Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1891)
- Date
- 1891-02-05
- Page
- Seite 69 (sequence 9)
- Language
- German
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69 Jacob Grimm. Dieser herrliche Mensch ist schwer gebeugt vom Tode seines Bruders und ließ mich nicht fort, und es war mir erhebend, wieler mein Streben im Auge behielt und immer wieder mir sagte, wie „Barfüßele" und „Friedrich der Große in Schwaben" ihn tief ergriffen hätten. Auch andere Briefe verrathen seine Schwärmerei für Berlin; er, der Süddeutsche, hatte einen merkwürdigen Respekt vor der norddeutschen Metropole. So schreibt er an Dr. Wolfsohn am 29. Juni 1860: „Wenn ich bei ganz verschiedenen Menschen, wie Dropsen, Max Duncker, Diesterweg und Adolph Menzel, bin und sehe und vernehme, wie sie mit einer Rapidität ohnegleichen ihre Arbeit vollführen. so erweckt es mir auf's Neue die Hoffnung: ein Volk, daß so stramm und mit vollem Einsatz seiner Aufgabe sich hingiebt, ein solches Volk hat eine große Zukunft für die Welt und für Deutschland insbesondere!" In hohem Grade intereffant sind die Urtheile Auerbach's über das deutsche Kaiserpaar Wilhelm I. und Augusta, den damaligen Prinz-Regenten; den Kronprinzen, nachmaligen Kaiser Friedrich; die Kronprinzessin, später Kaiserin Friedrich und den Hof überhaupt. Mit großer Befriedigung erwähnt er wiederholt in seinen Briefen, daß ihm das Glück zu Theil geworden, am Hofe verkehren zu dürfen, und mit großer Verehrung und Schwärmerei spricht er sich über denselben aus. Es sei hier ein Paffus aus einem Schreiben vom 10. Januar 1860 mitgetheilt: „Vorgestern war ich, wie Sie in den Zeitungen lesen werden, zum Thee eingeladen bei der Prinzessin von Preußen. Der junge Prinz und die englische Prinzessin, sowie mein Landsmann, der Prinz von Hohenzollern, waren auch da und Alle äußerst liebreich über mich. Nach Tisch sprach ich länger über Volksbildung mit dem Prinz-Regenten; er scheint viel und eigenthümlich darüber nachgedacht 'zu haben, ist gehalten und knapp in. seinen Erwiederungen und bezeigte sich sehr wohlwollend." Ich vermeide es aus leicht begreiflichen Gründen, Auerbach's kritische Urtheile über zeitgenössische Dichter und Schriftsteller, Politiker und Staatsmänner mitzutheilen, und möchte nur zur Kennzeichnung der scharfen Art seiner Porträtirung nachstehende zwei Aussprüche über Jean Paul und Alexander v. Humboldt reproduziren. ^Ueber Ersteren läßt er sich in einem Schreiben vom 6. März 1863 unter Anderem also aus: „Ich habe in diesen Tagen Jean Paul gelesen. O, wie gestorben ist dieser Geist! Eine verschüttete Welt ist er, zertrümmert, aber leider! war er auch lebendig kein Ganzes, und die Nachwelt wird ihn iminer schwerer zusammensetzen und fassen können! Jean Paul hat in manchen Stücken Aehnlichkeit mit Kaiser Joseph — Beide voll höchster Intentionen, edle, weiche Herzen, aber sie hatten Beide kein Kompositionstalent und schufen kein Ganzes, Festes. Beide haben den Begriff: „guter Mensch" fast in Verruf gebracht!" Sehr scharf urtheilt er über Alexander v. Humboldt anläßlich des Erscheinens des Briefwechsels des großen Naturforschers mit Varnhagen von Ense. In vielen Briefen macht er seinem Herzen Luft über die indiskreten Publikationen Varnhagen's, die seinerzeit n vielen maßgebenden Kreisen so sehr verstimmten. In einem Briefe vom Ostersonntag heißt es: „Nur ist das traurig, daß Humboldt's Doppelzüngigkeit — ich weiß, wie er dem Großherzog unterwürfig schrieb, habe selbst Widmungen gelesen rc. — so grell heraustritt; wäre sie nicht, er wäre ein Ideal des Mannes der Wissenschaft ohne diesen Varnhagen, der impotent geschichtlich und staatsmännisch nichts Rechtes, Geschlossenes machen konnte, durch Briefe, Tagebuchblätter rc. sich vor sich selbst in der Geschichte Position geben wollte. Die Briefe Humboldt's sind darum traurig, weil sie kokett sind und in der großen Mehrheit einen schielenden Blick haben. Daneben verkenne ich keineswegs die Wichtigkeit des geschichtlichen Beitrags und daß man bei Hofe dadurch gegen alle Schreibmenschen geschreckt ist. ..." Noch schroffer äußerte er sich in einem Briefe vom 14. April 1860: „Es ist von großer Bedeutung, daß Humboldt sich politisch und religiös fest kennzeichnete. Politisch ist er offenbar Republikaner, und religiös — worin er sich sonst immer hinter'm Berg gehalten und die christliche Mythologie hofmännisch schulte — tritt er auf Seite des absolut freien Gedankens. Das ist Alles neben den historischen Daten wichtig und groß, aber entsetzlich ist sein Grundsatz: „Man ist nur dem Wahrheit schuldig, den man hoch achtet." Dies löst alle Hingebung und Gradheit auf, und jedes Martyrium — sei es groß oder klein — wird zur Narrethei oder wenigstens Unklugheit. Man spricht bei Hof und expektorirt sich dabei republikanisch u. s. w. Der Kern ist: Humboldt schrieb diese Briefe für Varnhagen, weil er von ihm biographirt sein wollte, und er gab sich eine Positur, wie Manche vor dem Porträtmaler, und das ist schlimm, und daraus kommt all' das Schiefe und Verderbliche, das das sonst viel Gute in den Schatten stellt." Zum Schluß mögen hier noch einige Reflektionen Berthold Auerbach's folgen, welche Zeugniß ablegen von seiner humanen und edlen Gesinnung. In einem Briefe vom 16. Dezember 1860 sagt er unter Anderen:: „Ich bin noch immer der Narr, daß ich endlich glaube, ich könne innerlich verkommene Menschen retten. Welche Mühe gab ich mir, dem ** aufzuhelfen, welche Opfer brachte ich ihm! Und nun! . . . Aber entsetzlich ist es, daß die Schlechten so verderbend wirken, daß sie Einen fast irre und zaghaft machen, Neuen, denen man helfen soll, getreu und stetig beizustehen. Ich werde mich natürlich nicht so verderben laffen, aber viel zu denken giebt mir die Sache doch." Der Felsensturz zu Schandau im Jahre 1860 hatte ihn aufs Tiefste erschüttert, Auerbach war bestens besorgt, um für die Hinterbliebenen der Opfer der Katastrophe ein Scherflein zur Milderung ihrer Noth beizutragen. Er schreibt dem Freunde in Dresden unter Anderem: „Sie kennen den Ort auch ... wir waren damals im Hellen Frühlingsschein mit Fräulein K. just bis zu dem Steinbruch gegangen, und in ihrer Freude zog sie damals das grünseidene Tuch vom Halse und knüpfte es einem Kinde am Wege um . . . Und doch, ist es nicht wunderbar? . . . Einen Büchsenschuß von diesem Bergstürze, im stillen Anblick dieser Höhe schrieb ich vor zwei Jahren „Edelweiß", worin die Katastrophe eine Verschüttung und glückliche Errettung ist. Wie wunderbar fließt nun Geschehenes und Fingirtes zusammen!" d FEUILLETON Uache ist suß. Humoreske nach dem Hebräischen bearbeitet von Dr. S. Mandelkern. (Fortsetzung.) Alle Kinder Naphtalis waren ganz toll vor Freude; denn nachdem sie so lange in der Dürftigkeit geschmachtet, waren sie nun plötzlich wohlhabend geworden und konnten sich unter die Honoratioren der Stadt rechnen. Die unverschuldet ins Unglück gerathenen Bürger dankten Gott für die unvermuthete Hilfe; denn gleich nach der Trauerwoche wurde Naphtalis Hinterlassenschaft getheilt. Die zwanzigtausend für die Armenschule unt» das Kranken-