dessen Spitze der Oberpräsident Rud. v. Bennigsen steht, hat das Ehrenamt eines Schatzmeisters, das seit dem Bestehen des Vereins mit hingebender Liebe und Sorgfalt von den, verstorbenen Rentier S. Coppel verwaltet wurde, dem Geh. Kommerzienrath L. E. Meyer übertragen. — Als eine berechtigte Eigenthümlichkeit der Provinz Hannover. die sich noch von der Zeit herschreibt, da Hannover selbständiges Königreich war, gilt es, daß von dem Provinzial-Landtag für das jüdische Schul- und Synagogenwesen jährlich 16,500 Mk. beigesteuert werden. Die Bewilligung wurde auch von dem Provinzial-Landtag, der im verstossenen Monat hier tagte, unbeanstandet ausgesprochen. * Marburg, 22. Januar. Heute kam vor dem hiesigen Schöffengericht die Privatklage der Darmstädler Kaufleute Eahn und Genossen gegen Dr. Böckel zur Verhandlung. In einem Artikel des „Neichsherold" war die Stadt Darmstadt als „greulich verludet" bezeichnet und unter Hinweis auf die vielen Kaufleute jüdischen Namens das Vorhandensein eines „fressenden Krebsschadens" behauptet worden. Der Vertreter des Klägers, Rechtsanwalt Grünewald-Gießen, erklärte, daß der Artikel zweifellos beleidigend sei, und daß die Geflissentlichkeit, mit welcher der Angeklagte in seinem Blatt die Juden nicht nur, sondern Alle, die seine antisemitischen Hetzereien nicht billigten, Private wie Behörden, verfolge und beleidige, eine empfindliche Strafe an gezeigt erscheinen lasse. Der Angeklagte leugnete das Vorhandensein einer Beleidigung und bestritt, daß seine Zeitung konfessionelle und persönliche Hetzerei treibe. Er bat um Freisprechung. Das Gericht verurtheilte Böckel in eine Geldstrafe von 50 Mk., eventuell eine Woche Haft, und in die Kosten. Frankfurt a. M., 27. Januar. Antisemitismus im Kriegerverein. Zu Ehren von Kaisers Geburtstag hielt der dahier bestehende Verein „Uniformirtes Veteranen- und Landwehrkorps" heute Abend Kommers mit Ball im Saale des Zoologischen Gartens ab. Der größte Theil der Karten zu diesem Feste war an hiesige Israeliten verkauft. Aber wie sahen diese, die geglaubt hatten, einer rein patriotischen Feier anwohnen zu können, sich enttäuscht, als vor einigeil Tagen in den hiesigen Zeitungen das Programm veröffentlicht wurde. Dasselbe besteht aus 12 Piecen, neun ernsten und drei komischen Inhalts. Diese drei letzteren sind sämmtlich antisemitischer Tendenz. Entrüstet ob dieses Vorgehens und einer solchen Entweihung eines patriotischen Festtages sandten nicht nur fast sämmtliche Israeliten, sondern auch viele christliche Bürger ihre Karten zurück, und der Verein wird also seine Absicht, den Antisemitismus in unsere bis jetzt von konfessionellen Streitigkeiten verschont gebliebene Stadt zu tragen, nicht erreichen. * Mainz, 25. Januar. Am 8. Januar hatten die Abgeordneten des „Vereins der israelitischen Lehrer im Großherzogthum Hessen" die Ehre, von dem Herrn Geheimen Oberschulrath Greim in Darmstadt in einer Audienz empfangen zu werden, um eine Petition, zu überreichen, in welcher qu. Verein um gesetzliche Regelung des israelitischen Religionsschulwesens vorstellig wurde. Herr Geh. Oberschulrath Greim empfing die Deputation höchst liebenswürdig und äußerte, er selbst sowie die Regierung ständen der Sache höchst sympathisch gegenüber. Er erkannte die geschilderten Mangelhaften Zustände an und versprach eine baldige Ordnung der Materie seitens der Regierung. Dsk- Metz, 26. Januar. Vorigen Freitag fand die feierliche Amtseinführung des neuerwählten OberrabbinersAdolfUry im hiesigen Tempel statt. Das Gotteshaus war festlich erleuchtet und mit einer glänzenden aus den Vertretern aller Konfessionen zusammengesetzten Zuhörerschaft gefüllt. Die Spitzen der Behörden, sowie alle offiziellen Persönlichkeiten der Stadt hatten der Einladung des Konsistoriums Folge geleistet. Besonders zu erwähnen ist die Anwesenheit des Oberpräsidenten von Lothringen, Herrn v. Hammerstein, des Kommandanten von Metz, des Polizeipräsidenten u. A. m. Geleitet von dem Präsidenten und den Mitgliedern des Konsistoriums betrat der neue Rabbiner den Tempel, während der Chor das Ma towu anstimmte. Hierauf verlas der Vorsitzende des Konsistoriums, Bang ujie r I. M a y e r, die Anstellungsurkunde und fügte einige Begrüßungsworte hinzu. Der Chor sang das Baruch baba, während der Rabbiner die Kanzel bestieg. Nach kurzem Dank an den Vorsitzenden des Konsistoriums für die freundliche

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