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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-05 · Heft 6 (5.2.1891) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 6 (5.2.1891)
Date
1891-02-05
Page
Seite 68 (sequence 8)
Language
German
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Aus ungedruckten Briefen Berthold Auerbach's. Von Dr. Adolph Kohut. Berthold Auerbach's Andenken lebt noch in frischer Ursprünglichkeit fort, denn er war ein Dichter und Schriftsteller, der nicht blos für den Augenblick schuf. Ein Geist von solcher Universalität hat auch in den Briefen, welche er an vertraute Freunde und Verwandte schrieb, eine so große Fülle der interessantesten und anregendsten Ideen entwickelt, daß dieselben es wohl verdienen, der Oeffentlichkeit übergeben zu werden. Zumal wenn diese Korrespondenz aus einer Zeit herrührt, wo Berthold Auerbach noch nicht zu den Berühmtheiten gehörte, welche ihre Briefe tendenziös, das heißt in der Voraussicht schreiben, daß diese dermaleinst dem Druck würden überliefert werden. Ich hatte Gelegenheit, in eine große Anzahl ungedruckter Briefe Einsicht zu nehmen, die Auerbach in den Jahren 1850 bis 1865 an einen seiner litterarischen Freunde. Dr. Wilhelm Wolfsohn, der in Dresden lebte und sich als dramatischer Schriftsteller, Kritiker und als Uebersetzer aus dem Russischen einen ehrenvollen Namen in der deutschen Litteratur gesichert hat, richtete. Bekanntlich lebte der Dichter von 1849 bis 1860 in Dresden in regem Verkehr mit Otto Ludwig und Julius Hammer, Wilhelm Wolfsohn und Anderen. Aus Schandau, wo Berthold Auerbach im Frühling und Sommer 1859 überaus glückliche Tage verlebte, schreibt er seinem Dresdener Freunde unter Anderem: „Schandau, im Rentamt, 8. April 1859. Diese Uebersiedlung war ein schwer Stück Arbeit, aber es ist doch wie ein Bewußtsein am Morgen aus dem Bett. Jst's auch im Bett unbehaglich, man bringt sich schwer heraus und redet sich ein, draußen sei bös Wetter; aber einmal draußen, da athmet sich's frisch un d man freut sich mit sich und mit der Welt. Ich kann nicht sagen, wie wohl's mir ist, wenn ich so wortlos hingehe und nichts will und nichts muß, als leben, und gerade diese erste Herbheit des werdenden Frühlings hat für mich was wohlig Robustes. Ich habe eine besondere Freude, wie wenn mir dies Alles neu geschenkt würde, wenn ich nach Haus komme und meine Familie finde, meinen Schreibtisch, meine Bücher und Alles mitten im Wald und Feld. Gestern habe ich auf dem Apfelbaum ganz nahe vor meinem Fenster ein Finkennest entdeckt, und heute habe ich gewiß schon eine Stunde lang den Vögeln zugesehen, wie sie sich ihr Heiin Herrichten. . . ." Auch in Misdroy, wo Berthold Auerbach im Herbst 1862 weilte, fühlte er sich von der Natur sehr erfrischt, wie dies die nachstehenden Zeilen aus Misdroy, an der Ostsee, 29. September 1862 bekunden: „Ich wollte, ich könnte Dich neben mich setzen, daß Du mit mir hinausschautest in diese stille, strahlende Unendlichkeit, die sich vor meinem Fenster ausbreitet. Nicht eine Kräuselwelle bewegt das Meer, und weit draußen schwimmen die vielen Fischerboote, als wären es Raubthiere, und die Ruder, die sich heben, sind wie Floßfedern, und landeinwärts Wald und Wiese ruht so still im Sonnenschein, als saugte Alles mit innerem Genügen die letzten warmen Strahlen ein. Wie sanft beseligt ist die ganze Welt, nur das Menschenherz ist ewig in ruheloser Bewegung." Die Idylle in Schandau wurde durch die Judenverfolgungen in Rumänien Auerbach, der Zeit seines Lebens ein warmes Herz für die Freuden und Leiden seiner Glaubensgenoffen hatte, getrübt. Er giebt seiner Entrüstung und Erbitterung über die Ausschreitungen Ausdruck. Einem Briefe aus Schandau, 28. April 1859 entnehmen wir Folgendes: „Diese entsetzliche Metzelei in Galatz! . . . Mir wollte das Herz vergehen, und ich knirschte in namenloser Wehmuth und im Ingrimm, da ich wieder erfahren mußte, was die Pfaffen aus der Welt und dem Menschenleben machen. Ist nicht Alles schamlos-dämonisches Gaukelspiel, und dazwischen hinein blühen die Bäume und singen die Vögel und rauscht der Wald! . . . Ich las den Bericht über den kannibalischen Mord in Galatz. Also wieder und wieder! Wie in der Hunnenschlacht die Geister der Ermordeten immer wieder kämpfen, so ewig und immer wieder diese Lügenleiche von dem Osterblute. Wir gehen auf stillen Wegen und stehen am Schreibpult und sammeln uns in innerster Seele, um einen Keim der Veredlung, der Verschönerung in die Welt zu tragen, und unversehens spritzt uns das Blut unserer Brüder ins Angesicht. Ich weiß' mich vor Entsetzen und Gram gar nicht zu fassen. Seit gestern geh' ich umher und weiß nicht, was ich bin, wo und was ich soll." Auch in einem anderen, aus Schandau, 30. April 1859, datirten Brief spricht er sich in sehr pessimistischer Weise aus. Es heißt dort:. „Man hat schon schwer genug zu wachen und zu arbeiten, das Bischen Seelenkraft in sich zu erhalten und für das Dasein der Nächsten zu sorgen, und nun dieses entsetzliche Geriffenwerden ins Weite, Bodenlose! Man hat schon schwer genug zu tragen an den allgemeinen moralischen Schicksalen. Ich sah gestern einen Raben, der in der Luft einen Staar verfolgte, und ich weiß nicht, woher sie kamen und was sie mit einander hatten; der Staar rettete sich durch eine geschickte Wendung. Wo ist außer der ausgehungerten Spinne ein Thier, das ein eigenes seiner Art und Gattung verfolgt, ja aus dem Neste treiben will? Ich weiß nicht, ob schon je der Vorzug oder die Unterscheidung des Menschen von den Thieren darin bezeichnet wurde, daß der Mensch alle sinnreichen Mittel hat und übt, seine eigenen Mitgeschöpfe zu verfolgen. Ich glaube, der Unterschied ist allgemeiner und bewährter, als die berühmte Liebe. ... Und doch müffen wir wieder glauben und wieder vertrauen der Güte, der Vernunft, müffen, wenn wir leben und nicht wahnsinnig werden wollen!" Am deutlichsten tritt sc ine Entrüstung in einem dritten Briefe aus Schandau, 15. Juli 1859, zu Tage. Dort heißt es: „Es muß etwas kommen, was unsere ganze lügnerische Kultur um und um wühlend vertilgt. Der Glaube an einen solchen Jdeen-Messias hält aufrecht. Der Hauptstock der heutigen Menschheit besteht aus Betrogenen und Betrügern.... Ich wollte, ich hätte jetzt einen äußerlichen Handwerksberüf, um nur lange, lange Zeit' nichts mehr zu wiffen von all' den aufgehäuften Ideen, Hoffnungen u. s. w. Was ist denn das Alles? Wenn's d'rauf und d'ran kommt, herrscht die brutale Schlauheit, am allerwenigsten die sogenannte Liebe, Gotteskindschaft, Heiligkeit rc. Das sind nur Angelphrasen zum Export für Andere, selber wollen sie Alle nichts davon wiffen." Eine viel frohere Gemüthsverfaffung bekunden die Briefe aus Berlin, wohin Berthold Auerbach im Jahre 1860 übersiedelte. Die norddeutsche Residenz übte einen mächtigen Zauber auf den Dichter aus; er schreibt im Ueberschwang seiner Gefühle folgende Epistel dem Freunde, ckäo. 10. Januar 1860: „Ich kann Ihnen aber doch sagen, daß Berlin, im Großen und Ganzen genommen, einen stählend frischen Eindruck auf mich gemacht. Hier ist Alles stramm geweckt. Selbst die Physiognomien auf den Straßen haben etwas von einem permanenten Appell, als wäre eben erst Tageswacht geblasen, und ein gewiffes Gefühl der Großheit, eine zukunftsstchere merkantilische Betriebsamkeit und Selbstbethätigung geht durch alle Geniüther und Lebensäußerungen. Einen tief anmuthigen Abend hatte ich bei

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