Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1891)
- Date
- 1891-02-05
- Page
- Seite 66 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227884--47699-3270177- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
66 Wir haben keine Veranlassung, von Renan eine Belegung dieser letzten Behauptung mit Beispielen aus der Geschichte zu verlangen, denn was in dem Munde eines Anderen eine schwere Anklage wäre, hat bei ihm, der selbst kein Freund des politischen Staates ist, keine so große Bedeutung. Wir dürfen aber nicht verschweigen, daß er eine Seite des jüdischen Prophetenthums und seiner Doktrin hervorhebt, welche durchaus nicht geeignet erscheint, ihm die Gunst der Herrscher und Großen zu erwerben — nämlich die sozialistisch revolutionäre. Mit einer gewissen Aufdringlichkeit, die man bei jedem Anderen als dem jeder politischen Parteinahme fernstehenden Renan für tendenziöse Parteilichkeit halten könnte, kommt er immer wieder ans diesen Bestandtheil des Prophetenthums zurück. Eine Stelle des Propheten Jesaia zitirend, setzt er hinzu: „Glaubt man da nicht, einen modernen Sozialisten zu hören, wie er gegen das stehende Heer deklamirt, das Vaterland verhöhnt, mit einer gewissen Freude dessen bevorstehende Niederlagen verkündet und seine Lehre in den Worten „Gerechtigkeit für das Volk, das ist die wahre Revanche, nur wenn man die Gesellschaft umgestaltet, wird man die Feinde besiegen können, wo der Arme ausgebeutct wird, wo die Reichen Vorrechte genießen, da giebt es kein Vaterland'", zusammenfaßt?" An einer anderen Stelle sagt er wieder: „Es gab in Jerusalem eine Bande von Heulern, die man nur mit den radikalen Journalisten der Gegenwart vergleichen kann, und welche jede Regierung unmöglich niachten. Der König, die Prinzen und die Offiziere, die ganze patriotische und Militärpartei waren höchst ungehalten über den Eifer, mit dem diese Leute das Volk in einem so kritischen Momente entmuthigten." . . . „Wie man sieht, war eine Verständigung unmöglich zwischen Fanatikern, welche das Vaterland lieber untergehen sehen, als minder heiligfromm haben wollten und Soldaten, welche, obwohl nicht irreligiös, doch eines hohen religiösen Aufschwunges nicht fähig waren." „Unterwerfet euch dem König von Babylon, damit ihr das Leben behaltet," predigte Jeremias. „Aber wenn das Vaterland in Gefahr ist, gilt Jeder für einen Verräther, der die Größe der feindlichen Macht verkündet. Stellen wir uns vor, ein Publizist durchliefe im Juli 1870 die Boulevards mit einem Strick um den Hals und verkündete den Sieg der Preußen. Hätte man ihn nicht des schärfsten Tadels werth gehalten?" . . . „Die Offiziere hatten vollkommen Recht, wenn sie von Jeremias sagten, er schwäche den Arm der Krieger im belagerten^Jerusalem. Wie der Ausgang lehrte, hatte freilich der alte Prophet Recht, aber es giebt Zeiten, wo es weise ist, die Narren handeln zu lassen. Und dann überstieg seine heftige Sprache alle Grenzen. Man kann es nicht oft genug wiederholen, diesem Prophetenthum entspricht nur die moderne Journalistik der schärfsten Tonart (du style le plus effrene); Jeremias hat viele Aehnlichkeit mit manchen Leuten, die wir gut kennen, er war ein Felix Pyat." Gegen die Vorwürfe, die man Renan bereits wegen dieser allzuhäufigen Heranziehung moderner Analogien gemacht hat, vertheidigt er sich in der Vorrede nicht etwa mit der Behauptung, daß die damaligen Verhältnisse in Judäa den jetzigen in Frankreich ähnlich waren, einer Behauptung, die freilich mehr als verwegen wäre, sondern mit dem allgemeinen Satze: „An der Geschichte des alten Judenthums kann man am besten den Gegensatz zwischen politischen und sozialen Fragen sehen. Die jüdischen Denker waren die ersten, welche sich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt auflehnten, welche die Ungleichheiten, Mißbräuche und Privilegien, ohne die keine Armee und keine sichere Gesellschaft bestehen kann, nicht ertragen wollten. Sie setzten ihre eigene kleine Nation aufs Spiel und gründeten dagegen das religiöse Gebäude, welches als Judenthum, Christenthum, Islam bis auf unsre Tage der Menschheit Zuflucht bildete. Die modernen Völker mögen sich ja diese Lehre merken: Die Völker, welche sich der Lösung der sozialen Frage widmen, werden untergehen, aber wenn dieser die Zukunft gehört, dann wird es schön sein, für die triumphircnde Sache den Tod erlitten 51t haben!" Renan hat Worte höchster Bewunderung für das, was die Griechen in Wissenschaft, Philosophie, Politik und Litteratur geleistet haben, „aber in ihrer kindlichen Heiterkeit hatten sie kein Verständniß für die höchsten religiösen und sozialen Fragen. Die Fahne der Religion der Zukunft hat Jesaias aufgepflanzt, als Solon und Thales noch nicht geboren waren." Fragt man nun, welches dieser beiden Völker sich mehr verdient gemacht hat, so wird man bei Renan jedenfalls keine Antwort darauf finden, wie er ja überhaupt jedes Aussprechen eines bestimmten Urtheils vermeidet. Die Dinge haben bei ihm immer zwei, mitunter auch drei Seiten. Im vorigen Jahrhundert hat es viele Leute gegeben, die mit ihrer ewigen Zweifelsucht Staat machten. Pyrrhonist war eine Name, zu dem man sich mit Stolz bekannte. In unserm Jahrhundert hat die Zahl der offenen Bekenner des Pyrrhonismus sehr abgenommcn. Mau sieht fast nur Leute, die fest glauben, entweder an das, was die Kirche lehrt, oder an das, was Darwin und Häckel lehren, oder an ihre eigene Weisheit. Renan gehört noch zu den Wenigen, die ihre Unwissenheit offen bekennen, und gerade bei ihm zweifeln wir, ob dieses Bekenntniß ein aufrichtiges ist. Der muselmanische Theologe schließt sein Gutachten gewöhnlich mit den Worten: „Gott allein weiß die Wahrheit." Wenn Renan eine Sache hin und her gewendet und von allen Seiten betrachtet hat, um dann den auf seine Entscheidung begierigen Leser unbefriedigt zu entlassen, so scheint es uns fast, er habe nicht die Ulema-Phrase, sondern ein „Ich allein weiß die Wahrheit" aus Bescheidenheit weggelassen. Was Renan an der israelitischen Religion am meisten bewundert, ist, daß sie sich die unerschütterliche Anhänglichkeit ihrer Bekenner sichern konnte, ohne die Versprechungen und Drohungen mit einer Vergeltung im Jenseits zu Hilfe zu nehmen. „In mancher Beziehung fortgeschrittener, als andere Völker," sagt er, „sehen die Israeliten sehr wohl, daß Belohnungen und Strafen im Jenseits ein wesenloses Nichts sind. Hier, in diesem irdischen Leben müßte sich die ausgleichende höchste Gerechtigkeit zeigen, und doch läßt sie den Bösewicht sehr oft gedeihen, während der Gerechte und der Tugendhafte ebenso oft von unverdientem Unglück betroffen wird. Wenn Jehovah der Gott der Gerechtigkeit prrr excellence ist, wenn Alles, was in der Welt vorgeht, durch ihn, mit seinem Wissen geschieht, so muß doch einmal eine Abrechnung zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen, eine Ausgleichung der Rechnung und Auszahlung des Saldos stattfinden. Wer Gutes gesäet hat, soll Gutes, wer Böses gesäet hat, soll Böses ernten. Aber die tägliche Erfahrung zeigt uns das gerade Gegentheil! Stellt man die Frage so, dann ist sie unlösbar, oder vielmehr, sie beruht auf der falschen Prämiffe, daß die Welt von einer weisen und gerechten Vorsehung regiert wird. Diese Uebertreibung des Dogma's von der Vorsehung ist der große Jrrthum des Judenthums und des Islams. . . . Die ganze Geschichte des Judenthums besteht in dem Kainpfe gegen diese Antinomie, und es brauchte sechshundert Jahre, bis es zu der Lösung kam. welche der Glaube an die persönliche Unsterblichkeit den Ariern so schnell brachte. . . . Und doch geschah das Unerhörte, das; der Judaismus Wunder der Selbstaufopferung hervorrief, ohne mit Hoffnungen auf eine Belohnung in einem jenseitigen Leben zu locken." Wolfgang Menzel sagt in seiner „Vorchristlichen Unsterblichkeitslehre" : „Der Mensch bestehe zwar auch hier eine Prüfungszeit, komme aber nach dem Tode, je nachdem er Gottes Geboten gehorcht und rechtschaffen gelebt hat oder nicht, einfach in den Himmel oder