Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1891)
- Date
- 1891-02-05
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 Aufnahme hielt er die Antrittsrede in deutscher Sprache und weihte in derselben seinen berühmten Vorgängern auf dem Rabbinatssitze t>Sr alten Gemeinde Metz Worte ehrenden Andenkens. Mit Gebet für Kaiser und Reich, sowie dem Gesang des 150. Psalms schloß die Feier, nachdem noch vorher durch eine Sammlung den Bedürftigen Rechnung getragen worden war. Mögen die Hoffnungen, die sich an den Amtsantritt des Herrn Uri knüpfen, sich bewahrheiten. Rußland. * Petersburg, 1. Februar. Die Nachrichten über den Stand der Judensrage lauten fortdauernd verschieden. Bei der Unmöglichkeit, dieselben aus ihre Richtigkeit zu prüfen, lassen wir die neuesten Telegramme hier ohne jeden Kommentar folgen: Aus Kiew wird gemeldet, der dortige Polizeiminister frischte dort plötzlich ein altes, längst unbeachtetes Gesetz wieder auf, welches bestimmt: Jüdische Prinzipale dürfen in ihren Magazinen nur „einen jüdischen" Kommis" halten. Alle überschüssigen jüdischen Kommis sollen am 1. Februar ausgewiesen werden. — Der „Grashdanin" bezeichnet die Meldung, daß die Anwendung der gegen die Juden gerichteten Gesetze auf Vorstellungen des Finanzministers auf 3 Jahre verschoben worden sei, als völlig unbegründet. Diese „Mystifikation" sei nur erfolgt, um die „schmachvolle Niederlage der Londoner Judophilen" zu verhüllen. — Bei einer jüngst in Moskau stattgehabten Zusammenkunft hervorragender Juden, darunter der Rabbiner von Moskau und Petersburg, wurde über Mittel zur Verbesserung der Lage der Juden in Rußland berathen, und, wie Nowoje Wremja berichtet, die Gewinnung je einer russischen Zeitung in Moskau und Petersburg beschlossen. Die betreffenden Blätter sollen äußerlich den antijüdischen Schein beibehalten. Nach gewissen Andeutungen könnte 'in Petersburg der Grashdanin ins Auge gefaßt sein. — Der Petersburger Rabbiner Drabkin erklärt die Nachricht der „Nowoje Wremja", daß er zu einer Berathung in Moskau gewesen sei, für falsch; er wisse überhaupt von keinem Juden - Kongreß. — Die Maßregelung der Juden nimmt ihren Fortgang. In Moskau werden die jüdischen Handwerker ausgewiesen. JnTurkestan und den hinterkaspischen Ländern ist der Aufenthalt allen Juden außer den Kauflenten erster Gilde und denjenigen der akademischen Berufssächer verboten. Zu Taschkent petitionirten alle Kaufmannsfirmen um bedingungslose Ausweisung aller Juden. Türkei. * Beyrirth, 10. Januar. S. L. Aziz-Pascha, Gouverneur des Vitayet von Beyruth, hat den Schulen der Alliance in unserer Stadt ein Zeichen seines Wohlwollens zukommen lassen. Auf sein Ansuchen hat Ahmed Fevzi Effendi, Mitglied des Oberen Raths für öffentlichen Unterricht und Direktor der Hochschule, den Unterricht der türkischen Sprache in der Knabenschule der Alliance übernommen. Zu Anfang Dezember hat Mme. Aziz Pascha die Mädchenschule mit ihrem Besuch beehrt und sich lebhaft für die Leistungen der Schülerinnen und Lehrmädchen interessirt. Die Schulen haben auch den Besuch des Mgr. Gerasimos, des orthodox-griechischen Patriachen von Antiochia, dessen Residenz Damaskus ist, zu verzeichnen. Es ist das zweite Mal, daß dieser hohe Würdenträger der orthodoxen Kirche diese Schule besucht, und damit ein Zeugniß seiner Duldsamkeit ablegt. U Von Nah und Fern. --- Am Mittwoch den 4. Februar hat Herr Landrabbiner Dr. S. Weiße aus Dessau im Saale des Brüdervereins über die „Schätzung der Arbeit bei den Juden" einen Vortrag gehalten. Am Sonntag den 25. Januar fand die Einweihung der neuen Synagoge, welche der „Verein der Rosenthaler Vorstadt" sich in der Brunnenstraße 120 erbaut hat, statt. Rabbiner Höxter und Kantor Drujan leiteten den Feügottesdienst. — Die antisemitischen Führer fahren fort, die Wirkungen der deutschen Rechtspflege an sich selbst zu erproben. Ueber die Verurtheilung des Reichstagsabgeordneten Böckel ist an anderer Stelle berichtet. Gegen den Antisemiten Köhler, dessen Wahl zum hessischen Landtage annullirt worden, ist, wie Frankfurter Blätter melden, die Untersuchung wegen Betrugs eingeleitet. — Gegen Adolph Theiß, Redakteur einer in Darmstadt erscheinenden antisemitischen Zeitung, wurde Anzeige wegen Erpressung erhoben. — Herr'Rechtsanwalt Rothschild in Trier ist zum Justizrath ernannt worden. — In München wurde Herr Louis Reichenberger von den neugewählten Gemeinde-Kollegien zum bürgerlichen Magistratsrath gewählt. — Bei dem aus Anlaß des 309. Stiftungstages der Universität Würzburg stattgehabten Festakte wurde der Preis der medizinischen Fakultät für richtige Lösung der von dieser gestellten Preisaufgabe, dem canä. mell. Jac. Benario aus Marktbreit verliehen. — Bei den Neuwahlen in Oesterreich scheint es in Kolemea, dessen Vertreter bisher der Floridsdorfer Rabbiner Dr. Bloch war, zwischen diesem und dem Lewberger Rechtsanwalt Dr. Emil Byck zu einem heftigen Kampfe kommen zu sollen. — Im Hause des Herrn David Ritter von Gntmann in Wien fand jüngst die Vermählung der Tochter Frau Irma mit Herrn Siegwart Freiherrn von Mayer aus Coburg statt. Der Herzog und die Herzogin von Coburg haben dem Brautpaar in sehr theilnehmender und wohlwollender Weise telegraphisch gratulirt — Herr Dr. B. von David ist zum Sektionschef, Herr Dr. C. Lind zum Ministerialrath im österreichischen Kultusministerium ernannt worden. — Baron Albert Rothschild in Wien hat mit Rücksicht auf den langen Winter dem Bürgermeister die Summe von zehntausend Gulden zur Verwendung für Arme ohne Unterschied der Konfession übersendet. — Der galizischeLandtag hat für die israelitische Volksschule in Brody 6000 fl. für die Taubstummenschule unter Leitung des Herrn I. Bardach, und für den Verein „Agudas Achim“ im Lemberg je 300 fl. und für die Bernstein'sche Handwerkerschule 285 fl. bewilligt. — Unter zahlreichen Ehrenbezeigungen beging am 2. Februar der Bezirksrabbiner M. L. Kohn in Piesling die Doppelseier seines 80. Geburtstages und 50 jährigen Rabbinerjubiläums. -- Die Königin-Regentin von Holland hat sich bereit erklärt, die jährliche Unterstützung, welche von ihrem verstorbenen Gemahl dem Waisen-Fonds der jüdischen Diamant-Arbeiter gewährt wurde, fortzusetzen. Der diesjährige Beitrag ist bereits überwiesen worden. — Frau Furtado-Heine in Paris hat angesichts des strengen Winters dem Seinepräfekten die Summe von 50,000 Francs für die Pariser Armen übersandt. — Laut Kiewer Meldungen beschlossen die jüdischen Ladenbesitzer, welche durch den dortigen Polizeibefehl, nur noch einen jüdischen Kommis halten zu dürfen, betroffen sind, die Bezahlung ihrer Wechsel einzustellen, da sie geschäftlich schwer geschädigt wurden. Ein Moskauer Kaufmann, der 45,000 Rubel in Kiew einkassiren wollte, mußte mit diesem Bescheid ohne Geld zurückkehren. — Herr Dalmedico, Beamter im türkischen Marine-Ministerium, ist vom Präsidenten der französischen Republik mit dem Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet worden. — Unter den Opfern des im Stillen Ozean untergegangenen Kriegsschiffes „Estrogul" befand sich auch ein türkischer Israelit, Herr Dr. Joseph Gabal. — Herr Astruc, Direktor der Allianceschule in Sofia, ist zum Verwalter des französischen Konsulats ernannt worden. — Als im September der Fürst Ferdinand von Bulgarien in Begleitung der Herzogin Max Emanuel von Bayern nach Rustschuk kam, war Mme. Astruc, die Vorsteherin der Mädchenschule der Alliance, von der israelitischen Gemeinde damit beauftragt worden, den hohen Besuch willkommen zu heißen. Kürzlich empfing dieselbe von Ihren Hoheiten eine prachtvolle mit Diamanten verzierte Brosche als Andenken. — Die „Alliance israeilte universelle“ zählt gegenwärtig 31,378 Mitglieder und unterhält im Orient 55 Schulen, in welchen 294 Lehrer unterrichten. 7106 Schüler und Schülerinnen besuchen diese Schulen. Diese Schulen kosteten im Jahre 1889 376,779 Frcs. — Der anglikanische Bischof von Ballarat(Australien), Dr.Thornto n, war in der letzten Zeit sehr kränk. Als Antwort aus einen sehr theilnahmsvollen Brief, den er von Herrn Rabbiner I. M. Goldrei ch, dem dortigen jüdischen Seelsorger, erhielt, schickte der hohe kirchliche Würdenträger dem Letzteren ein in mancher Beziehung bemerkenswerthes Schreiben. Unter Anderem zeigte er in demselben eine gründliche Kenntniß des Hebräischen. Dr. Thornton zitirte Psalm 118,18, welchen Vers er in dem heiligen Idiom der Bibel, überaus zierlich geschrieben und genau punktirt, reproduzirte. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.