Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-05 · Heft 6 (5.2.1891) · p. Seite 71

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 6 (5.2.1891)
Date
1891-02-05
Page
Seite 71 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227884--47704-3270182
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

71 Naphtali noch zurückhalten, so lange wie möglich. Aber wer weiß? vielleicht gelang ihnen dies nicht. Jedenfalls aber sind diese Freigeister ganz fürchterliche Leute, die über alle Hindernisse hinwcgschreiten und sich nicht einmal vor dem leibhaftigen Teufel fürchten. Aber mit alledein hatte dieser Unhold seiner Rache noch nicht genug gethan. Naphtalis Pfad sollte noch dornenvoller werden; denn plötzlich tauchte in der Stadt die Kunde auf, daß der todte Naphtali gerade wie die todte Tochter der Hannah in seinem Grabe in Berlin keine Ruhe finden könne und deshalb in Berlin und in Serebrjansk spukend umgebe. Mit Windeseile verbreitete sich diese Mähr, und schon behauptete mehr als Einer, den Todten mit eigenen Augen gesehen zu haben. Natürlich war auch dieses Gerede von dem abscheulichen Goldstengel ausgegangen, ohne daß Jemand eine Ahnung davon hatte, wer der Urheber des Gerüchtes sei. Da geriethen alle Serebrjansker wieder in große Angst; denn sie glaubten, daß die Todten, die aus ihren Gräbern hervorgehen, Abgesandte des Todesengels seien, und daß, wer ihnen begegne, sterben müsse, unfehlbar und rettungslos. Und dieser Glaube war bei den guten Serebrjanskern so fest eingewurzelt, daß sie sich sogar bei Tage scheuten, auf die Straße zu gehn, nur aus Furcht, sie könnten dem verstorbenen Naphtali oder der todten Tochter der Hannah begegnen und würden dann in der Blüthe ihrer Jahre dahingerafft werden. Nur der böse Salomo lachte im Stillen über alle Geschichten, die sich die Serebrjansker von: todten Rabbi Naphtali erzählten, während alle Bewohner der Stadt beständig vor dem Gespenst zitterten. Unterdessen freute er sich seines jungen Eheglücks und lachte mit seiner Nahe! über die genasführten Serebrjansker. XI. Noch ein Gespenst. Der alte Naphtali hatte natürlich keine Ahnung von Allem, was während seiner Abwesenheit in seinem Hause vorgegangen war. Cr ließ sich daher von den Freunden Salomos bereden, noch in Berlin zu bleiben; denn man spiegelte ihm einträgliche Geschäfte vor. Als er aber endlich merkte, daß er nur nutzlos hingehalten werde,, beschloß er, die preußische Hauptstadt zu verlaffen und wieder nach Serebrjansk zurückzukehren. In einer kalten und stürmischen Januarnacht, mitten im größten Schneegestöber kam Rabbi Naphtali in seiner Heimathstadt an. Es war so kalt, daß sich sogar die Hunde in den Thorwegen und den Pferdeställen verkrochen. Nur langsam kam der Reisewagen vorwärts in den hoch aufgethürmten Schneemassen; mit großer Mühe schleppten die müden Gäule das schwere Fuhrwerk hinter sich nach, und von Zeit zu Zeit blieben sie auch ganz stecken. Grabesstille herrschte in allen Straßen; denn es war schon zehn Uhr vorbei. Man hörte nur das Heulen des Windes und die Stimme des Kutschers, der immer wieder mit seinem Hü! Hü! die erschöpften Gäule anzutreiben suchte. Der alte Naphtali schlotterte vor Kälte, obgleich er warme Kleider und einen dicken Bärenpelz trug. Wie freute er sich daher, als endlich der Wagen vor seinem Hause hielt. Rasch sprang er von seinem Sitze, eille zur Hausthür und begann zu pochen. Aber nichts regte sich im Hause. Endlich, als er über eine halbe Stunde ’ geschimpft und gepocht, näherten sich schlürfende Schritte der Thür und eine fremde Stimme rief, ohne aufzuschließen: „Wer ist da?" „Meine Frau muß schon wieder einmal die Dienstboten gewechselt haben; denn die Stimme ist mir unbekannt," sagte Naphtali ärgerlich zum Kutscher. Dann pochte er wieder und rief: „So öffne doch nur einmal, Du Tölpel!" „Wer steht denn draußen?" fragte die Stimme wiederum. „Wer soll es denn sein, Du Dummkopf! Hörst Du cs denn nicht, daß ich es bin, Naphtali, der Hausherr!" „Naphtali! Naphtali!" hörte man es nun drinnen kreischen. „Weiche von hinnen! kehre in Dein Grab zurück. Wo Du ani Tage ruhst, da bleibe auch bei Nacht!" „Wer bist Du denn, Du frecher Kerl?" rief Naphtali in höchster Wuth. „Was erdreistest Du Dich, so mit mir zu reden und mich ins Grab zu schicken! Sei zufrieden, wenn ich Dich nicht dahin spedire. Aber nun öffne, Du Schuft! öffne!" Doch nun erfolgte überhaupt keine Antwort mehr. Naphtali inochte pochen und schimpfen so viel er wollte, er inochte sein ganzes Fluchregister über das Haus entleeren, die Thür blieb verschlossen. So stand er beinahe eine Stunde vor seinem Hause, ohne daß ihm aufgethan wurde. Da sagte der Kutscher: „O, Ihr seht doch, Herr, daß sich Euer Hausgesinde weder an Euer Pochen noch an Euer Schwipsen kehrt. Darum rathe ich Euch, kehrt bei einem Eure Nachbarn ein und übernachtet daselbst. Morgen könnt Ihr ja dann unter Eurem Gesinde Musterung halten." (Fortsetzung folgt.) U Eine Erinnerung. Skizze von Hermann Menkes. Ich will die Erinnerung an süße und doch leidvolle Jugendjahre zu bannen versuchen — denn ihre Macht ist so stark; ist sie doch eine trostvolle Botin der Vergangenheit, die, wie immer sie sich auch abgesponnen haben mag; doch so schön bleibt, selbst wenn sie uns verwelktes Leid und vertrocknete Thränen heraufbeschwört. So banne ich dnn diese Erinnerungen, wie unbedeutend sie auch sein mögen, auf diesen stillen Blättern.... Man wird viel Düster erblicken; zuerst das Land, wo ich die Jugendzeit verbrachte. Ein trostloses, russisches Nest, voll Armuth, Rohheit, Güte, seltenen Edelmuths und Barbarei; und alle diese Gestalten leuchten oder werfen Düsterkeit in meine Jugendjahre. Ich erinnere mich an euch alle, ihr Gestalten aus meiner Jugendzeit und besonders der guten seltsamen Sonderlinge, die doch von keinem tiefen innern Kampf wußten, die jetzt schon den ruhigen, ewigen Schlaf im tiefromantischen Friedhofe auf der wilden Haide in Jedlenko schlafen. Und vor Allem denke ich an dich, du mir entschwundene Heimath. Du bist nicht schön für das fremde Auge, nur deinen Kindern kannst du deine herben Reize enthüllen; du bist ein armes Weib in Lumpen gehüllt, deine Wangen sind fahl und abgehärmt, aber aus deinen Augen sprüht ein göttliches Feuer! Das Kind hat deine unsägliche Poesie begriffen; ich Hab' dich verstanden, wenn du in einen Schleier von Nebeln gehüllt warst, aber ich jauchzte in jugendlicher Lust, wenn die Sonne über dich Gold oder der Mond über dich Silber ausgoß. Und wenn ich dann auf der einsamen Haide oder in den stillen Wäldern an der Hand des schweigsamen Vaters herumtrollte, ach, was ging mir dann durch das jugendliche Herz, durch den jugendlichen Sinn?! Es ist mir jetzt noch unsagbar; es war ein traumhafter Schmerz, eine traumhafte Freude in mir.. . vielleicht kann inan nur in der Jugendzeit, nur in dieser düstern Erhabenheit der Haide so empfinden. ... Wehe aber der armen Seele, die hier nach Licht, Wissen und Wahrheit ringen muß, wie mein armer Vater einst in Jüngiingsjahren! Er hatte hier das ganze Martyrium eines aus der Nacht des Unwiffens sich Emporringenden durchgemacht, und wäre schier demselben ganz zum Opfer gefallen, bevor er sich zum Licht durchgerungen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.