Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1891)
- Date
- 1891-02-05
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227884--47700-3270178- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
67 in die Hölle. So lehrt das alte Testament." — Er unterläßt es wohlweislich,' die Stellen-das alten Testaments zu zitiren, wo dies gesagt wird, und seine Behauptung scheint mir von der historischen Wahrheit noch weiter entfernt zu sein, als die Renans, wenn sich auch Andeutungen auf eine Fortexistenz nach dem irdischen Tode im alten Testament finden. Manche Propheten zogen, wie Renan selbst bemerktdas einzelne Individuum nicht in Betracht, sondern betrachteten die ganze Nation als Objekt von Strafe und Belohnung und verkündeten eine irdische Ausgleichung in ferner Zukunft; Andere, -wie Jeremias, lehrten, Gott könne nicht fehlen; tuenn er strafe, so sei gewiß eine Sünde begangen worden, und der Sünder müsse seine Strafe dulden. 'Dazu bemerkt Renan: „Welche ritterliche Behauptung, welch' erhabener Glaube, der alle Fehler des Israeliten entschuldigt und ihn zum wahren Bekenner Gottes auf Erden macht. Der Held dieses verzweifelten Versuches, die göttliche Vorsehung gegen den Augenschein 31t vertheidigen, ist jener Mainzer Rabbiner des dreizehnten Jahrhunderts, der, zum Scheiterhaufen geführt, sich aller Arten erdichteter Verbrechen anklagte, um nur nicht zugeben zu müssen, daß Gott einen Unschuldigen leiden lassen könne." Doch hätte Renan nicht außer Acht lassen sollen, daß neben diesen Versuchen! „to assert etenial providence And justify the ways of' God to men“ schon sehr lange vor dem 13. Jahrhundert der Glaube an den Messias bei den Juden vorhanden war. Aber Renan begnügt sich nicht, uns vom Glauben und von den Thaten der alten Hebräer zu erzählen, sondern stellt uns, wie bereits erwähnt wurde, auch die Gegenwart gern zur Vergleichung daneben, und hier zieht er ein wenig den Schleier weg von dem, was er glaubt: „Eine ausgedehntere Kenntniß und die Gewohnheit, zwischen der bewußten,und der unbewußten Vernunft zu unterscheiden, hat für uns das Problem, das diese alten Weisen so quälte, fast ganz aus der Welt geschafft und an dessen Stelle eine furchtbar klaffende Wunde gelassen. Es fand keine Heilung, nur eine Exstirpation statt, und diese Operation wird für die Menschheit vielleicht tödtliche Folgen haben. . . ." „Es bleibt uns nur der eine Trost des Psalmisten — zu weinen, das betrübte Herz durch Thränen zu erleichtern. Und deshalb, wenn Alles versagt, bleiben die Psalmen unser Gebetbuch, unser immerwährender Trost." Noch schärfer tritt Renans Pessimismus an einer anderen Stelle hervor, wo er den Vers des Jeremias (Gl,58), „daß der Heiden Arbeit verloren sei und verbrannt werde, was die Völker mit Mühe erbaut haben", kommentirt und um seine Bewunderung desselben zu beweisen, ihn mitten in seinen französischen Text hinein in der Ursprache mit ihrer Quadratschrift abdrucken laßt: „Was der Grieche mit seinem wunderbaren Verständniß für die kleinen kindischen Freuden ' innerhalb seiner Stadtmauern nicht sehen konnte — die Ruinen der großen Staaten mit der Wuth und den Thränen, die sie Hervorbringen, das überlegene tief traurige Gefühl, mit dem der friedliche Mensch diese Ruinen betrachtet, das Mitleiden, das die für das Nichts arbeitenden Völker im Herzen des Weisen erregen, die Eitelkeit aller Dinge und das Feuer als letzter Richter des Menschengeschlechts — das Alles, was der Grieche nicht sehen konnte, das verkünden die jüdischen Propheten mit wunderbarer Einsicht: „daß der Völker Arbeit verloren sei und verbrannt werde, was'die Nationen mit Mühe erbaut haben." Zehn Seiten später kommt Renan wieder auf diesen Vers zurück, um ihn auf die Sozialisten, die Bekämpfer des Nationalitütenwesens, l) Ich habe oben das von Renan an verschiedenen Stellen Gesagte der besseren Uebersicht wegen zusammengezogen. anzuwenden. „Der Sozialismus wird nach den jüdischen und christlichen Visionen wahrscheinlich einst die Patrioten tobten und nach dem Begräbnißritual judicare seculuni per ignem." Aber Renan läßt die Menschheit nicht ganz ohne Trost, und nach seiner Gewohnheit sieht er auch vom Sozialismus die gute Seite: „Wie für den zweiten Jesaias giebt es auch für unsre Sozialisten keine Enttäuschung. Noch jeden! mißlungenen Versuch fangen sie wieder von vorn an; hat man diesmal die Lösung nicht gefunden, so wird man sie ein anderes Mal finden. Cs fällt ihnen gar nicht ein, daß es keine Lösung giebt, und darin liegt ihre Stärke./ Der Philosoph hat ein großes Ziel erreicht, wenn er zur Einsicht gelangt, daß alle menschlichen Dinge nur ein Ungefähr ohne Ernst und ohne Bestimmtheit sind, aber er entsagt damit jedem thütigen Eingreifen. Die Zukunft gehört denen, welche nicht enttäuscht werden. Wehe denen, von welchen der Apostel Paulus sagt: ,spem non habent’!" Weiß aber Renan außer der Hoffnung auf irdische oder überirdische Belohnung nichts, was zur Tugend anspornt? Kennt er außer dem zwecklosen Weinen oder täuschungsreichen Hoffen keine das Weisen würdige Beschäftigung? — „Laboremus" war das letzte Wort eines heidnischen römischen Kaisers und „Beatitudo non est virtutis praemium sed ipsa virtus" hat ein Jude gesagt. Wohl jede Religion hat Bekenner gehabt, welche an ihr treu festhielten, fromm und tugendhaft waren, nicht weil sie in diesem oder in einem künftigen Leben dafür belohnt zu werden erwarteten, sondern weil sie einem innersten Trieb ihrer Natur folgten; und gerade im Widerstande gegen feindliche Mächte, gerade unter Verfolgungen ist dieser Trieb am stärksten wirksam gewesen. Und Renan selbst, der so fest überzeugt ist, daß es kein Jenseits mit Lohn und Strafe giebt — würde er sich etwa durch Kerker und Folter bewegen lassen, seine Ueberzeugung zu verleugnen und sich zu irgend einer ihm aufgenöthigten Religion bekennen? Doch kehren wir von dem Autor und seinen Anschauungen zu seinem Werke zurück. Wir sollten ja eigentlich, da es den Titel „Geschichte" führt, auch ein Resume seines historischen Inhalts geben; aber wir glauben dem deutschen Leser damit nicht viel nützen zu können. Wer seine Bibel gut kennt, wird von der Geschichte des jüdischen Volkes von 710 bis 535 v. Ehr. beinahe so viel, wer die besseren deutschen Werke über diese Zeit gelesen hat, vielleicht etwas mehr davon wissen, als er aus diesem Bande des französischen Historikers erfahren kann. Der Fachmann wird wohl manches gegen Renans Textkritik und seine Bestreitung jedes Einflusses des babylonischen Exils auf die religiöse Entwicklung des Judenthums einzuwenden haben, aber das wollen wir den Fachblättern überlassen. Der Politiker wird sich vielleicht darüber aufhalten, wenn Renan die Hoffnung der Juden zur Zeit des Königs Hiskia, Aegypten werde sie gegen den König von Assyrien unterstützen, mit den Hoffnungen „unruhiger Geister in Frankreich" auf die russische Allianz vergleicht; aber das geht nur die Franzosen an, für die ja das Buch geschrieben ist. Und selbst bei diesen wird es gewiß nicht den Beifall finden, welcher Renans ersten Werken zu Theil ward. Von seiner „Vie de Jesus“ wurden 300,000 Exemplare verkauft, und 1500 Publikationen soll sie im ersten Jahre ihres Erscheinens hervorgerufen haben. Wie klug war es von Renan, daß er nicht die chronologische Ordnung befolgte und die Geschichte Israels erst zu schreiben begann, nachdem er sich durch die „Origines du Gbrislianisine" und andere Werke einen so wohlverdienten Ruhm erworben hatte. Die „Histoire du peuple d'Israel" hätte seinen Namen kaum außerhalb der Fachkreise bekannt gemacht. Jetzt deckt die Flagge die Waare, wenigstens beim großen Publikum. , 9