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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-05 · Heft 6 (5.2.1891) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 6 (5.2.1891)
Date
1891-02-05
Page
Seite 70 (sequence 10)
Language
German
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70 m Haus bestimmten Silberrubel wurden den Verwaltern der betreffenden « Anstalten überwiesen, und diese thaten wenigstens so, als ob nun H mit diesem (Selbe schleunigst die großartigsten Verbesserungen ein- I geführt und überall Ordnung geschaffen werden sollte — aber aller- W dings gab es auch da wieder böse Mäuler, welche behaupteten, drei H Viertel des ganzen Geldes sei in den Taschen der ehrenwerthen Ver- » Walter hängen geblieben. Ueber den Rabbi Nahum sind aber selbst die Freigeister einig, daß er ein braver und ehrlicher Mann ist, darum herrschte auch nicht der mindeste Zweifel, daß er die zehntausend Rubel gewissenhaft unter die Bedürftigen verthcilt habe. Die Kinder Naphtalis bestimmten ihrerseits wieder, daß das große steinerne Haus des Vaters künftig zu wohlthätigen Zwecken diene. Es wurde eine Herberge für arme Reisende darin eingerichtet. Auch ivurde nach dem Wunsche des Testators sogleich die Verlobung Salomos mit Rahel gefeiert und alle Vorbereitungen zur Hochzeit getroffen, obgleich diese Eile vielen frommen Leuten unpassend schien. Ich weiß, daß sich meine Leser am meisten über die Bestimmung des Rabbi Naphtali, daß seine Tochter den Salomo, diesen Freigeist, heiratheu solle, wundern werden. „Was ist denn mit diesem Naphtali kurz vor seinem Tode vor sich gegangen?" werden sie fragen. „Ist er etwa verrückt geworden vor seinem Ende, daß er, anstatt sein Herz nun ganz zu Gott zu kehren, einen solchen Epikuräer und Freidenker zum Schwiegersohn erkor? Und warum sollte die Hochzeit gleich nach vierzehn Tagen gefeiert werden? Fürchtete er etwa, dieses Kleinod könnte seiner Tochter entgehen? Er hätte sich doch selber sagen können, daß dieser Aufgeklärte, der seine Tochter seiner Zeit mit fünfhundert Rubeln Mitgift nehmen wollte, doch jetzt erst recht, wo sie an dreißigtausend Silbcrrubel besaß, alle Finger nach ihr ausstrecken werde." Aber wartet nur ein wenig, ihr lieben Leute, die Sache soll sich bald aufklüren und zähneknirschend vor Zorn — ich weiß cs — werdet ihr die schlimmen Thaten der Epikuräer hören und ihre gottlosen Werke. VIII. Der Rath der Gottlosen. „Wie man vor einem reißenden Löwen flieht, so fliehet vor den Freigeistern!" Also befahl ein frommer Chassid seinen Kindern, und er warnte sie eindringlich, daß sie ihre Seelen hüten möchten vor den Aufklärern und Ketzern, die mit tausendfältiger List die Redlichen zu fangen suchen und die Unschuldigen in die Hölle bringen. Wehe den unverdorbenen Menschen, die solchen reißenden Thieren begegnen! King und schlau sind sie natürlich nur, wenn es sich um Schlechtigkeiten handelt. Selig ist der Mensch, der mit diesen Abscheulichen nichts zu thun hat, weder in Worten noch in Werken. Ihr wißt ja wohl noch, was der Rabbi Naphtali dem Salomo Goldstengel gethan hatte, eigentlich gar nichts; denn was machte das aus, daß er das Gerücht, Salomo habe sich taufen lassen, verbreitete. Die Serebrjansker hatten den Salomo freilich deshalb steinigen wollen, und cs hätte nicht viel gefehlt, so wäre er wirklich todtgeschlagen worden. Aber wenn dies auch geschehen wäre, so wäre doch nur ein Freigeist weniger in Israel gewesen, und Jedermann hätte dem Rabbi Naphtali recht gegeben, daß er seine Tochter von diesem Unhold zu befreien gesucht. Nun wagte es aber der abscheuliche Freigeist, sich an dem frominen Manne zu rächen. Und zwar dachte er sich eine Rache aus, die Jeden erbittern muß, der davon hört. Er schrieb an seine Berliner Geschäftsfreunde, meldete ihnen Altes, was Naphtali ihm gethan hatte, und bat sie, sie möchten einen Brief im Namen des Berliner Oberrabbiners uud ein falsches Testament, dessen Paragraphen er ihnen alle angab, im Namen Naphtalis aufsetzen und nach Serebrjansk schicken. Bevor aber dieses saubere Schriftstück ankam, hatte er schon die Kunde von Naphtalis Tod zu verbreiten gewußt, damit die Leute auf die Sache schon etwas vorbereitet seien und an die falsche Todesnachricht um so leichter glauben möchten. Auf diese Weise hat er das Vermögen dieses frommen Mannes vernichtet, hat sich an seinem Feinde gerächt und überdies noch die geliebte Rahel zur Frau bekommen. Nun sagt, liebe Leser, habt ihr je von solch' einer Abscheulichkeit gehört? Ihr wißt ja, daß der alte Naphtali ein ungeheurer Geizhals war. Denkt euch nun seinen furchtbaren Schreck, wenn er nach Hause kommt und sieht, daß sein Vermögen in alle Winde zerstreut und sogar sein Haus den Armen übergeben wurde. Und daß dieser freigeistige Salomo, der all das Unglück über ihn gebracht hat, nun gar noch sein Schwiegersohn ist, das setzt der Geschichte die Krone auf. Doch bevor ich die Rückkunft des alten Naphtali berichte, will ich von Salomos Hochzeit erzählen. Ich begreife es gar nicht, warum die redlichen und frommen Israeliten mit ihren Gegnern, den freigeistigen Epikuräern, so schön thun. sobald diese sie mit ihrem Gelde unterstützen, uud daß sie die Aufgeklärten ganz freundlich behandeln, wenn sie reich sind. Ich habe ja schon berichtet, wie feindlich die Serebrjansker gegen Salomo und Rahel gesinnt waren; und dennoch wurde den Beiden während ihrer Hochzeitswoche ein Uebermaß von Ehre und Hochachtung zutheil. Der Oberrabbi selber vollzog die Trauung und segnete mit fernen eigenen Händen die Braut und den Bräutigam unter dem Baldachin. Warum? Nur weil ihm dies fette Sporteln eintrug. Auch die Hilfsrabbiner, die Schächter und alle Thora- und Talmudlehrer kamen in Deborahs Haus, um sie zu beglückwünschen und sich bei der Hochzeit ihres „aufgeklärten" Sohnes zu freuen, lind sie konnten nicht genug reden und sagen, daß sie Alle keinen Augenblick an das alberne Gerücht von Salomos Taufe geglaubt hätten, da sie doch Alle wüßten, was für ein vortrefflicher junger Mann Salomo von jeher gewesen. Und alle Betschwestern des Ortes, die noch vor Kurzem die Rahel hatten eigenhändig erwürgen wollen, tanzten nun der Braut entgegen im Reigentanz, als sie am Arme Salomos aus der Chupa hervortrat; und sie segneten die Mutter und Schwiegermutter der Braut mit allen Segenswünschen der Welt. Und wofür das? Nur weil sie im Hause Deborahs einen fein gedeckten Tisch unb ein leckeres Mahl zu finden hofften. Ja, am meisten werdet ihr euch verwundern, wenn ihr erfahren werdet, wie sogar die Taucherin, die bigotte Gnendel Dresi, die bekanntlich an allen Frauen der Stadt etwas auszusetzen hatte, nun nicht genug rühmen tonnte, was für eine schöne und fronrme Braut die Rahel sei. Und mit ihren dürreren Beinchen tanzte sie allen anderen Frauen voran wie ein junges Lämmchen. Allerdings raunte man sich wiederum zu, das sei nur, weil sie von der Braut so ein schönes Tauchgeld bekommen habe. Aber das ist gewiß Verleumdung. Als nun Salomo am nächsten Sabbath ins Bethaus kam, regalirte ihn der Gabbai mit Maphtir, und der Kantor sang ihm zu Ehren eine halbe Stunde lang. Was soll das nun Alles bedeuten? Wer kann mir dieses Räthsel lösen? Oder soll ich wirklich glauben, daß die blanken Rubelstücke auch die Gottesfürchtigen und die Rabbiner verblendet haben? Aber sei dem wie ihm wolle. Jedenfalls erreichte dieser Schurke Salomo vollständig seinen Zweck, und kein Mensch kannte seine List und seine Tücke. Aber bis heute noch muß ich mich über seinen Muth und seine Frechheit wundern. Ich begreife gar nicht, daß er nicht fürchtete, der alte Naphtali könne plötzlich zurückkommen und dann — ja wer weiß, was dann geschehen wäre? Salomo hatte zwar seinen Berliner Freunden geschrieben, sie möchten den

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