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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-05 · Heft 6 (5.2.1891) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 6 (5.2.1891)
Date
1891-02-05
Page
Seite 72 (sequence 12)
Language
German
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72 Er hatte es mir erzählt, und der vierzehnjährige Knabe hatte damals die ganze Größe des innern Kampfes nicht begreifen können. ' Das war an einem schönen Hochsommertage, und wir standen beide auf dem Friedhofe an dem Grabe meiner Mutter. Ringsum war es ein Leuchten, ein Blitzen von Sonnenstrahlen, ein herbes Duften und jene erhabene Stille, die dort so beredt ist. Und der Blick schweifte über all' die sonnenvergoldeten Grabsteine hin, geschwärzte und gekrümmte, und wir konnten uns an den Inschriften nimmer die Seele sattlesen. Denn wie Viele lagen nicht hier, deren Tod noch eine herbe, düstere Frage zurückließ! Und über das Gesicht des Mannes, der neben mir stand, lief ein dunkler Schatten, wie ihn eine trübe Erinnerung hervorruft. „Kind," sagte er, „ich will Dir ein Märchen erzählen, ein Märchen von einem Engel, der ein verzweifelt Menschenkind gerettet. „Der Engel war Deine Mutter, das Menschenkind war ich. Ich hatte weder Vater noch Mutter gekannt, ich war das arme Kind der Haide. „Wer mich ernährt hat und großgezogen? Gute Geister in Gestalt von Menschen!... So wuchs das sinnende Kind heran und je mehr sich sein Verstand bildete, desto mehr marternde Fragen schwirrten in dem armen Kopfe des Kindes herum. Aber ach, wenn es den Körper hungert, da reicht Jeder ein Stück Brot — den dürstenden Geist aber eines verlassenen Kindes läßt man elend verschmachten! Das sinnende Auge des Kindes sah tausend Dinge, die es nicht begriff, die große Natur schaute es wie ein geheimnißvolles Buch voll erhabener und dunkler Märchen an, die Seele suchte mit immer mehr wachsendem Feuer den Dichter dieses Buches zu begreifen, und selbst die kleinen Geschöpfe, die Menschen, kamen ihm so räthselhaft vor. „Das Lesen hatte ich von einem alten Diener des Schlaffes erlernt, aber als mir dies nicht mehr geniigte, da brachte er mich zu seinem alten Freunde, dem aufgeklärten Juden Nathan. Das war eine sanfte Seele; wie erschloß er mir die Quellen seiner Weisheit, seines Wissens! Doch die Zweifel hatte er aus meinem Herzen nicht wegzubannen - vermocht, vielmehr, sie verstärkten sich heiß und verzehrend, und der neunzehnjährige Jüngling wurde Skeptiker. Wehe mir, daß ich diese Zweifel nicht in tiefster Seele verborgen hielt. Ich sprach davon, laut vor Allen, ich wollte dies in Dunkel befangene Volk zum Licht führen, aber ich habe dies schwer gebüßt — Kind, ich will es Dir nicht schildern!" ... Der Vater hielt inne und ich bemerkte eine Thräne, die auf seiner Wange herabrann. Dann fuhr er fort: „Es kam noch schlimmer, fürchterlicher! Wie hatte ich heiß gerungen, wie gekämpft! Eine böse Seele ist in ihm, sagten die Leute im Städtchen; in der That, es war eine wilde Seele in mir, die mich vernichten, in den Wahnsinn treiben wollte. „Doch Kind, es kam Rettung, bevor ich versank! Und wiederum fand ich sie im Hause des Mannes, der ein Sohn ist jenes armen Volkes, das man thörichterweise haßt und bedrängt — im Hause Nathans. Er nahm mich gastfreundlich in sein Haus, beschützte mich und suchte mein ungethümes Wesen zu sänftigen. Aber noch ein anderer Zauber war es, der sich rettend meines Gemüthes bemächtigte: er ging von jenem Wesen, von jenem Engel aus, das leider hier eine so frühe ewige Ruhe gefunden. O, ich habe keine Worte, Dir Deine Mutter Esterka, die Tochter Nathans, zu schildern. Das war eines jener Wesen, wie sie die Bibel so herrlich schildert. Und doch mußte sie mir so frühe entriffen werden!" ... So sprach der blaffe, duldsame Mann an meiner Seite, in namenlosem Schmerze, an jenem herrlichen Hochsommertag, während ich sinnend auf den Grabhügel schaute, ob nicht vielleicht jener Engel emporsteige, um unsere Thränen zu trocknen.... Jahre sind seitdem vergangen; die Heimath entschwand meinem Blick. Ein guter Zufall begünstigte den heißen Wunsch ineines Vaters, den Ort zu verlasien, an welchen sich so düstere Erinnerungen für ihn knüpften, und in jenes Land seiner Väter zu wandern, wo das volle Licht so unbehindert waltet, nach Deutschland. Doch nicht lange hatte er sich dieses Lichtes freuen gekonnt; ein jäher Tod entriß ihn mir.... Vereinsamt, freudlos und still, der Arbeit gewidmet, vergehen mir die Tage.. Jahr um Jahr verrinnt in Einsamkeit, und der stille Schmerz ist mir ein lieber Freund geworden.... Ich führe ein Leben, in dem nichts geschieht. Was kann es mir noch bringen?... U Fitterarij'che Mittheilungen.) — Geehrter Herr Redakteur! Die Nr. 2 Ihres geschätzten Blattes enthält eine mit R. Unterzeichnete Entgegnung auf meine Kritik der Badt'schen Kinderbibel. Da einerseits Schweigen einem Zugeständniß gliche, andererseits eine Ausdehnung des Streites der Sache eine Wichtigkeit beilegte/ die ihr nicht gebührt, erlaube ich mir, Sie um Aufnahme folgender kurzer Gegenbemerkungen zu bitten. Das Badt'sche Büchlein ist nach der Vorrede für ganz bestimmte Zwecke und Kreise geschrieben. Daraufhin richtete sich meine Kritik der Auswahl des Gegebenen. Deshalb kann auch Fritz Wiedemann uns nicht maßgebend sein. Jeder unbefangene Kritiker wird zugeben müssen. daß Erzählungen von der Schöpfung des Weibes, dem Thurmbau zu Babel, dem Vorgehen Chams, dem Esel Bileams nicht in eine Biblische Geschichte hineingehören, in welcher viel wichtigere Dinge fehlen. Ob die Angabe: „Nicht lange darauf (nach der Opferung Isaaks) starb Sarah" nicht midraschisch sei und dem Wortsinn der biblischen Erzählung entspreche, weil es im Midrasch heißt: „sogleich starb Sarah", das zu beurtheilen fanu ich jedem Unbefangene« überlassen. Was nun die Ausdrücke „flink" und „gewiß" betrifft, so bedurfte es gar nicht des so großen wissenschaftlichen Apparats, um zu beweisen, daß dieselben gute deutsche Wörter sind; nur wie sie an der gerügten Stelle gebraucht werden, scheinen sie mir nicht zu passen. Da Herr R. es nicht für gut befunden hat, aus seiner .Anonymität herauszutreten, so kann ich wohl einen in obiger Entgegnung befindlichen Angriff meiner Person unerwiedert lassen. A. Levy. * ----- Moritz Spanier: Ouellenbuch für den Unterricht in der jüdischen Geschichte und Litteratur (Frankfurt a. M., 1890. I. Kauffmann). Das Büchlein füllt eine in der jüdischen Schullitteratur tief empfundene Lücke aus und kann daher für den Unterricht in der jüdischen Geschichte Lehrern und Schülern gleich willkommen sein. Es werden Proben aus dem gesammten jüdischen nachbiblischen Schriftthum von den ältesten Zeiten bis auf Moses Mendelssohn zum Theil in recht guten Uebersetzungen gegeben. Tie getroffene Auswahl ist eine recht glückliche zu nennen, vielleicht mit Ausnahme der Stücke aus Mischnah und Gemarah. Der Streit zwischen Rabbi Gamliel und Rabbi Josua ist kein so erquickliches Thema, um gerade diese Stelle als Stilprobe zu geben. Besonders rühmend zu erwähnen ist, daß bei der überaus reichen Fülle von Stoff der Verfasser sich zu beschränken versteht und dennoch den Schülern ein Bild der gesammten jüdischen Litteratur bietet, so weit dies eben unter gegebenen Verhältnissen möglich ist. Es kann daher die Einführung dieses Merkchens in Schulen, in denen jüdische Geschichte Lehrgegenstand ist, wohl empfohlen werden. Auch zur Privatlektüre für erwachsene Schüler und Schülerinnen eignet es sich und ist daher als Barmizwahgeschenk empfehlenswert^ L. l) Mit obitzer Erklärung ist die Polemik in dieser Sache für unser Blatt abgeschlossen. D. Red. Truck uni) Verlag von Rudolf Mofje in Berlin. Veranvoortlich siir die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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