Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1891)
- Date
- 1891-02-05
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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55, Jahrgang, ttr. 6. iöerlm, 5. Februar 1891. Der Grrneindevote. l&eitaQe zur „Allgemeinen Zeitung öes Iuöenthurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. X. Berlin, 2. Februar. In ihrer gestrigen Sitzung nahm die Repräsentanten-Versammlung zunächst einige geschäftliche Mittheilungen von geringerer Bedeutung entgegen. Sodann verlas der Vorsitzende ein vom Vorstande der Reformgemeinde eingegangenes Schreiben, dem wir Folgendes entnehmen: Die Entwicklung dieser Tochtergemeinde habe von Jahr zu Jahr zugenommen. Mit der Entwicklung hätten zwar die Aufgaben und die Verpflichtungen des Vorstandes, aber nicht die Beiträge der Gemeindemitglieder gleichen Schritt gehalten. Im Jahre 1890 sei der Andrang zu den Festgottesdiensten, insbesondere seitens der Jugend, ein so bedeutender gewesen, daß ein großer Theil nicht angenommen werden konnte, während die Einnahmen nur knapp gewesen wären. Dies käme hauptsächlich daher, daß von den Mitgliedern der Reformgemeinde das Opfer einer zweifachen Steuer verlangt werde. Es sei in Folge dessen der Vorschlag gemacht worden, die Mitglieder zum Austritt aus der Muttergemeinde zu veranlassen. Der Vorstand stehe jedoch aus vielen Gründen einer solchen Agitation ablehnend gegenüber, im Interesse der Selbsterhaltung aber fei er gezwungen, andere Mittel und Wege zu suchen, um die Verhältnisse der Reformgemeinde zu normalen zu gestalten. Er bitte daher die Repräsentanten-Versammlung, mit ihm in kommissarische Berathung zu treten, um in Gemeinschaft mit einem Kommissar des Vorstandes der Hauptgemeinde das Verhältniß der Tochterzur Muttergemeinde sestzustellen. Nach kurzer Debatte wurden der Vorsitzende, Herr Justizrath Mako wer, und Herr G. Löwenberg zu Kommissarien ernannt. — Die folgende Verhandlung betraf eine Eingabe des Vorstandes der Filialgemeinde Ch arlottenburg, die Subvention, die im vorigen Jahre 4500 Mk. betrug, für dieses Jahr auf wenigstens 6500 Mk. zu erhöhen. Nach lebhafter Diskussion wurde die Erhöhung der Subvention mit großer Majorität angenommen. Befriedigt verließen hieraus einige Herren, die allem Anschein nach aus Charlottenburg hierher geeilt waren, um dieser für ihre Gemeinde so wichtigen Sitzung beizuwohnen, die Tribünen. — Die weitere Tagesordnung enthielt Gegenstände von geringerer Bedeutung. — In der darauf folgenden geheimen Sitzung sollen die Minimal- und die Maximalgehälter der im Dienst der Gemeinde angestellten Lehrer und Lehrerinnen festgestellt worden sein. X Berlin, 3. Februar. Den ersten der Vorträge zum Besten der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums hielt gestern im Festsaal der „Gesellschaft der Freunde" Herr Professor Dr. M. Lazarus. Das Thema lautete: „Ein vergessener Held". Der Held aber, den Lazarus mit gewohnter Meisterschaft schilderte, war kein Anderer als Josna b. Chananja, ein Held des Geistes, dessen Milde und Friedensliebe, dessen erhabene religiöse Weltanschauung, die stets auf die Gesinnung und den Geist des Gesetzes ausging, dessen heroische Selbstverleugnung, dessen große und fruchtbare Gedankengänge Lazarus aus den bezüglichen Talmudstellen mit ganz besonderem Scharfsinn ausgesucht, mit eindringendem Verständniß erfaßt und in genialer Weise zu einem harmonischen Bilde zufammengeftellt hat. Im Geiste seines Helden blieb auch der Vortragende im zweiten Theil seines Vortrages, der die Nutzanwendung aus die Gegenwart und unsere religiösen Zustände brachte. War der erste Theil ein Vortrag, so erschien der zweite der athemlos lauschenden Hörerschaär wie ein Bekenntniß, wie das religiöse Bekenntniß eines edlen Denkers, der mit tiefer Betrübniß den Verfall des religiösen Lebens sieht und mit drohender, warnender Stimme, seine Glaubensbrüder zur Rückkehr, zur Einkehr qufrnft. Wir wünschten aufrichtig, daß dieser Vortrag gedruckt würde, um weitere Kreise für die Ideen zu begeistern, die Prof. Lazarus gestern mit eindringlichen klaren Worten aus der Fülle eines tiefbewegten Geistes gesprochen hat. s. Berlin, 2. Februar. Am 30. v. M. hielt in der Aula des Friedrichswerderschen Gymnasiums Herr Geh. Justizrath Professor Dr. Berner den dritten der vom Berliner Unions-Verein veranstalteten Vorträge über „Christenth um und Judenthum und ihre Zukunft", ein Thema, welches natürlich für uns von besonderem Interesse ist. Auch die Ausführung war, wie wir gleich von vornherein bemerken wollen, von höchstem Interesse, von seltener Objektivität und logischer Schärfe. Soweit der Vortrag das Judenthum betraf, können wir dem gefeierten Juristen nur dankbar dafür sein, daß er in weitern Kreisen eine gerechte Beurtheilung desselben anzubahnen versucht hat. Der Vortragende knüpfte an Renan an, der in zwei Schriften aus den Jahreil 1860 und 1884 zwei verschiedene Auffassungen entwickelte. Nach der ersteren hätte das Judenthum überhaupt keine Zukunft mehr, nach der zweiten sieht gerade er in der „Religion des Jesajas" die Religion der Zukunft. Prof. Berner untersuchte nun zunächst auf historischer Grundlage die Entwickelung beider Religionen, dann erörterte er ihre weltgeschichtliche Bedeutung, ihren Lehrgehalt, um schließlich das herauszusuchen, was in beiden bleibenden Werth und die Brücke zur Versöhnung bilden könnte. Für uns enthielt der Vortrag eine solche Fülle bemerkenswerther Aeußerungen und bedeutungsvoller Zugeständnisse, daß wir es nicht wagen, dieselben aus dem Gedächtniß zu zitiren, sondern viel lieber die Drucklegung des Vortrags abwarten, um dann die eigenen Worte des Redners genau zitiren und erörtern zu können. Nur eine Bemerkung möchten wir schon heute aus dem in jeder Beziehung bedeutenden Vortrag hervorheben. Sie betraf den Gottesglauben. Die Juden find die Pioniere des Monotheismus gewesen und geblieben, sagte Professor B. Sie haben denselben stets treu bewahrt. Mögen sie darum bleiben, wie sie sind. Und jene Ueberläufer, die jetzt zu der Religion des Christenthums übertreten, haben für uns weder religiösen Werth, noch sittliche Bedeutung. Das ist eine wichtige Aeußerung, die wohl beachtet zu werden verdient. Das Facit feines Vortrags faßte Prof. Berner in dem Satze zusammen: Die Religion der Zukunft ist ein von allem dogmatischen Wulst und polytheistischem Beiwerk befrei £% durch den Wiedereintritt des Judenthums zum reinen Monotheismus geklärtes Christenthum! Wir kommen, wie gesagt, auf den bedeutungsvollen Vortrag, der zwar an verschiedenen Stellen unfern Widerspruch, öfter aber unsere herzliche Zustimmung gefunden, noch ausführlich zurück. A Berlin, 30. Januar. Dem Bureau des deutsch-israelitischen Gemeindebundes sind, wie man uns mittheilt, in jüngster Zeit mehrfach Anfragen des Inhalts zugegangen, in wieweit die jüdischen Kultusbeamten auf Grund des neuen Reichsgesetzes betreffend die Jnvaliditäts- und Altersversicherung vom 22. Juni 1889 versicherungspflichtig. Die Antwort lautete dahin, daß eine solche Versicherungspflicht für den Stand der Kultusbeamten im Allgemeinen nicht vorliege. In der That kann nur eine gewaltsame Interpretation des Gesetzes zu dem Schluffe führen, daß unsere Lehrer und Kantoren jener Pflicht unterliegen sollten. Die Kategorien sind genau festgestellt: es sind Arbeiter, Gehülfen, Gesellen, Lehrlinge und Dienstboten, ferner Betriebsbeamte, Handlungsgehilfen und -Lehrlinge, endlich die Schiffsbesatzung deutscher Seefahrzeuge. In keiner einzigen dieser Klassen sind die jüdischen Religionsdiener inbegriffen. Lediglich die Synagogendiener und subalterne Bureanbeamte der Gemeinden (als Kassenboten rc.) könnten in Frage kommen. QD Berlin, 1. Februar. Hat jemals ein Aufruf zündend gewirkt, so ist es derjenige des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" gewesen. Die Zahl der Männer, welche sich hier durch ihre Unterschriften öffentlich bereit erklärten, den Kampf für die Ehre und den guten Ruf der deutschen Nation, die bereits durch das zehnjährige Treiben der gewerbsmäßigen Hetzer gefährdet schien, mit aller Kraft aufzunehmen, dürfte sich in Kürze vervielfachen. Sind es ja die Besten des Volkes, die hier als Rufer im Streit aufgetreten sind. Aus der Fülle glänzender Namen seien nur wenige hervorgehoben, deren Eintreten für die Sache des Rechts uns so manche Unbill vergessen läßt, die uns widerfahren ist. Da sind zunächst die Zierden der deutschen Schriftstellerwelt Paul Heyse, Friedrich von Bodenstedt, Ludwig Pfau, Julius Duboc und Gustav Freytag, derselbe Freytag, dessen Werke die Hetzer so oft für ihre niederen Zwecken auszubeuten trachteten, und der ihnen nun den deutlichsten Absagebrief schreibt.